| 17:45 Uhr

Schalke - Dortmund 1:2
Schiedsrichter-Chaos beim Derbysieg des BVB

Handspiel oder nicht? Elfmeter oder nicht? Statt purer Fußballemotionen kochen die Gemüter beim 175. Revierderby hoch, weil der Videoschiedsrichter entscheidend mitspielt. Am Ende eines wilden Revierduells trennen sich der FC Schalke und Borussia Dortmund 1:2 (0:1). Von Jessica Balleer

Gleich in den ersten zwanzig Minuten verwöhnten beide Teams die 61.767 Fans in der Gelsenkirchener Arena mit allem, was man von einem Derby erwarten kann. Rassig gingen sie ins Spiel: Der Tabellenführer aus Dortmund hatte die Chance, sich auf Schalke zum vorzeitigen Herbstmeister der Bundesliga zu krönen. Schalke, mit 19 Punkten Rückstand in das Heimspiel gegangen, wollte seinen Aufwärtstrend bestätigen.


Nach dem 1:1 in Hoffenheim hatte Domenico Tedesco zwei Änderungen in der Schalker Aufstellung vorgenommen: Amine Harit und Weston McKennie starteten für Suat Serdar und Haji Wright in einem 4-4-1-1, an vorderster Front mit Stürmer Guido Burgstaller. BVB-Trainer Lucien Favre stellte ein 4-4-2 mit Raute dagegen. Marco Reus machte das Spiel, Axel Witsel spielte Defensiv den Konterpart. Favre wechselte im Vergleicht zum 2:0 der Dortmunder gegen Freiburg auch zweimal: Manuel Akanji und Paco Alcacer starten für den verletzten Dan-Axel Zagadou (Fuß gestaucht) und für Mario Götze, der zunächst auf der Bank saß.

Bei den Schwarz-Gelben funktionierten die Vorsätze zunächst besser. Nationalspieler Reus riss das Spiel an sich. Nach drei Minuten setzte er zum Solo-Lauf an, passte zu Achraf Hakimi, der den ersten Torschuss des Spiels nur knapp am rechten Pfosten vorbeisetzte. Nach sieben Minuten dann klingelte es das erste Mal: Wieder stand Reus im Mittelpunkt. Und wieder offenbarte S04 seine Abwehrschwäche bei Standards. Aus halblinker Position führte Reus einen Freistoß aus. Den Ball brachte Thomas Delaney per Kopf aus sechs Metern im Tor von Torwart Ralf Fährmann unter (7.). Delaney erzielte sein erstes Tor für den BVB. Welche Antwort hatte Schalke?



Die Fans in der Nordkurve – allesamt mit blau-weißen Nikolausmützen ausgestattet – sangen unbeirrt weiter. Doch drei Minuten nach dem 0:1 kochten die Emotionen erstmals hoch: Dortmunds Witsel verlor gegen Nabil Bentaleb den Ball, dann bekam er ihn im Sechzehner eindeutig an die Hand. Ohrenbetäubende Pfiffe, eine Schalker Traube um Schiedsrichter Daniel Siebert (Berlin). Nicht zum ersten Mal in den vergangenen Wochen sorgte die Regel um (un-) absichtliches Handspiel für Aufregung. Siebert befragte den Videoschiedsrichter, der sprach sich gegen Elfmeter aus. Es blieb beim 0:1.

Schalke legte zwei, drei gute Aktionen nach. Einige Konter aber scheiterten an fehlendem Tempo und einer gut gestaffelten BVB-Defensive. Härter wurde die Zweikampfführung: Erst sah Lukasz Piszczek beim BVB die Gelbe Karte (14.), dann verwarnte Siebert auch Schalkes Bastian Oczipka nach einem harten Einsteigen gegen Jadon Sancho. Obwohl Sancho vor Spielfreude sprühte und ihn defensiv band, trug Oczipka zur größten Schalker Chance bei: Sein Eckstoß landete nach großem Wirrwarr im BVB-Strafraum bei Burgstaller. Aus wenigen Metern aber scheiterte er an Keeper Roman Bürki. Schalkes Abwehr-Hüne Salif Sané war nach vorne geeilt. Beim Kampf um den Ball nach der Ecke prallte er gegen Witsel, der verletzt liegenblieb – nach kurzer Behandlung aber weiterspielen konnte.

