Deutsche Nationalelf beim 2:0 in Nordirland mit vielen Problemen

Nach dem 2:0 in Nordirland : Der lange Weg zurück nach oben

Beim hart erkämpften 2:0 in Nordirland in der EM-Qualifikation gab es bei der deutschen Nationalmannschaft Licht und Schatten.

Joachim Löw war sichtlich aufgewühlt. Der Fußball-Bundestrainer hatte auch seine letzte Antwort nach dem hart erkämpften 2:0 (0:0) in der EM-Qualifikation gegen Nordirland scheinbar ruhig und sachlich formuliert. Doch wer genau hinsah erkannte: Etwas nagte an ihm. Löws matter Blick fixierte einen Punkt im Nirgendwo, die Finger friemelten nervös an den Nägeln. Die Nacht von Belfast muss auch Löw ernüchtert haben.

„Wir mussten einige Schwierigkeiten überwinden“, sagte Löw. Mit dem vierten Sieg im fünften Spiel übernahm die DFB-Auswahl zwar die Tabellenführung in Gruppe C, sie ist auf einem guten Weg zur Europameisterschaft 2020 – und doch meilenweit weg von der ersehnten Titelreife. „Der Weg in die Spitze ist kein einfaches Unterfangen“, betonte Löw, und er gab erstmals einen zeitlichen Rahmen für seine schwere Mission vor: „Holland hat drei Jahre gebraucht, da müssen wir noch hinkommen.“

Drei Jahre. Die paneuropäische EM in neun Monaten käme für Löws stark verjüngte Elf damit deutlich zu früh. Weltspitze kann sie nach seiner Rechnung offenbar erst wieder bei der Winter-WM 2022 in Katar sein. Oliver Bierhoff bekräftigte diese Sichtweise. „Ich glaube nicht, dass wir als Favorit zur EM 2020 fahren oder zum engsten Kreis gehören“, sagte der DFB-Direktor: „Du kannst zum Erfolg keine Abkürzung nehmen. Das geht auch bei uns nicht.“

Dafür lieferte schon das bittere 2:4 gegen eben jene Niederländer am vergangenen Freitag in Hamburg einen ersten Beweis, Belfast machte das zurzeit eher dunkle Gesamtbild trotz der drei wichtigen Punkte komplett.

Kapitän Manuel Neuer (Löw: „Ein großer Rückhalt“) und der zweimalige Torschütze Serge Gnabry waren über beide Begegnungen die einzigen Konstanten in einer Mannschaft ohne Automatismen. „Serge macht es wirklich klasse, er ist fußballerisch auf einem extrem hohen Niveau“, schwärmte Löw vom Münchner, der nach Marcel Halstenbergs erlösendem Traumtor (48.) den Endstand markiert hatte (90.+2). Es war Gnabrys neuntes Tor im erst zehnten Länderspiel, er war immer anspielbar, bewegte sich „gut und schlau“, wie Löw lobte: „Daher ist Serge für mich im Moment gesetzt.“

Aber für wen gilt das sonst? Die in Hamburg vogelwilde Defensive um den neuen Abwehrchef Niklas Süle wankte auch im Windsor Park mitunter bedenklich. Die Nordiren griffen vor der Pause ständig an. „Wir hatten sie an der Gurgel“, klagte Nordirlands Stürmer Conor Washington, „und dann haben wir sie doch noch vom Haken gelassen.“ Im Mittelfeld gelang es den Stamm- und Führungsspielern Toni Kroos und Joshua Kimmich viel zu selten, das Spiel an sich zu reißen. Und vorne ließen Marco Reus, Timo Werner oder Julian Brandt abermals Zweifel darüber aufkommen, ob sie dauerhaft höchsten internationalen Ansprüchen genügen. Dennoch behauptete Mittelfeldboss Kroos: „Ich sehe uns absolut auf Kurs.“

Löw führte entlastend an, dass ihm mit Leroy Sané an der Spitze fünf Spieler gefehlt hätten, die beim umjubelten 3:2 in den Niederlanden im März noch begonnen hatten. „Wir müssen die Automatismen in jedem Mannschaftsteil schärfen. Einspielen hat bei einer jungen Mannschaft Priorität“, sagte er.

Die nächsten Schritte sollen im Oktober beim Härtetest gegen Argentinien in Dortmund und im Qualispiel bei Außenseiter Estland folgen. Im November wird die Ausscheidungsrunde abgeschlossen, danach bleiben bis zur EM noch vier Länderspiele im März und Juni.

„Salzstreuer-Jubel“: Nur Serge Gnabry sorgt derzeit im deutschen Spiel für die Würze. Foto: dpa/Christian Charisius

Bis dahin muss Löw auch das Luxusproblem Kai Havertz lösen. Der Bundestrainer scheint noch immer nicht so recht zu wissen, wohin mit dem Ausnahmetalent. In Belfast kam der Leverkusener trotz zahlreicher Ausfälle erneut nur von der Bank – und bereitete Gnabrys Tor vor. Er traue Havertz eine „sehr, sehr gute Karriere“ zu, sagte der Bundestrainer, „aber es geht nicht von heute auf morgen. Serge Gnabry oder andere haben auch ein bisschen gebraucht.“

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