Deutsche Handballer ziehen bei der EM zur Zwischenrunde nach Wien um

Deutsche Handballer vor EM-Zwischenrunde : „Unsere Chance liegt im Steigerungspotenzial“

Deutsche Handballer ziehen bei der EM nach Wien um, wo es an diesem Donnerstag zum Hauptrundenstart gegen Weißrussland geht.

Julius Kühn tauchte ab in die Slums von Birmingham. Die britische Drama-Serie Peaky Blinders über eine Gang im Nachkriegsengland der 1920er-Jahre brachte den Rückraumspieler der deutschen Handballer hoch über den Wolken auf andere Gedanken. "Da kann ich gut abschalten", sagte Kühn, der nach einer schwachen Vorrunde des DHB-Teams so etwas wie die personifizierte Hoffnung für die Hauptrunde ist.

Den Ortswechsel nach Wien am Dienstag empfanden Kühn und Co. als kleinen Neuanfang. "Wir sind alle relativ froh, dass wir in ein neues Umfeld kommen", sagte Kühn: "Das kann uns vielleicht auch irgendwo beflügeln." Bundestrainer Christian Prokop beteuerte: "Wir freuen uns auf Wien." Die Vorfreude auf die am Donnerstag gegen Weißrussland beginnende Hauptrunde wird allerdings von Sorgen getrübt. Bislang konnte das deutsche Team sein Leistungsvermögen nicht abrufen, für den angepeilten Sprung ins Halbfinale braucht es angesichts der aktuellen Verfassung eine gewaltige Steigerung. Das DHB-Team befindet sich auf der Suche nach Stabilität.

"Wir sind gerade nicht in den Leistungssphären, die wir für ein eventuelles Halbfinale bräuchten, das ist klar", sagte Prokop, der aber nicht vom großen Ziel abrücken wollte. Seinem Team seien gegen Titelverteidiger Spanien (26:33) und EM-Debütant Lettland (28:27) Defizite aufgezeigt worden, man sei von den Medaillen "im Moment ein bisschen weit weg. Aber das heißt nicht, dass wir uns da im Turnier nicht noch heranrobben können."

Ausgerechnet in der sonst so stabilen deutschen Defensive hapert es gewaltig. Während im Angriff zumindest die starke Leistung (acht Tore bei neun Versuchen gegen Lettland) von Kühn als Mutmacher taugt, präsentiert sich das Prunkstück der vergangenen Jahre bislang ungewohnt löchrig. Der Mittelblock mit den Kieler Hünen Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek bekommt (noch) keinen Zugriff, und auch die sonst so starken Andreas Wolff und Johannes Bitter im Tor stecken im Formtief.

"Unsere Chance liegt im Steigerungspotenzial. Momentan sind wir nicht imstande, Kroatien oder Spanien zu schlagen, aber vielleicht in zwei Spielen", sagte Prokop. Das Tableau meint es gut mit seinem Team. Mit Weißrussland wartet zunächst kein übermächtiger Gegner, bevor es am Samstag gegen die starken Kroaten geht. "Wir sind als Mannschaft zusammen gefragt, alles zu investieren, dass wir uns von Spiel zu Spiel steigern", sagte Prokop.

Kapitän Uwe Gensheimer wirkte nachdenklich. Als Mannschaft sei man "leider noch nicht so weit", sagte der Linksaußen und versuchte, den Vorstellungen der Vorrunde etwas Positives abzugewinnen. Für das gesamte Team sei es "gar nicht schlecht, jetzt mit ein bisschen niedrigeren Ansprüchen nach Wien zu fahren und vielleicht mit einer anderen Rolle und einem anderen Denken ins Spiel zu gehen". Sein Mitspieler Kai Häfner fasste die Stimmungslage der Mannschaft vor der Reise nach Wien treffend zusammen: "Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen und wollen es jetzt in der Hauptrunde besser machen."