Die Typen und Momente der Saison 2018/2019 in der Fußball-Bundesliga

Fußball-Bundesliga : Besondere Typen und Momente dieser Saison

Ein Rückblick auf die Spielzeit 2018/2019 der Fußball-Bundesliga – von Gewinnern, Verlierern und peinlichen Fehlgriffen.

(sid) Die Bundesliga-Saison 2018/2019 ist Geschichte. Wir ziehen Bilanz und haben uns für Gesichter und außergewöhnliche Momente entschieden.

Spieler der Saison: Kai Havertz ist das größte Juwel von Bayer Leverkusen. Der 19-Jährige hat in seiner dritten Saison als Profi bei der Werks­elf noch einmal kräftig Eigenwerbung betrieben und steht deshalb bei Rekordmeister Bayern München, aber auch beim FC Barcelona und Real Madrid sowie anderen europäischen Spitzenclubs auf der Wunschliste. Beim 5:1 in Berlin erzielte er am Samstag sein 17. Saisontor. Havertz, auch einer der großen Hoffnungsträger beim Umbruch der Nationalmannschaft, ist nicht nur ein genialer Strippenzieher im Mittelfeld, sondern hat sich so ganz nebenbei auch noch zum Toptorjäger gemausert. Deshalb wollen die Verantwortlichen das Megatalent, das noch bis 2022 an Bayer gebunden ist, auch nicht ziehen lassen.

Trainer der Saison: Im Winter gefeuert, im Frühjahr gefeiert: Nachdem der mittlerweile bei Fortuna Düsseldorf selbst geschasste Vorstandsvorsitzende Robert Schäfer Aufstiegstrainer Friedhelm Funkel im Trainingslager in Marbella zu Jahresbeginn quasi im Alleingang den Laufpass zum Saisonende gegeben hatte, sorgten beispiellose Fanproteste sowie der irritierte Aufsichtsrat für die Rolle rückwärts in der Trainerfrage bei den vor Saisonbeginn als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelten Rheinländern. Der 65-Jährige hatte anschließend mit seinem Team alles selbst in der Hand und durfte sich bereits am 29. Spieltag über den vorzeitigen Klassenverbleib freuen. Dadurch verlängerte sich Funkels Vertrag automatisch bis 2020.

Torjäger der Saison: Er sei sehr stolz, sagte Robert Lewandowski Anfang April nach seinem Doppelpack beim 5:0 mit Bayern München gegen Titelrivale Borussia Dortmund, „unter diesen fünf Legenden zu stehen“. Wie vor ihm nur Gerd Müller (365 Tore), Klaus Fischer (268), Jupp Heynckes (220) und Manfred Burgsmüller (213) war der Torjäger in den 200er-Club der Bundesliga eingezogen. Eine starke Leistung – und doch hatte er keine überragende Saison. 22 Treffer reichten ihm für seine vierte Torjägerkanone, nur Gerd Müller (sieben Mal) gewann die prestigeträchtige Trophäe häufiger. In den vergangenen drei Spielzeiten war „Lewy“ wesentlich häufiger erfolgreich (30, 30, 29).

Joker der Saison: Seinen Spitznamen hat Paco Alcácer im Mannschaftskreis schon länger weg. „Ich nenne ihn Matador, im Sinne von Killer“, berichtete Axel Witsel, nachdem der Spanier im Dienste von Borussia Dortmund mal wieder ganz spät zugestochen hatte. Fünf Tore ab der 90. Minute bedeuten Bundesliga-Rekord. Zwölf von 18 Toren hat die Leihgabe des FC Barcelona nach ihrer Einwechslung erzielt. Das drückt den Schnitt in der Kategorie „Minuten pro Tor“ weit unter jenen von etwa Robert Lewandowski. Kein Wunder, dass der BVB die Kaufoption zog – das kostete die Dortmunder angeblich 21 Millionen Euro.

Rekord der Saison: Es ist ein Rekord, der wohl noch ganz lange Bestand haben wird: Franck Ribéry ist mit Bayern München zum neunten (!) Mal deutscher Meister geworden. Damit überholte der 36 Jahre alte Franzose in der Bestenliste der Fußball-Bundesliga die Münchner Club-Ikonen Oliver Kahn, Bastian Schweinsteiger, Mehmet Scholl und Philipp Lahm, die acht Mal den nationalen Titel geholt hatten. 23 (!) Titel hat Ribéry mit den Münchnern nun gewonnen. Insgesamt absolvierte der Publikumsliebling 426 Pflichtspiele mit 124 Toren und 183 Vorlagen.

Abschied der Saison: Arjen Robben und Franck Ribéry genießen beim FC Bayern Legenden-Status. Beiden Helden wird von den Fans sogar mit eigenen Songs gehuldigt: „Der Arjen hat’s gemacht“ nach der Melodie von Matthias Reim („Ich hab geträumt von dir“) und „Franck Ribéry“ angelehnt an „Champs-Élysées“ von Joe Dassin. Am Samstag gab es in der Münchner Arena die emotionale Abschiedsvorstellung für „Robbery“, beide trugen sich in die Torschützenliste ein.

