Teresa Enke spricht zum zehnten Todestag von Robert Enke über ihr Leben

Fußball : „Er ist unvergessen, und das freut mich“

Die Witwe des früheren Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke spricht über den zehnten Todestag und die Krankheit Depression.

(sid) Vor zehn Jahren, am 10. November 2009, nahm sich der frühere Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke das Leben. Seitdem setzt sich seine Witwe Teresa Enke für die Enttabuisierung von Depressionen ein und denkt vor allem an den lebensfrohen und humorvollen Robert Enke. Im SZ-Interview spricht sie auch über ihre Stiftungsarbeit und darüber, wie sie den Todestag verbringen wird.

Frau Enke, Ihr Terminkalender ist vor dem zehnten Todestag Ihres Mannes Robert rappelvoll. Wie gehen Sie mit dem Rummel um?

TERESA ENKE Natürlich ist viel los. Ich versuche, alles gut zu organisieren. Aber ich freue mich auch, die ganzen Termine wahrnehmen zu können. Weil ich merke, dass das Thema und vor allem Robert sehr präsent sind. Robbi ist wirklich noch in den Köpfen der Menschen, sie befassen sich mit ihm. Sie lassen noch einmal Revue passieren, was vor zehn Jahren geschehen ist – diese Tragödie. Er ist unvergessen, und das freut mich. Aber ich freue mich auch, wenn es nach dem 10. November wieder ruhiger wird.

Wenn Sie selber auf die vergangenen zehn Jahre zurückblicken, auf das, was Sie geschafft haben – glauben Sie, dass Robert stolz auf Sie ist?

ENKE Ich glaube schon, dass Robert stolz auf mich und die Arbeit der Robert-Enke-Stiftung ist. Vor allem bei der Enttabuisierung dieser Krankheit sind wir deutlich weiter – auch wenn da natürlich noch Platz nach oben ist. Im Fußball sehe ich uns tatsächlich schon einen Tick weiter als in der Gesellschaft. Es wird drüber in den Mannschaften gesprochen, es gibt Netzwerke. Ich habe gerade erst mit Robbis ehemaligem Mitspieler Steven Cherundolo gesprochen, der seinen Trainerschein macht. Er sagte mir, dass Psychologie dabei ein großer Themenbereich ist. Das freut mich total. Vor zehn Jahren haben sich Trainer auch über die Psychologie der Spieler Gedanken gemacht, aber wahrscheinlich eher leistungsorientiert. Und jetzt ist mentale Hygiene ein großer Bestandteil, auch im Fußball. Es ist Pflicht, in den Nachwuchsleistungszentren Sportpsychologen zu haben. Es entwickelt sich etwas.

Mit der Robert-Enke-Stiftung setzen Sie sich sehr dafür ein, dass die Krankheit Depression endstigmatisiert wird, dass Nichtbetroffene besser verstehen, was in den Erkrankten vorgeht. Was hat Robert Ihnen gesagt, wie er sich in den schlechten Tagen gefühlt hat?

ENKE Es war für ihn ganz schwierig, mir das zu vermitteln. Ich habe immer gesagt: Robbi, versuch es mal. Und dann sagte er: Wenn Du eine Minute in meinem Kopf wärst, würdest Du sehen, wie furchtbar und schrecklich das ist. Er hat mir das immer mit einem Tunnel beschrieben. Am Anfang der Depression – es ist ein schleichender Prozess – kann ein Betroffener über seine Empfindungen besser sprechen. Es gibt auch gute Momente, oft abends, wenn der Tag geschafft ist. Da haben wir auch noch gelacht. Aber wenn die ganz, ganz schwere Krankheitsphase kommt, dann sind die Betroffenen auch nicht mehr wirklich ansprechbar, sie leben in ihrer eigenen Welt. Sie schauen durch einen durch, haben keine Emotionen mehr. Das ist das Schlimmste für Ehepartner, Angehörige, Eltern – wenn die Emotionen gar nicht mehr da sind. Wenn einer nur noch ins Leere schaut, nicht mehr weinen kann.

Sie haben mit „Impression Depression“ ein Projekt vorgestellt, das mit einer Virtual Reality-Brille die Gedanken- und Erlebniswelt eines Depressiven ein Stück weit erlebbar machen soll. Wie waren Ihre eigenen Erfahrungen?

ENKE Ich fand es erschreckend, es war eine Grenzerfahrung für mich. Und dabei war es ja nur für eine kurze Zeit, und ich wusste, dass ich die Brille gleich abnehmen kann. Wichtig ist auch: Es ist keine echte Depression, es geht um Facetten. Wir wollen den Eindruck vermitteln, wie sich ein Depressiver fühlen kann. Wir haben in der Entwicklung mit Betroffenen, Psychotherapeuten und Virtual-Reality-Experten gesprochen. Ebenso was Robbi mir sagte und in seine Tagebücher schrieb: Er sei ein Versager, er könne nichts, das Leben sei nicht lebenswert – das haben wir alles mit eingearbeitet. Und es ist schon erdrückend, wenn das alles auf einen einprasselt. Und es sind nur 15 Minuten, Kranke haben das über Monate, oft ihr ganzes Leben lang. Wie muss sich das anfühlen? Es geht um einen Eindruck, und ich glaube, dass dadurch die Sensibilität geschult wird bei Menschen, die vorher gesagt haben: Ach, der soll sich nicht so haben. Hinterher gehen Kollegen, Ehepartner oder Freunde anders mit einem depressiv Erkrankten um.

