Interview mit Ex-DFB-Chef-Ankläger: Horst Hilpert lobt Videobeweis

Interview Horst Hilpert : „Der Videobeweis lässt die Wahrheit siegen“

Der Ex-DFB-Chefankläger aus Bexbach ist ein Anhänger der „nachträglichen Sehhilfe“ für Schiedsrichter, die jetzt auch bei der WM Premiere hat.

15 Jahre lang leitete der Bexbacher Horst Hilpert den Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Als „Chefankläger“ beantragte er Strafen für Rotsünder, darunter auch für Stars wie Oliver Kahn oder Andreas Möller. Bei der Überführung der Übeltäter halfen ihm des Öfteren die Fernsehbilder. Jetzt wird der Videobeweis auch während des Spiels angewandt und kommt ab nächster Woche bei der WM in Russland erstmals bei einem großen Turnier zum Einsatz. Eine Entwicklung, die Hilpert sehr begrüßt, die Neuerung hat sich aus seiner Sicht bewährt. Allerdings hat der 81-Jährige auch einige Verbesserungsvorschläge.

Herr Hilpert, Sie haben einmal gesagt, dass die Gerechtigkeit im Fußball immer Ihr großes Anliegen war. Kann man durch den Videobeweis mehr Gerechtigkeit herstellen?

HILPERT Ja, das glaube ich schon. Denn in den meisten Fällen sorgt der Videobeweis dafür, dass am Ende die richtige Entscheidung getroffen wird. Im Sport sollten Fairness und Gerechtigkeit immer obsiegen – wenn nötig mit Hilfe der modernen Technik als nachträgliche Sehhilfe der Schiedsrichter. Wenn es den Videobeweis nicht bereits gäbe, man müsste ihn erfinden.

Aber funktioniert er denn aus Ihrer Sicht in der Fußball-Bundesliga?

HILPERT Das bisherige Ergebnis ist trotz mancher Kritik höchst erfreulich. Mir liegt eine DFB-Statistik über den Videobeweis vor, die sehr positiv ist: Bei 50 entsprechenden Empfehlungen durch den Videoschiedsrichter in Köln haben die Feldschiedsrichter 48 Mal ihre Entscheidung geändert. Elf Mal war das falsch, 35 Mal richtig, zwei Mal wurde korrekterweise eine Entscheidung beibehalten. Diese Zahlen bedeuten einen großen Sieg der Wahrheit durch den Videobeweis. Das ist letztlich auch ein großer Erfolg der Sportgerichtsbarkeit, die über ihre Rechtsprechung den Videobeweis indirekt gefördert hat.

Wie meinen Sie das?

HILPERT Die Einführung des Videobeweises steht letztlich am Ende einer Entwicklung, in der die Sportgerichte die objektive Wahrheit, die durch die Fernsehbilder ans Licht kam, über die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters gestellt haben. Auch das Saarland spielte dabei übrigens eine Rolle: Der Homburger Karl Schuberth, damals Vorsitzender des Sportgerichts des Regionalverbandes Südwest, wandte den Fernsehbeweis 1972 in Deutschland erstmals an: Er annullierte eine Rote Karte aus dem Oberliga-Spiel zwischen TuS Neuendorf und Wormatia Worms 1972 – übrigens mit voller Zustimmung des Schiedsrichters. Der war bei der Verhandlung anwesend und räumte seinen Fehler ein, nachdem er die Fernsehbilder gesehen hatte. Der vom Platz gestellte Spieler wurde freigesprochen und nicht gesperrt. Der Rubikon war damit überschritten. Trotz massiver Kritik von konservativer Schiedsrichter-Seite, die um ihre Kronzeugen-Rolle fürchtete.

Wie ging es dann weiter?

HILPERT 1978 wurde dann das Spiel zwischen Borussia Neunkirchen und den Stuttgarter Kickers wiederholt, weil der Ball beim Siegtreffer von „Dixie“ Kobel über das Außennetz ins Tor gerutscht war. Kernsatz des Gerichts: Die Regel darf bei ihrer Anwendung nicht zur Farce werden. Dieses Urteil ist Leitlinie vieler Folgeentscheidungen geworden.

Und was hat die Entwicklung dann so lange gebremst? Den Videobeweis gibt es in Deutschland erst seit der abgelaufenen Saison…

HILPERT Die Fifa hat die Autorität des Schiedsrichters lange Zeit über alles gestellt. Sie selbst hat erst bei der WM 1994 erstmals Fernsehbilder bei der Entscheidung für die Sperre zugelassen, nicht aber für die Korrektur eines Spielergebnisses. Das hat sie bis heute weitgehend verboten. Der Videobeweis ist insofern ein Durchbruch. Seit Ex-Fifa-Chef Joseph Blatter nicht mehr da ist, glaubt man, dass man dieses Instrument zulassen sollte. Das ist auch mein Standpunkt. Und ich hoffe, dass die Fans das auch so sehen.

