Titelfavorit USA startet mit Rekordsieg gegen Thailand in die WM

Frauenfußball : Superlative sind die Messlatte des US-Frauenfußballs

Der Titelfavorit startet mit einem 13:0-Rekordsieg gegen Thailand in die WM. Die Spielerinnen präsentieren sich wie aufgeputschte Rennpferde.

Wer Megan Rapinoe (33) hinterher ins Gesicht schaute, schien im Stade Auguste Delaune in Reims eine andere Person anzutreffen als vor dem Anpfiff. Ihre neuerdings hauchzart rosablond gefärbte Haarpracht reflektierte das Licht der Scheinwerfer, als die Kapitänin der US-Fußballerinnen realisiert hatte, dass das 13:0-Schützenfest gegen Thailand gleichzeitig den höchsten Sieg in der Geschichte der Frauen-WM bedeutete. „Das freut uns natürlich, wir möchten jeden Weltrekord haben“, sagte die 154-fache Nationalspielerin und lächelte selig.

War das wirklich dieselbe Rapinoe, die so angespannt in Reims den Rasen betreten hatte? Die nicht die Hand auf die Brust legte, als die Nationalhymne ertönte? Die lesbische Power-Frau singt aus Protest gegen Donald Trump als einzige US-Fußballerin nicht mit. Und doch hatte die Anführerin später dasselbe triumphale Glitzern ihrer Mitspielerinnen in den Augen. „Wir wollten ein Statement abgeben“, sagte sie.

Zuerst sportlich. Fünf Mal schlug allein Angreiferin Alex Morgan zu, die damit eine Uralt-Bestmarke der US-Legende Michelle Akers einstellte. „Ich fühle mich großartig. Jedes Tor kann zählen. Wir wollten für unsere Mannschaft eine Stimmung erzeugen“, erzählte die 29-Jährige. Kaum eine verbreitet auf dem Spielfeld so viel Esprit und transportiert so viel Inspiration nach außen wie der Superstar. Drei Jahre habe man seit den Olympischen Spielen 2016 gewartet, sich endlich wieder auf großer Bühne präsentieren zu können, erklärte Morgan.

Von der ersten bis zur letzten Sekunde zogen die US-Girls zur hellen Freude der 18 591 Zuschauer ihren gnadenlosen Powerstil durch, der in seinen bekannten Mustern und nicht ohne Pathos funktioniert. Dass sogar die WM-Heldin von 2015, Carli Lloyd, mit fast 37 Jahren nach ihrer Einwechslung noch in der Torschützenliste auftauchte, machte den Abend perfekt.

Trainerin Jill Ellis erläuterte später, dass es nie zur Debatte stehen konnte, den Fuß auch nur eine Sekunde vom Gaspedal zu nehmen. Erst recht nicht aus Mitleid. Weil Rücksicht aus ihrer Sicht ein verkehrtes Signal gewesen wäre: „Wir respektieren jeden Gegner, aber wir sind hier bei einer WM.“ Die von der früheren Nationaltorhüterin Hope Solo im Vorfeld auf unqualifizierte Art attackierte 51-Jährige will auch in diesem Turnier in Frankreich wieder „eine Geschichte erzählen“. Deshalb: „Der Sieg war das Beste, was wir zum Beginn für uns erschaffen konnten.“

Der amerikanische Sportsgeist zeigte sich, als die Siegerinnen die weinenden Verliererinnen auf dem Platz persönlich trösteten. Vorkämpferin Rapinoe forderte auf, mehr für die Entwicklung des Frauenfußballs in solchen Ländern zu tun. „Die Verbände, die Fifa, alle sind gefragt“, sagte sie, weil solch einseitige Angelegenheiten auf Dauer niemand viel nützen. Die Thailänderinnen wirkten überforderter als vor vier Jahren auf kanadischem Kunstrasen. In diesem Teil Asiens ist vom weltweiten Fortschritt im Frauenfußball nichts angekommen, während sich anderswo ja etwas getan hat: Südafrika oder Kamerun fehlte nicht viel zum ersten Erfolgserlebnis, Argentinien feierte den ersten Punktgewinn, Chile war nahe dran.

„Made in USA“ schafft im Frauenfußball die größte Wucht. Wenn der Rekordweltmeister Station macht, herrscht an einem Spielort Ausnahmezustand – zumindest nach den Maßstäben im weiblichen Segment. Eine CNN-Reporterin berichtete bereits drei Stunden vor Spielbeginn live vor der Kathedrale in Reims in einem Pulk lärmender Fans. Daneben bildeten sich lange Schlangen vor einer Kneipe, an deren Tresen französische Bedienungen die Stars-and-Stripes-Damenschals um den Hals gewickelt bekamen, was denen noch mehr Schweißperlen auf die Stirn trieb.

Als über der Anfahrt des Mannschaftsbusses der Helikopter schwebte, zog der Anhang unter lauten „USA, USA“-Rufen zum Stadion. Superlative scheinen allerorten die Messlatte. Die Betreuer des US-Teams sammelten nach dem Aufwärmen im Sauseschritt die Utensilien ein, als gäbe es dafür auch einen Preis zu gewinnen. Und als sich der Anstoß wegen des Abgleichens mit der TV-Übertragung verzögerte, stellten sich sechs US-Spielerinnen an die Mittellinie. Dort trippelten sie wie aufgeputschte Rennpferde hin und her, um nach einem langen Schlag von Julie Ertz loszurennen. Spannend, wie sich dagegen Chile am Samstag ab 18 Uhr im Pariser Prinzenpark zur Wehr setzen will.