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Gislason nimmt mit großer Vorfreude Arbeit als Bundestrainer auf

Handball : „Druck empfinde ich als etwas Schönes“

Der Isländer startet seine Arbeit als Handball-Bundestrainer mit Ehrgeiz, Engagement und Vorfreude. Im April geht es um Olympia.

Alfred Gislason startet mit großer Vorfreude in seinen ersten Lehrgang als Handball-Bundestrainer. Mit der einwöchigen Maßnahme in Aschersleben und dem abschließenden Testspiel an diesem Freitag (18 Uhr/ARD) gegen die Niederlande tritt Gislason beim Deutschen Handball-Bund (DHB) endgültig die Nachfolge des freigestellten Christian Prokop an. Der 60-Jährige soll das deutsche Team beim Olympia-Qualifikationsturnier in Berlin (17. bis 19. April) zu den Sommerspielen in Tokio führen und dort eine Medaille holen.

Herr Gislason, am Montag haben Sie erstmals Ihr neues Team getroffen. Wie froh sind Sie über Ihre Rückkehr auf die große Handball-Bühne?

ALFRED GISLASON Ich hätte nicht gedacht, dass ich wieder so viel Bock auf Handball habe. Drei, vier Monate lang war die Pause überragend, aber dann habe ich gemerkt: Du musst wieder los! Ich freue mich richtig auf die neue Aufgabe.

Verspüren Sie nach 40 Jahren im Handball-Geschäft noch so etwas wie Nervosität in Ihrem neuen Job?

GISLASON Eine gewisse Nervosität ist immer da. Ich finde, das ist auch gut. Wenn das nicht mehr der Fall ist, hat man das Feuer verloren. Ich freue mich, dieses Kribbeln wieder zu spüren.

Sie haben das Bundestrainer-Amt als Traumjob bezeichnet. Warum?

GISLASON Ich lebe seit 29 Jahren in Deutschland, habe die Hälfte meines Lebens hier verbracht. Ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt und kenne in der Liga alle Leute. Die Spieler, die da heute spielen, habe ich mehr oder weniger aufwachsen sehen. Vor vielen Jahren habe ich den Job nicht annehmen können, weil ich dem THW Kiel verpflichtet war. Die Anfrage jetzt kam unerwartet, aber ich freue mich auf den Start.

Welche neuen Impulse wollen Sie dem Nationalteam geben?

GISLASON Hier ist das Prunkstück traditionell die Abwehr mit den Torhütern. Kein Land der Welt hat so viele gute Torhüter wie Deutschland. Das hat bislang gut funktioniert, kann aber noch verbessert werden. Genau wie das Umschaltspiel im Angriff und das schnelle Spiel nach vorne, da werde ich einige Änderungen vornehmen.

Die Nationalspieler können auch abseits von Lehrgängen auf Ihre Taktiken und Ideen zurückgreifen. Wie wird das kommuniziert?

GISLASON Ich stelle den Spielern alles über Dropbox zur Verfügung, da können sie auf Videosequenzen zurückgreifen. Das erleichtert mir die Arbeit. Wenn die Spieler in die Halle kommen, wissen sie genau, was wir trainieren werden.

Sind Sie also doch eher Laptop-Trainer als Old-School-Coach?

GISLASON Durch mein Alter gehöre ich sicherlich zur Kategorie Old School, aber es hat sich noch keiner beschwert, dass ich nicht mit der Technik umgehen kann.

Bleibt der zurzeit verletzte Uwe Gensheimer Ihr Kapitän?

GISLASON Er kann nicht Kapitän sein, wenn er nicht da ist. Durch seinen Ausfall ist klar, dass es in dieser Zeit einen anderen Kapitän geben wird. Ich habe meine Ideen, wie genau ich das machen möchte, das wird aber erst intern besprochen.

Sehen Sie Andreas Wolff bei den Torhütern als Nummer eins?

GISLASON Ich habe in den letzten Jahren immer mit einem Torhüter-Duo gearbeitet. Jogi Bitter hat, obwohl er etwas älter ist, eine überragende EM gespielt. Er war der zweite Mann hinter Andi, das wird sicherlich erstmal so bleiben. Aber im Handball hat man den Vorteil, dass man schnell wechseln kann. Und im Hintergrund lauert noch Silvio Heinevetter.