Allmählich beruhigte sich das Spiel ein wenig. Bei Burgstaller ging es in der 36. Minute verletzungsbedingt nicht weiter, Hamza Mendyl ersetzte ihn. Nominell brachte Tedesco damit einen etwas defensiver agierenden Akteur – gezwungenermaßen, weil ihm die Alternativen fehlten: Franco Di Santo, Breel Embolo und Mark Uth standen verletzt nicht zur Verfügung. Mit 3:6 Torschüssen, je 50 Prozent Ballbesitz und dem 0:1 gegen Schalke ging es in die Halbzeitpause.

Schalke-Ikone Mike Büskens, als Experte im Stadion, machte in der Halbzeitpause seinen Unmut über die Handspiel-Szene um Witsel deutlich: „Der Ball auf die Hand, da brauchst du auch mal einen Schiedsrichter, der nach Rücksprache mit Köln Elfmeter gibt. Jede Woche diskutieren wir über den gleichen Mist." Angesichts der anhaltenden Anspannung hatte Trainer Tedesco seine Jacke schon in der ersten Halbzeit abgelegt und sie nach der Pause gar nicht erst wieder mit an den Spielfeldrand gebracht. Eine weise Entscheidung, denn vogelwild wurde es erst dann.

Wieder zeigten Schalke und Dortmund großen Willen, das Derby für sich zu entscheiden. Tedesco hatte auf ein 4-3-3 umgestellt, mit Schöpf, Mendyl und McKennie in der Offensive. Warum Schalke als Tabellenzwölfter in die Partie gegangen war, zeigte sich aber dennoch: Bei eigenem Ballbesitz fiel den Königsblauen allzu wenig ein. Dortmund formierte sich mit zehn Mann vor dem eigenen Tor, versteifte sich auf Konter und Standards. Es sollte die Phase der Ruhe vor dem großen Sturm sein. Denn nach rund 60 Minuten griff erneut der Videoschiedsrichter in die Partie ein.

Caligiuri brachte eine Flanke von rechts in den Strafraum. Reus war nach hinten geeilt, um Harit an der Ballannahme zu hindern. Harit kam zu Fall. Zunächst tat sich nichts. Minuten später aber unterbrach der Schiedsrichter erneut das Spiel. Siebert sah sich die Szene nach Hinweis des VAR noch einmal am Bildschirm an – gab Bentaleb die Gelbe Karte, weil der mitgucken wollte, Reus sah Gelb wegen des Fouls – und es gab denn auch Elfmeter. Caligiuri nahm sich der Sache. Er verwandelte kühl (61.).

Beflügelt war Schalke davon nicht. Im Gegenteil. Zu passiv verteidigten die Gastgeber jetzt und boten Räume. Der BVB hatte wieder Lust an der Offensive entdeckt. Und schon in der 74. Minute fiel Tor Nummer drei, diesmal ganz ohne Eingreifen des VAR. Sancho spielte einen simplen Doppelpass mit Guerreiro, der für Larsen gekommen war, und zog links im Strafraum ab. Ganz locker schob er ins linke Eck zum 2:1. Auch Götze kam dann ins Spiel, Konoplyanka versuchte es bei Schalke (77.). Einen Akzent setzte aber nur noch Guerreiro, der den letzten Torversuch an den Pfosten schoss (85.). Mehr Harakiri als Spielkunst gab dann für wenige Minuten zu sehen. Und am Ende durfte sich der BVB Derbysieger nennen.