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Kommentar zum Video-Chaos
Die Bundesliga hat nichts gelernt

Fortuna-Trainer Friedhelm Funkel beschwert sich bei den Schiedsrichtern.
Fortuna-Trainer Friedhelm Funkel beschwert sich bei den Schiedsrichtern. FOTO: dpa / Ina Fassbender
Der erste Spieltag der Saison 18/19 ist noch nicht ganz über die Bühne, schon wird das Bundesliga-Wochenende wieder vom „Video-Chaos“ überlagert. „Klar falsch“ und ungerecht läuft es vor allem für die Fans. Ein Kommentar. Von Jessica Balleer

Es gab da diese leise Hoffnung, die an den Bundesliga-Saisonauftakt geknüpft war. Trotz enttäuschender Fußball-WM und DFB-Querelen wünschte sich der Fan, dass die 56. Spielzeit der Liga auch ein Nach-Hause-Kommen des Fußballs sein würde. Erste Zweifel kamen am Freitag auf. Am Samstag entpuppte sich die Wunschvorstellung endgültig als Naivität. Die neue Saison ist noch nicht mal einen Spieltag alt. Doch in den Stadien und Diskussionen unter Fans geht es wieder um alles, aber nicht um Fußball.


Nahtlos setzt sich der Ärger über den Videobeweis aus der vergangenen Saison fort. Nach dem 3:1-Auftaktsieg des FC Bayern gegen die TSG Hoffenheim redeten alle nur über Schiedsrichter Bastian Dankert und seinen Videoassistenten Sascha Stegemann. Bayern hatte von Dankerts fragwürdiger Elfmeter-Entscheidung profitiert. Sein Assistent griff nicht ein. Die Entscheidung sei "nicht klar falsch“ gewesen, gab Dankert später ziemlich halbgar zu Protokoll.

Streit gab es nicht nur darüber, ob eine Entscheidung nun richtig, falsch oder "klar falsch" war. Wieder lautet die Kernfrage: Wann greift der Videoassistent von außen ein? Bei Aufsteiger Fortuna Düsseldorf tat er es nicht. Fortuna kassierte nach einem nicht geahndeten Foul das zwischenzeitliche 1:1. Beim Duell Wolfsburg gegen Schalke ist das hingegen mehrfach geschehen. Das Spiel artete aus, weil Referee Patrick Ittrich (Hamburg) eine Gelbe Karte gegen S04-Verteidiger Matija Nastasic (66.) in einen Platzverweis änderte. Zudem nahm Ittrich eine Rote Karte gegen VfL-Stürmer Wout Weghorst zurück und zeigte stattdessen Gelb. All das nach Rücksprache mit Assistent Wolfgang Stark. Der hatte sich eigenmächtig eingeschaltet.



Allenthalben wurde diskutiert und gehadert. Die Samstags-Konferenz lahmte, weil beim Umschalten auf andere Plätze gefühlt nie der Ball rollte. Sechs Minuten Nachspielzeit sind anscheinend ab jetzt die Regel. Headsets auf den Trainerbänken hier, fragend dreinblickende Spieler dort. Einen aufgeregten Schalke-Trainer Domenico Tedesco gab es auch. Statt das Team anzuweisen, stritt er mit den Unparteiischen und klagte nach dem Spiel, er sei „durchbeleidigt“ worden. Tedesco prangerte Ton und Miteinander an. Nicht mal in der Idylle im Breisgau regierte die Emotion. Beim SC Freiburg machte sich Gast Eintracht Frankfurt mit einer fragwürdigen Interpretation des Fairplay unbeliebt. Freiburg hatte den Ball ins Aus befördert, weil ein Spieler verletzt auf dem Boden lag. Frankfurt nahm den geschenkten Einwurf dankend an und schoss ein Tor.

Gemecker in den Stadien, Gemecker von Spielern und Verantwortlichen, Gemecker von den Fans. Der Fußball ist längst keine Oase des Rückzugs mehr, in der der Fan seine Kommentare zu Spielzügen, Auswechslungen oder Fehlpässen loswird. Über Siege und Niederlagen freut oder ärgert sich auch kaum noch jemand. Die Bundesliga ist gerade wie ein pädagogischer Stuhlkreis, in dem jeder glaubt, mit seiner Auffassung von Gerechtigkeit richtig zu liegen. Helfen würde ein fähiger Spielleiter, und Regeln zu definieren und diese einheitlich umzusetzen. Die WM hat gezeigt, dass der Videobeweis nicht alles überlagern muss. „Klar falsch“ läuft auch, dass der Spaß am Zuschauen von Genervtheit abgelöst wurde. Gemessen an Einsatz und Leidenschaft, die viele investieren, um Fußball überhaupt noch schauen zu können, ist das die größte Ungerechtigkeit.

Vielleicht ist es die beste Nachricht für die Liga, dass sie gerade ziemlich nervt. Der nächste Schritt wäre Gleichgültigkeit, und das wäre das Schlimmste, was dem Fußball passieren könnte.