Wie kann man denn die Akzeptanz des Videobeweises steigern? Es hagelt ja durchaus Kritik.

HILPERT Das wichtigste Ziel ist die Transparenz. Die Zuschauer im Stadion und am Bildschirm sollten unbedingt verstehen, was sich da unten auf dem Platz abspielt. Momentan weiß man ja gar nicht, was da passiert. Da läuft der Schiedsrichter plötzlich vom Feld, und macht dann irgendein Zeichen. Was soll das? Der derzeitige Zustand ist unbefriedigend. Der Zuschauer muss nachvollziehen können, was auf dem Platz passiert. Davon lebt der Fußball.

Wie kann das funktionieren?

HILPERT Dafür ist jetzt die Fifa zuständig. Sie will den Videobeweis bei der anstehenden WM in Russland erstmals anwenden und auch für die Zuschauer nachvollziehbar gestalten. Eine schwierige Aufgabe, von deren Lösung meines Erachtens die Zukunft des Videobeweises abhängt. Nur wenn diese Feuerprobe erfolgreich ist, kann die erste echte Fußball-Revolution seit Entwicklung der ersten festgeschriebenen Regeln im Jahre 1863 vollendet werden.

Haben Sie denn einen Vorschlag, wie man mehr Transparenz herstellen kann?

HILPERT Das ist die schwierigste Frage, die sich stellt. Ich habe keine Patentlösung dafür. Das überlasse ich der Fifa.

Was würden Sie an der Art der Entscheidungsfindung ändern?

HILPERT Mein Vorschlag: Der Video­schiedsrichter sollte am Spielfeldrand, nicht wie bisher in der Bundesliga in Köln sitzen. Wenn er auf dem Monitor eine seiner Meinung nach grob falsche Entscheidung des Feldschiedsrichters sieht, ruft er diesen zu sich und berät sich mit ihm. Der Feldschiedsrichter hat dann das letzte Wort und fällt seine endgültige Entscheidung.

Es gibt ja auch weitere Bedenken gegen den Videobeweis: Claudio Pizarro hat in diesem Jahr für den 1. FC Köln in der Nachspielzeit gegen Hannover den vermeintlichen Siegtreffer geschossen. Das ganze Stadion war im Freudentaumel. Dann hieß es plötzlich: Videobeweis, der Treffer zählt doch nicht, es war Abseits. Wird dem Fußball so nicht auch ein Stück weit Emotionalität genommen? Man traut sich bald womöglich gar nicht mehr, sich nach einem Tor noch zu freuen, weil man immer Angst haben muss, dass es noch zurückgenommen wird.

HILPERT Das ist sicherlich ein Nachteil. Aber alles hat seine Schattenseiten. Der Vorteil ist eben die höhere Gerechtigkeit. Es war richtig, dass der Treffer von Pizarro nicht gezählt hat. Das steht an erster Stelle.

Wie kommt es eigentlich, dass Sie sich so für Sportrecht begeistern können?

HILPERT Ich bin Jurist und Fußball-Liebhaber. Die Verbindung von Recht und Sport war für mich ideal. Ich bin meinem Vorgänger Hans Kindermann bis heute dankbar, dass er mich 1992 für das Amt des DFB-Chefanklägers vorgeschlagen hat.

Aber einige Spieler, die Sie gesperrt haben, sehen das womöglich anders, oder?

HILPERT Nicht unbedingt. Ich kann Ihnen dazu eine Geschichte erzählen: Ich habe im Fahrstuhl eines Hotels einmal Oliver Kahn getroffen. Der sagte zu mir: „Herr Hilpert, Sie haben immer Recht gehabt. Ich war früher manchmal etwas wild. Ihre Strafanträge waren berechtigt.“

Hat man früher oft versucht, auf Sie Einfluss zu nehmen?

HILPERT Ja, natürlich.

Und wie haben Sie darauf reagiert?

HILPERT Ich habe meine Telefonnummer aus dem Telefonbuch genommen und hatte dadurch wesentlich mehr Ruhe. Denn manchmal haben ein paar Verrückte angerufen und mich bedroht.

Wie sind Sie damit umgegangen?

HILPERT Indem ich weitergemacht habe. Ich habe mich davon nicht einschüchtern lassen. Dazu habe ich diese Tätigkeit zu sehr geliebt.

Was war Ihre wichtigste Entscheidung als Chefankläger?