Entdeckung der Saison: Es hätte auch anders kommen können. Hätte Jadon Sancho sich nicht mit sieben Jahren dem FC Watford angeschlossen. Wäre er nicht später entgegen seinem Gefühl an die fußballaffine Harefield Academy im Londoner Westen gegangen, (zu) früh getrennt von Freunden und Familie. Doch es war eine gute Entscheidung, den rauen Londoner Stadtteil Kennington zu verlassen. Dort, sagt Sancho nur, „taten Menschen schlimme Dinge“. Die folgenden „harten Jahre“ halfen dabei, in Deutschland besser Fuß zu fassen. Sancho fremdelte – welch Wunder – mit der Sprache, sein Vater Sean zog mit in seine Wohnung. Doch auf dem Platz hätte Sanchos Anpassung kaum glänzender laufen können: Der 19-Jährige war mit seinen Sprints und Dribblings die Sensation dieser Bundesliga-Saison.

Trio der Saison: Die Worte von Fredi Bobic klangen wie eine Warnung an die Bundesliga. „Die drei haben alle noch Potenzial in sich“, sagte der Sportvorstand von Eintracht Frankfurt nach der Hinrunde über die Angreifer Luka Jovic, Ante Rebic und Sebastien Haller. Einer Hinrunde wohlgemerkt, in der das Trio mit zusammen 26 Toren und 16 Vorlagen aus einem Abstiegskandidaten fast im Alleingang einen Champions-League-Anwärter gemacht hatte. Aus dem „magischen Dreieck“ wurde schnell die „Büffelherde“, die auch in der zweiten Saisonhälfte häufig erbarmungslos über ihre Gegner hinwegfegte. Im Sommer dürfte das Trio aber gesprengt werden. Jovics Abgang zu Real Madrid steht bevor, Haller machte nie einen Hehl aus seiner Liebe zur Premier League, und Vize-Weltmeister Rebic erhielt den Lockruf aus England schon im Vorjahr.

Oldie der Saison: Einstige Weggefährten seiner Spielergeneration arbeiten längst als Trainer oder Manager, Claudio Pizarro kann und will sich von seinem Profijob in kur­zen Hosen noch nicht verabschieden. „Ich habe immer noch Spaß am Spiel und auch immer noch beim Training“, sagt der Peruaner, der im Oktober 41 Jahre alt wird und gerade erst für die kommende Runde unterschrieben hat. Der Bremer Oldie kam in dieser Spielzeit auf 30 Pflichtspieleinsätze und erzielte dabei sieben Tore.

 Eigentor der Saison: In den „Spielregeln“ des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist die ganze Angelegenheit auf Seite 90 unter „Regel 15 Einwurf“ ganz klar formuliert: „Aus einem Einwurf kann nicht direkt ein Tor erzielt werden“, steht dort, und weiter: „Wenn der Ball ins Tor der einwerfenden Mannschaft geht, wird auf Eckstoß entschieden.“ An diese Regel, sofern er sie denn kannte, hat Ron-Robert Zieler vom VfB Stuttgart am Nachmittag des 29. September im Spiel gegen Werder Bremen nicht gedacht. Der Torhüter richtete sich die Stutzen, als Mitspieler Borna Sosa in der 68. Minute den Ball in seine Richtung warf – was folgte, war Slapstick. Zieler versuchte, den Ball wegzuschlagen, streifte ihn aber nur leicht – die Kugel rollte ins Tor. Ohne Zielers Berührung hätte es Ecke gegeben. So stand es 1:1. Glück für Zieler: Der VfB gewann das Spiel noch 2:1 und rettete sich am Ende einer chaotischen Saison auf den Relegationsplatz.

Interview der Saison: Das launige Interview mit, oder besser gesagt „von und mit“ Danny da Costa, ging sofort viral. „Ich kann die Fragen und Antworten selber geben“, schlug der Außenbahnspieler von Eintracht Frankfurt nach dem Einzug der Hessen in die K.o.-Runde der Europa League in Limassol vor. Und das tat er dann vor der Kamera des Hessischen Rundfunks auch. Frohnatur da Costa arbeitete also die „üblichen“ Fragen der Medien im Schnelldurchgang ab. Unter anderem: „Bin ich froh, dass wir eine Runde weiter sind? Ja. Finde ich es cool, dass die Fans uns so unterstützen? Ja, das finde ich sehr cool.“ Nur einmal strauchelte der Frankfurter, als er angab, dass die Eintracht „das achte Spiel in Folge“ gewonnen habe. „Nee, nicht ganz, nur 22 von 24 Punkten geholt“, erwiderte der Reporter. Da Costa spielte mit und antwortete: „Ja, das ist ausbaufähig, da müssen wir dran arbeiten.“

Ärgernis der Saison: Wohl kein Thema hat in der abgelaufenen Bundesliga-Saison so dauerhaft für Schlagzeilen gesorgt wie der Videobeweis. Landauf, landab wurde gemotzt, geschimpft und gezürnt über den Einsatz der modernen Technik. Der „VAR“ sollte den Fußball gerechter machen, doch nach der zweiten Saison fremdelt die Liga noch immer schwer mit ihm. Der Videobeweis hat längst ein massives Imageproblem. Der „Kölner Keller“ ist zum Synonym für undurchsichtige Entscheidungen geworden. Vor allem die teilweise willkürliche Auslegung der Handspielregel erhitzte regelmäßig die Gemüter. Und auch bei der Frage, wann sich die Assistenten einmischen und wann nicht, herrschte nie wirklich Klarheit.

