RB Leipzig hat nach zehn Jahren erstmals die Chance auf großen Titel

Fußball : Gehasst, geliebt und gefürchtet

RB Leipzig hat geschafft, was Lob und Ablehnung zugleich erzeugt: in zehn Jahren vom Fußball-Oberligisten zum Titelanwärter.

Gehasst, geliebt, gefürchtet – und es soll nur der Anfang sein. Aus der vermeintlichen „Schnapsidee“ von Dietrich Mateschitz ist in beispielloser Rasanz mit RB Leipzig ein neuer Titelkandidat herangewachsen. Aufgebaut mit Red-Bull-Millionen, entwickelt mit dem Wissen und dem unbändigen Ehrgeiz von Chefdenker Ralf Rangnick. Der sächsische Emporkömmling hat den deutschen Profi-Fußball aufgemischt und sich zu einer Top-Kraft in der Bundesliga entwickelt – dabei wird RB Leipzig an diesem Sonntag erst zehn Jahre alt.

Es sollen die vorerst schönsten Feiertage in der Kurz-Vita des Clubs werden. Am Samstag beim SV Werder Bremen kann die Mannschaft den Vereinsrekord mit dem 16. Bundesligaspiel in Serie ohne Niederlage ausbauen. Platz drei und die Champions-League-Teilnahme sind längst fix. Am darauffolgenden Samstag will RB, bisher nur zweimaliger Sachsenpokalsieger, mit dem DFB-Pokal in Berlin die erste ganz große Trophäe holen. Es wäre auch noch ein nachträgliches Geschenk für Red-Bull-Mitbesitzer Mateschitz zu dessen 75. Geburtstag am kommenden Montag. Eine perfekte Inszenierung für die Red-Bull-Spektakelwelt.

Eine Welt, die für Traditionalisten nicht vereinbar ist mit dem Kosmos Fußball. Denn wo Red Bull draufsteht, soll auch Red Bull drinstecken. Dass RB in Leipzig aber gar nicht für die Initialen des Club-Besitzers steht, sondern für RasenBallsport, ist einzig den Statuten im deutschen Fußball geschuldet. Werbung im Vereinsnamen ist verboten.

Versuche, einen Leipziger Verein im Profifußball zu etablieren, gab es schon vorher. Sie schlugen fehl. Der VfB Leipzig, erster deutscher Meister, stieg nach einer Saison 1994 aus der Bundesliga wieder ab. Der 1. FC Lok Leipzig, Nachfolgeverein des VfB, spielt aktuell in der Regionalliga. Die BSG Chemie Leipzig steht immerhin vor dem Aufstieg in die vierthöchste Spielklasse. Bei RB Leipzig ging alles ein bisschen schneller: Am 19. Mai 2009 der Eintrag ins Vereinsregister, ein Jahr später Oberligameister. Die Lizenz hatte RB dem SSV Markranstädt abgekauft – Summe unbekannt.

2013 der Aufstieg von der Regionalliga in die 3. Liga: Der Profi-Fußball war schon mal erreicht. Ein Jahr später bejubelte Leipzig seinen neuen Zweitligisten. 2016 war es so weit: Unter Rangnick als Trainer und Sportdirektor zog RB als 55. Mitglied in die höchste deutsche Spielklasse ein und wurde auf Anhieb Vizemeister.

„Wenn du diese für uns unvorstellbaren Mittel hast, ist der Erfolg offensichtlich planbar, aber er kommt nicht automatisch“, betonte einmal Christian Streich, Trainer des SC Freiburg – einem Verein, dem vergleichbare Möglichkeiten nicht zur Verfügung stehen. „Viele Dinge lassen sich im Sport planen, aber Erfolg ist keine Selbstverständlichkeit. Grundvoraussetzung ist immer auch, dass viele Personen akribisch jeden Tag dafür arbeiten – auf und neben dem Platz“, sagt Manager Alexander Rosen von 1899 Hoffenheim – einem Verein, der ähnlich wie RB durch Mäzen Dietmar Hopp gefördert wird und einst vor allem von Rangnick aufgebaut wurde.

