Tottenham Hotspur dank Lucas Moura im Finale der Champions League

Champions-League-Halbfinale : Das zweite englische Fußball-Wunder

Tottenham Hotspur erreicht Finale der Champions League nach einem Tor in letzter Sekunde gegen Ajax Amsterdam.

Prinz William gratulierte begeistert aus dem Palast, das Fußball-Museum forderte eine Überarbeitung des englischen Sprachschatzes, und gegen den mit Adrenalin vollgepumpten Mauricio Pochettino wirkte selbst Trainer-Vulkan Jürgen Klopp wie ein braver Musterschüler. Die beiden englischen Fußball-Wunder mit nur einer Nacht Abstand in der Champions League sorgten auf der Brexit-genervten Insel für grenzenlose Euphorie.

Vor allem Tottenhams Teammanager Pochettino wusste gar nicht wohin mit all seiner Energie. Nachdem der deutsche Schiedsrichter Felix Brych das denkwürdige 3:2 (0:2) bei Ajax Amsterdam abgepfiffen hatte, ließ sich Klopps Kollege auf die Knie fallen, bedankte sich gen Himmel und weinte hemmungslos. Dann sprintete er auf den Rasen, umkurvte die reglos am Boden liegenden Ajax-Spieler und jubelte vor der Kurve wie ein Rockstar auf der Bühne. „Meine Spieler waren schon immer Helden. Jetzt sind sie Superhelden“, sagte der Argentinier. Und schob dann noch ein „Danke, Fußball“ hinterher.

Die unvergessliche Achterbahnfahrt der Gefühle in Amsterdam löste vielerorts noch größere Emotionen aus als das 4:0 von Spurs-Final-Gegner FC Liverpool mit Klopp am Vorabend gegen den FC Barcelona. Und so flossen nach dem dritten Treffer von „Supersuperheld“ Lucas Moura in der sechsten Minute der Nachspielzeit auf beiden Seiten Tränen. Bei den Amsterdamern, weil ihr Traum vom Endspiel in letzter Sekunde geplatzt war, bei den erstmals ins Finale eingezogenen Londonern einfach aus purer Freude.

In der Kabine hüpften die Spieler wie wild umher und sangen aus vollen Kehlen den Oasis-Hit „Wonderwall“. Obwohl sie kaum einen Ton trafen, wurde das Video schnell zum viralen Renner. Auch in Amsterdam, wo die Spurs-Fans die Nacht zum Tage machten. Das nationale Fußball-Museum in Manchester forderte gar eine neue Definition des Begriffs „spursy“. Der von Tottenham-Fans in Selbstironie erfundene Begriff stand unter Fußball-Fans für ein verlässliches Scheitern kurz vor dem Ziel. Etwa so, als würde man dies in Deutschland „schalkig“ oder „leverkusig“ nennen. Nun schlug das Museum die Synonyme kühn und tapfer vor.

Dass auch Lückenfüller zu Helden werden können, bewies der Brasilianer Moura. Der war diese Saison nur Edelreservist der Spurs, ersetzte nun den verletzten Harry Kane und schrieb mit drei Treffern Champions-League-Geschichte. „Wenn die anderen Superhelden sind, ist Lucas Moura ein Supersuperheld“, sagte Pochettino, weiter um kein Superlativ verlegen. Mittelfeldspieler Christian Eriksen erklärte: „Ich hoffe, sie bauen ihm eine Statue in England.“ Der Matchwinner war froh, dass er sich nach dem Abpfiff den Ball sichern konnte – er wird einen Ehrenplatz im Hause Moura bekommen. „Seit ich klein war, habe ich von der Champions League geträumt“, sagte der 26-Jährige. Einer seiner ersten Gratulanten war der euphorisierte Kapitän Kane, der angesichts seiner Knöchelverletzung erstaunlich flink von einem Mitspieler zum nächsten hetzte.

Auch Tottenham steht womöglich vor einem Umbruch, weil Pochettino mit einem Abgang kokettiert – auch nach dem Halbfinalsieg. Zuletzt war Bayern München als möglicher neuer Club für den Argentinier gehandelt worden. Im Sommer 2018 gab der Teammanager entgegen des Trends keinen einzigen (!) Euro für neue Spieler aus.

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