Was geht Ihnen heute durch den Kopf, wenn Sie an Robert denken?

ENKE Ich denke an einen lebensfrohen, humorvollen, etwas introvertierten Menschen, der Spaß am Leben hatte, der sich eingesetzt hat für andere. Er war ein toller Papa, fantastischer Ehemann, mit dem ich viel erlebt und viel durchlitten habe. Wir hatten immer Freude, vor allem in Portugal – das war eine fantastische Zeit.

Würden Sie ihm mit dem Wissen von heute raten, mit seiner Erkrankung an die Öffentlichkeit zu gehen?

ENKE Es muss nicht in die Öffentlichkeit, es muss nicht in der Zeitung stehen – aber es muss vereinsintern dafür die Möglichkeit geben. Und daran arbeiten wir. Wir haben mit der Robert-Enke-Stiftung ein Netzwerk geschaffen, in dem über 70 Sportpsychiater in ganz Deutschland zur Verfügung stehen. Dieses Netzwerk hätte uns geholfen, weil es das Wichtigste ermöglicht: eine schnelle und qualifizierte Therapiemöglichkeit für Leistungssportler. Auch die Tatsache und das Wissen, dass die Akzeptanz für diese Krankheit geschaffen wurde und dass sich ein Betroffener öffnen kann, ohne runtergemacht, stigmatisiert zu werden – bei Kollegen, bei Mitspielern, bei Trainern.

Glauben Sie, dass Robert, wenn er dieses Netzwerk zur Verfügung gehabt hätte, sich anvertraut hätte?

ENKE Ja, da bin ich mir sicher. Und deshalb bin ich auch so traurig, dass Robbi das nicht mehr miterlebt hat. Er hätte mitgekriegt, dass es so viele Spitzensportler auch getroffen hat. Wie Englands Nationalspieler Danny Rose oder Weltmeister Andrés Iniesta, die wieder zurückkamen. Robbi dachte, er sei allein. Er hatte große Angst, aber die wäre ihm genommen worden. Er hätte um diesen Platz im Tor nicht fürchten müssen, wenn er sich hätte erfolgreich behandeln lassen und wieder zurückgekommen wäre. Es ist wie bei einer anderen Verletzung auch: Ist die Behandlung erfolgreich, wird ein Fußballer wieder genauso gut spielen können wie davor. Das hatte er nach seiner ersten klinischen Depression ja selbst bewiesen.

Wie werden Sie den 10. November verbringen?

ENKE Ich versuche, diesen Tag schnell hinter mich zu bringen. Natürlich werde ich mich auch noch einmal an den Tag vor zehn Jahren erinnern, wie ist er abgelaufen. Aber nicht mehr so minutengenau wie in den ersten Jahren. Da wusste ich wirklich zu jeder Minute, was wann gewesen ist. Das hat sich verschoben. Es kommen Freunde, auch aus Barcelona, die Robbi geliebt und geschätzt haben. Das ist für mich toll zu sehen, dass er so in den Herzen drin ist. Meine Familie kommt, Roberts Mama kommt. Ich werde in mich gehen, aber wir werden keine Trübsal blasen. Wir werden die schönen Geschichten erzählen und nicht an den Erkrankten denken – sondern an den lustigen, tollen Freund, Papa und Ehemann.

Sie haben mit der Stiftung schon viel erreicht. Was sind Ihre Ziele, wie sieht Ihre Vision aus?

ENKE Ganz einfach gesagt: Dass eine Depression irgendwann als Krankheit genauso anerkannt ist wie ein Kreuzbandriss oder eine Krebserkrankung. Dass das Krankheitsbild nicht mehr stigmatisiert wird, dass die Menschen begreifen, dass es sich nicht um eine Schwäche handelt. Und fantastisch wäre es natürlich, wenn die Forschung so weit kommt, dass eine Depression etwa in einem MRT oder über einen Bluttest diagnostiziert werden könnte. Das hat sich Robbi immer gewünscht, die Krankheit quasi sichtbar zu machen. Wenn dies gelänge, wäre ich sehr glücklich.

Erlauben Sie abschließend die Frage: Wie geht es Ihnen heute?

In einer bewegenden Trauerfeier in der Arena in Hannover nahmen Mitspieler und Fans am 15. November 2009 Abschied von Robert Enke. Foto: picture-alliance/ dpa/Marcus Brandt
Teresa Enke spielt mit den Hunden Yakari und Lulu. Es gehe ihr gut, sagt die Witwe von Robert. Sie stehe heute wieder mitten im Leben. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich

ENKE Danke, mir geht es gut. Ich stehe wieder mitten im Leben und wohne seit zwei Jahren wieder in Hannover. Es war zunächst schwer, sich wieder einzuleben. Aber mir geht es wirklich gut, und ich bin sehr, sehr dankbar hier zu sitzen und über Robert und die Stiftungsarbeit reden zu können.

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