Trainer werden in der Bundesliga schwächer, Funktionsteams immer größer

Trainerstuhl immer mehr als Schleudersitz : Die Trainer werden immer schwächer

Angesichts von immer größeren Funktionsteams in der Fußball-Bundesliga drohen die Coaches von der Schlüssel- zur Randfigur zu werden.

Kaderplaner, Teammanager, Leiter der Lizenzspielerabteilung, Referent der Geschäftsführung oder sportlicher Berater – nicht nur die Titel der Verantwortlichen in der Fußball-Bundesliga werden immer vielfältiger. Auch zahlenmäßig rüsten die Bundesligisten ihre sportlichen Kompetenzteams weiter auf. Der Trainer als einstige Schlüsselfigur verkommt dabei fast zur Randerscheinung.

„Der Stellenwert der Trainer innerhalb eines Vereins ist im Laufe der Jahre immer schlechter geworden“, sagte Lutz Hangartner, Präsident des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer. Der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts geht sogar noch weiter: „Die Situation der Bundesliga-Trainer ist höchst bedenklich“, schrieb der 72-Jährige in seiner Kolumne für t-online.de.

Hangartner und Vogts prangern im Zuge der immer stärker aufgeteilten sportlichen Kompetenzbereiche einen Verlust von „Macht“ und „Autorität“ der Trainer an. „Der Trainer ist eigentlich nur noch ein Koordinator, der gucken muss, dass alles irgendwie zusammenläuft“, kritisiert Hangartner die derzeitige Rollenverteilung. Obwohl neben dem Trainer in einigen Bundesligavereinen mittlerweile bis zu fünf weitere Personen die sportliche Entwicklung entscheidend mitbestimmen, müsse dennoch der Trainer bei Misserfolgen zumeist als „alleiniger Sündenbock“ herhalten.

16 Übungsleiter nahmen in der Bundesliga – teils freiwillig – während oder nach der vergangenen Saison ihren Hut, in der 2. Liga waren es sogar 20. Dabei haben laut Vogts „nur die wenigsten Trainer einen wirklichen Einfluss auf die Zusammenstellung des Kaders“ – und das sei „die häufigste Ursache für eine sportliche Krise“. Bis auf seltene Ausnahmen wie beispielsweise Christian Heidel (Manager Schalke 04) und Michael Reschke (Sportvorstand VfB Stuttgart) blieben die Hauptverantwortlichen für die Kaderplanung von Entlassungen verschont.

Als Positivbeispiel für die Situation von Trainern führt der Europameistercoach von 1996 das Modell des Teammanagers aus der englischen Premier League an. Dem Teammanager sind alle anderen Abteilungen des Vereins untergeordnet, sodass er die sportliche Entwicklung weitgehend eigenständig vorantreiben kann. Damit könne auch der Respekt der Spieler vor dem Trainer sichergestellt werden.

Dieser leidet laut Hangartner ebenfalls unter der starken Kompetenzverteilung in der Bundesliga: „Unzufriedene Spieler klären nichts mehr mit dem Trainer persönlich, sondern rennen zu einem der Vereinsverantwortlichen. Es gibt mit den ganzen Ansprechpartnern viel zu viele Möglichkeiten, wie die Spieler den Druck auf den Trainer erhöhen können. Das schwächt die Trainer nochmals zusätzlich.“

In jüngerer Vergangenheit verloren sogar einige Trainer trotz beachtlicher Erfolge ihren Job. Markus Anfang wurde als Tabellenführer der 2. Bundesliga beim 1. FC Köln entlassen, Mönchengladbachs Dieter Hecking musste trotz Europa-League-Qualifikation seinen Stuhl räumen. „Dass man selbst im Erfolgsfall als Trainer damit rechnen muss, entlassen zu werden, ist schon eine neue Ebene“ sagte Hecking damals.

Solche Entwicklungen führen laut Hangartner dazu, dass „Trainer heutzutage bei der Vertragsunterschrift wissen, dass sie von Anfang an auf dem Schleudersitz sitzen“. Diese schwache Position der Trainer veranlasst Vogts sogar zu der Aussage, dass er selbst heute keinen Vertrag mehr als Bundesligatrainer unterschreiben würde. Und er sei sich sicher, dass einige seiner „erfolgreichsten Kollegen das auch nicht tun würden“.

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