Pressekonferenz der Saison: Karl-Heinz Rummenigge zitierte gerade noch Artikel 1 des Grundgesetzes und beschwor „die Würde des Menschen“ – da konterkarierte Uli Hoeneß mit seinem „Scheißdreck“-Angriff gegen den früheren Bayern-Profi Juan Bernat schon wieder alle Worte. Eigentlich hatten der Vorstandschef und der Präsident von Bayern München nur ein Zeichen setzen und die kriselnde Mannschaft sowie den Trainer vor vermeintlichen Angriffen der Medien schützen wollen. Doch die Pressekonferenz am 19. Oktober lief völlig aus dem Ruder. Schon jetzt gilt der Auftritt der beiden Bayern-Bosse Rummenigge und Hoeneß als legendär, vor allem Hoeneß sorgte bundesweit für Verwunderung und Entsetzen. Es folgten reichlich Kritik und Häme. „Mit ein wenig Distanz betrachtet sind dort auch Formulierungen gefallen, die wir so heute nicht mehr verwenden würden“, sagte Hoeneß anschließend mehrmals. Auch bei Bernat entschuldigte er sich öffentlich für seinen völlig misslungenen Auftritt.

Trennung der Saison: In der vergangenen Saison waren Trainer Domenico Tedesco und Sportvorstand Christian Heidel auf Schalke noch groß gefeiert worden. Der überraschende Vizemeister-Titel schien eine gute Grundlage für eine dauer­hafte Spitzenrolle in der Bundesliga zu sein. Doch das Gegenteil war der Fall. Schon am 23. Februar warf Heidel ausgerechnet an seiner alten Wirkungsstätte Mainz die Brocken hin: „Wenn ich das Problem bin, muss ich reagieren.“ Der Manager war zuvor vor allem wegen seiner Transferpolitik in die Kritik geraten. Am 14. März war auch Tedesco Geschichte bei den Königsblauen. Eine 0:7-Packung im Achtelfinalrückspiel der Champions League bei Manchester City erwies sich als zu große Hypothek. Der 33-Jährige hatte sich mit großer Vehemenz gegen den Absturz der Knappen gestemmt, konnte allerdings die Talfahrt nicht stoppen.

Erniedrigung der Saison: Als sich der Volkszorn entlud, war Benjamin Stambouli plötzlich seine Kapitänsbinde los. Zwei Ultras waren nach dem 0:4-Debakel von Schalke 04 gegen Fortuna Düsseldorf am 2. März aufs Spielfeld gelangt und hatten wild gestikulierend auf die Spieler eingeredet. Einer von ihnen riss dem Franzosen die Spielführerbinde mit der Aufschrift „Nordkurve“ vom Arm. Der Diebstahl nach Spielschluss machte mehr als alle Pfiffe deutlich, wie groß die Wut der Schalker Fans nach dem Absturz des Vizemeisters gewesen war. Stambouli und die Mannschaft hatten sich nach dem Schlusspfiff nur sehr zögerlich der Nordkurve genähert – aus Angst vor den wüsten Beschimpfungen.

Fortuna Düsseldorf spielte eine bemerkenswerte Saison – auch dank Trainer Friedhelm Funkel, der eigentlich entlassen werden sollte. Foto: dpa/Marius Becker
Typisches Stimmungsbild: Dortmunder Fans zeigen Banner mit der Aufschrift „2 Jahre Chaos sind genug – Videobeweis abschaffen!“. Foto: dpa/Marius Becker

Querelen der Saison: Erst musste Trainer André Breitenreiter gehen, dann Manager Horst Heldt und am Ende stand der vorzeitige Abstieg: Für Hannover war die abgelaufene Spielzeit eine Saison zum Vergessen. Anstatt sich nach dem Wiederaufstieg 2017 weiter im Bundesliga-Establishment zu etablieren, stürzten die Niedersachsen böse ab. Besonders in fremden Stadien, dort gelang 96 nicht ein einziger Sieg. Auch abseits des Spielfeldes waren Seriösität und Kontinuität Fremdwörter bei den Roten: Bei einer kontroversen und emotionalen Mitgliederversammlung wurde nicht nur ein Nachfolger von Geschäftsführer Martin Kind als Vereinspräsident gewählt, der 75-Jährige sieht sich seither auch einem kritisch zu ihm eingestellten Aufsichtsrat gegenüber. Der von Kinds Kampf gegen die 50+1-Regel überhaupt nichts hält und erbittert dagegensteuert.

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