HILPERT Die Entscheidung, Andreas Möller 1995 nach seiner Schwalbe im Spiel Borussia Dortmund gegen den KSC zu sperren. Die Schwalbe ist ein Betrug im Fußball. Als ich 1992 Chefankläger wurde, habe ich auf dem DFB-Bundestag gesagt: Ich kämpfe für die Wahrheit im Fußball und die Bekämpfung der Schwalbe. Ich habe von Spitzenfunktionären kein Lob dafür bekommen, dass ich unseren Nationalspieler Möller habe sperren lassen. Auch von den Medien kam Kritik: Die Süddeutsche Zeitung schrieb, meine Moralvorstellungen passen eher in eine Bibelstunde mit Bexbacher Jugendlichen. Schwalben wurden ja früher im Profifußball eher als Schlitzohrigkeit ausgelegt. Aber die DFB-Rechtssprechung ist mir inzwischen gefolgt. Schwalben werden heute bestraft.

Timo Werner von RB Leipzig ist 2016 nach einer offensichtlichen Schwalbe in der Partie gegen Schalke 04 allerdings nicht gesperrt worden…

HILPERT Das war ein Fehlurteil. Die sind nie ganz zu vermeiden. Man braucht für eine gute Sache manchmal einen langen Atem.

Wie viel Prozent Ihrer Strafanträge wurden in Ihrer Zeit als DFB-Chefankläger umgesetzt?

HILPERT Etwa 95 Prozent. Meistens gab es auch gar keine mündliche Verhandlung.

Haben Sie selbst mal im Verein Fußball gespielt?

HILPERT Nur im Justiz-Fußballverein.

Und haben Sie jemals eine Rote Karte bekommen?

HILPERT Nein, nur eine Gelbe. Ein Richter-Kollege, der als Schiedsrichter fungiert hat, hat sie mir mit Stolz gezeigt. Ich habe es überlebt (schmunzelt).

Aber eine Schwalbe haben Sie nie versucht?

HILPERT Nein, nein, nein! Das wäre gegen meine innerste Überzeugung gewesen.

Das heißt, Sie waren auf dem Platz immer ein fairer Spieler?

HILPERT Naja, ich habe schon mal jemanden am Trikot gezupft. Sozusagen, ein taktisches Foul begangen (lacht).

Verteilen Sie heute noch beim Fußballgucken in Gedanken Sperren für die Rot-Sünder?

HILPERT Ja, das tue ich tatsächlich. Ich lege das für mich fest und kontrolliere dann, ob das Sportgericht die gleiche Strafe verhängt. Oft liege ich richtig, dafür habe ich die DFB-Rechtsprechung lange genug geprägt. Manchmal entscheidet das Gericht aber auch anders. Ich kriege ja auch von Bexbach aus nicht immer alle Umstände eines Falls mit. Alles dringt da nicht nach draußen.

Jetzt schreiben Sie über Sportrecht. Sie haben schon sieben Bücher mit insgesamt 2500 Seiten geschrieben. Worum geht es in Ihrem neusten Werk?

HILPERT Das ist ein Kommentar zur Rechtsordnung des DFB in der 2. Auflage. Eine dritte Auflage wird aber wohl nicht mehr folgen, vermutlich auch kein neues Buch. Ich werde immerhin bald 82 Jahre alt. Möglicherweise werde ich nur noch Aufsätze schreiben.

Freuen Sie sich schon auf die WM?

HILPERT Ja, natürlich.

Wer wird Weltmeister?

HILPERT Ich hoffe wir.

Wie sehen Sie die Chancen?

HILPERT Ich glaube wir haben eine 50-prozentige Chance. Aber ich halte auch Brasilien für stark, die haben weiterhin die besten Fußballer der Welt. Und sie haben noch eine Rechnung mit uns offen. Der 7:1-Erfolg bei der WM 2014 war einer meiner größten Freudentage.

Haben Sie auch in der Bundesliga einen Lieblingsverein?

HILPERT Ja, mittlerweile darf ich ihn ja haben: Bayern München. Ich bin ja schließlich ein Ur-Bayer: Bexbach gehörte ja bis 1918 wie der gesamte Saarpfalz-Kreis zu Bayern. Das hat aber natürlich während meiner Zeit als Chefankläger nie eine Rolle gespielt. Wobei man mit den Bayern immer sehr gut reden konnte. Die waren eigentlich immer ziemlich einsichtig.

Was denken Sie heute über Ihre Zeit als DFB-Funktionär?

Der ehemalige DFB-Chefankläger Horst Hilpert spricht in seinem Haus in Bexbach mit SZ-Redakteur Gerrit Dauelsberg (rechts). Foto: Oliver Dietze

HILPERT Wenn ich auf das vergangene halbe Jahrhundert zurückblicke, bin ich ein klein wenig stolz darauf, dass ich – obwohl ich selbst kein großer Fußballer war – trotzdem einiges zum Wohl dieses Sports beigetragen habe.

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