„Es gibt viele Clubs, die Geld haben, egal wo sie das Geld herholen, die aber nichts auf die Reihe bekommen“, kommentierte jüngst Bayern Münchens Trainer Niko Kovac, der zu Beginn seiner Trainerlaufbahn bei Red Bull in Salzburg als Junioren- und Co-Trainer gewirkt hatte: „Warum können wir nicht mal als Menschen andere Leistungen anerkennen, loben, vielleicht sich mal ein Beispiel nehmen.“

Fragt man Ost-Konkurrenten unter anderem, wie sie beurteilen, was bei RB Leipzig binnen zehn Jahren entstanden ist, herrscht gern Zurückhaltung. Dynamo Dresden verzichtete auf eine Anfrage der dpa, weil es zu kontrovers sei, vom FC Erzgebirge Aue gab es auch keine Antwort, ebenso vom FC Hansa Rostock. Vor allem unter den eingefleischten Fans solcher Clubs ist RB verpönt. Die Argumente sind meist die gleichen: RB ist ein künstlich geschaffener Club. Immer wieder im Fokus von Kritikern steht auch die Struktur des Vereins. Stimmberechtigte Mitglieder gibt es weniger als 20. Und die stehen Red Bull nahe.

Doch auch das garantiert noch lange nicht den Erfolg, den die Leipziger hatten und haben. Er habe großen Respekt vor der RB-Entwicklung, sagte Geschäftsführer Mario Kallnik vom Zweitliga-Auf- und wieder -Absteiger 1. FC Magdeburg: „Die Personen, die bei RB Leipzig in der Verantwortung stehen, sind fachlich sehr kompetent und arbeiten mit großer Wahrscheinlichkeit sehr engagiert in ihrem Verein. Hinzu kommt, dass sie mit Red Bull einen sehr großen Wirtschaftspartner haben, der ihnen das Geldverdienen extrem erleichtert.“

Im Geschäftsjahr 2017 betrugen die Schulden von RB Leipzig bei Red Bull 134,2 Millionen Euro, der Umsatz in dem Jahr lag allerdings bei 217,8 Millionen Euro. Die Spielerwerte wurden mit 152 Millionen Euro angegeben. „Liquiditätsengpässe sind nicht ersichtlich und aufgrund der Sponsoringvereinbarung mit dem Hauptsponsor nicht zu befürchten“, heißt es in dem Geschäftsbericht fürs Jahr 2017, der im vergangenen Februar veröffentlicht worden war.

Mit RB Leipzig ist ein Verein mit bereits beeindruckender Gegenwart, aber womöglich einer noch größeren Zukunft entstanden. Die Trainingsakademie vis-à-vis der mittlerweile auch vereinseigenen Arena ist topmodern. Die Ableger-Vereine im Ausland wie Red Bull New York oder CA Bragantino in Brasilien sollen für die Ausbildung und Rekrutierung talentierter Nachwuchsspieler noch mehr genutzt werden. Ansonsten gibt es auch immer noch den einstigen Vorzeigeverein von Red Bull in der Heimat Salzburg, selbst wenn die sogenannte Entflechtung der beiden Clubs seit der Europacup-Teilnahme von RB Leipzig stets von den Verantwortlichen gepredigt wird. Kritiker halten die Argumentation für einen schlechten Fußball-Witz. Im Sommer wechselt der offensive Mittelfeldspieler Hannes Wolf von RB zu RB. Der 20-Jährige ist bereits Spieler Nummer 16, der von Salzburg nach Leipzig kommt. Auf der anderen Seite wechselte der aktuelle Co-Trainer von Red Bull in New York nach Leipzig und wird in der kommenden Saison die Salzburger Bullen als Cheftrainer trainieren.

RB-Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick gilt als Architekt des Erfolges in Leipzig. Selbst Kritiker des Projektes schätzen ihn. Foto: dpa/Jan Woitas

Interesse soll Red Bull beim Einstieg in den deutschen Fußball Medienberichten zufolge auch an Fortuna Düsseldorf, 1860 München und dem FC St. Pauli gehabt haben. Leipzig wurde es. „Als ich die Idee hatte, beim SSV Markranstädt in der fünftklassigen Oberliga Nordost einzusteigen, kamen viele Zweifler an, die sagten: ‚Mach das nicht, das kann nicht funktionieren. Die Tradition von Lok Leipzig ist zu groß.‘ Aber ich hatte halt mal die Schnapsidee“, erzählte Mateschitz einmal der „Sport Bild“. Mateschitz hatte sein mächtiges und globales Sportmarketing- und Event-Reich bereits 2005 mit dem Einstieg in die Formel 1 erweitert. Drei Jahre später machte er sich mit dem Motorrad auf den Weg in die künftige Fußball-Filiale im Osten Deutschlands. Mateschitz war hin und weg. „Da stand für mich fest: Allen Unkenrufen zum Trotz ziehe ich das jetzt durch.“ Kritiker hin oder her – nach zehn Jahren lässt sich festhalten: Er hat es aus seiner Sicht zu Recht durchgezogen.

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