Der Druck ist zu Beginn Ihrer Amtszeit mit dem Olympia-Qualifikations-Turnier im April groß. Wie gehen Sie damit um?

GISLASON Druck ist für viele etwas Angsteinflößendes, aber ich habe das meistens als etwas Schönes empfunden, denn Druck ist die Erwartung, etwas richtig Gutes abzuliefern. Und ich bin mir ganz sicher, dass diese Mannschaft das kann. Wir haben ein Team, das langsam in die besten Jahre kommt. Viele unserer Spieler spielen Europapokal, Champions League und wissen ganz genau, wie sie mit Druck umgehen können.

War die Perspektive Olympia ein Hauptgrund für Sie, als Bundestrainer anzuheuern?

GISLASON Natürlich war das wichtig, das ist ein Traum. Ich habe Olympia zwei Mal als Spieler miterlebt. Es wäre großartig, das als Trainer zu wiederholen.

Der Deutsche Handball-Bund hält am ehrgeizigen Ziel Olympia-Medaille fest. Ist das in Ihrem Sinn?

GISLASON Bevor wir über Ziele in Tokio sprechen, sollten wir erstmal dabei sein. Deswegen möchte ich eigentlich nicht so viel darüber sagen. Wenn man aber ehrlich ist: Mindestens die Hälfte der Mannschaften, die es zu Olympia schaffen werden, hat auch den Traum von einer Medaille. Das wird uns nicht anders gehen – falls wir die Qualifikation schaffen.

Wie schwierig wird die Quali?

GISLASON Es gibt drei Stolpersteine. Es fängt schon schwer an mit Schweden, das sehr gut besetzt ist. Die kommen auch aus einer EM, mit der sie alles andere als zufrieden waren, und mit dem neuen Trainer Glenn Solberg. Das wird ein knüppelhartes Spiel für uns. Am zweiten Tag kommt Slowenien, das bei der EM um die Medaillen gespielt hat. Sehr abgezockt und spielstark. Und dann müssen wir gegen Algerien, das individuell gute Leute hat und unorthodoxen Handball spielt, höllisch aufpassen. Wir müssen die Nerven behalten und hoffen auf eine Riesenstimmung in Berlin.

Wie wichtig ist der Heimvorteil?

GISLASON Der kann extrem viel bewirken. Wenn die Max-Schmeling-Halle ausverkauft und die Stimmung da ist, können die Zuschauer extrem viel Druck erzeugen.

In den vergangenen Wochen haben Sie die EM-Spiele der deutschen Mannschaft studiert. Wie weit ist das DHB-Team von der Weltspitze weg?

GISLASON Gar nicht so weit weg. Deutschland hatte Verletzungssorgen, aber die Abwehrleistung und das Torhüterspiel waren sehr gut. Es fehlte ein wenig die Stabilität. Wir haben alle Möglichkeiten, in den nächsten Jahren zur Weltspitze zu gehören.

Hatten Sie inzwischen Kontakt zu Ihrem Vorgänger Christian Prokop?

GISLASON Nein. Ich bekomme diese Frage oft gestellt, aber sie ist nicht realistisch. Ich habe auch noch nie gehört, dass ein Nachfolger einen Vorgänger angerufen hat. Ich bin in meiner Karriere auch zwei Mal entlassen worden, das ist mir auch nie passiert. Dass es so gekommen ist, tut mir leid für Christian. So ist das im Profisport.

Und haben Sie zuletzt mit ihrem Landsmann und Vor-Vorgänger Dagur Sigurdsson telefoniert?

GISLASON Telefoniert nicht, aber Dagur war einer der Ersten, die mir gratuliert haben. Seine Nachricht endete mit den Worten: Hoffentlich sehen wir uns in Tokio.

Wer kümmert sich in den nun kommenden stressigen Wochen um Ihre Rosen und Obstbäume?

GISLASON Es ist alles schon gemacht, der Garten sieht ganz gut aus. Der Sommer kann kommen.