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Spiel mir das Lied vom Unerfülltsein

Saarbrücken. Diese Frau hängt durch. Wirft sich über Gitter wie ein Waschlappen oder baumelt als leblose Puppe in den Armen ihres Ex-Verehrers Lövborg. Diesen hoch begabten, alkohol-exzessgefährdeten Überflieger hat die Tochter des Generals sausen lassen, aus Angst vor einem "Skandal" Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Saarbrücken. Diese Frau hängt durch. Wirft sich über Gitter wie ein Waschlappen oder baumelt als leblose Puppe in den Armen ihres Ex-Verehrers Lövborg. Diesen hoch begabten, alkohol-exzessgefährdeten Überflieger hat die Tochter des Generals sausen lassen, aus Angst vor einem "Skandal". Hat den kreuzbraven Bücherwurm Tesman geheiratet, dem Tante Julle (Saskia Petzold) - Hedda hätte es wissen müssen - kurz nach Ankunft von der Hochzeitsreise die alten Strickpantoffel vorbei bringt. Aber die Tochter aus dem besten Stall der Stadt leidet nun mal an einer chronischen Störung des inneren Navigationssystems. Für Selbstbestimmung schwärmt sie nur in antiken Dramen, Ersatz-Leben ist ihr Plaisir.



Also schickt sie Männer auf die Karriere-Rennbann. Tesman soll Professor, besser noch Minister werden, Lövborg in "Schönheit" Selbstmord begehen. Was für eine ärmliche, verätzte Seele? Tatsächlich gönnt Diem dieser Heldin des Überdrusses keine Sympathie-Nische. Er stellt sie - und mit ihr alle Figuren - unbarmherzig aus, zwingt sie auf requisitenfreie Holz-Podeste in eine ausgekahlte Szene (Terese Riis). Dort hat man Filmbilder aus herbstlichen Wäldern zugestellt mit karger Gitter-Architektur - eine sinnfällige Bühnen-Lösung. In diesem Gefängnis-Wald morscher Gefühle erlebt man die Jazz-Einlagen von Alexandra Höltsch wie vitalisierende Freiheits-Rufe. Es ist das einzige Stimmungs-"Dekor", das Diem zulässt. Durch seinen mutigen Verzicht auf Keckheiten und durch konsequente Ausnüchterung kommt Diem der grimmigen Haltung Ibsens (1826-1906) sehr nahe. Der saß einst zu Gericht über die seelische Trägheit und konventionsdiktierte Engstirnigkeit des Bürgertums. Emanzipations-Krämpfe von vorgestern? Diem hebt Ibsens Abrechnung mit Rollen-Mustern ins Zeitlos-Heutige. In der Feuerwache wird Charakter- und Lebens-Schwäche verhandelt, männlich wie weiblich.

Hedda hat Stress mit (Selbst-)Verantwortung. Zugleich hantiert sie mit Papis Pistolen als sei sie Emma Peel - eine lächerliche Anmaßung, das zeigt Gertrud Kohl vortrefflich. Eine Frau ohne Standbein und Standpunkt, windet und räkelt und flegelt sie sich, ein Fähnchen im Frauen-Rollen-Wind: mal mit aufgesetztem Sex-Appeal im Beatnik-Dress, dann wieder eine naive weiße Schneeflocke in Norweger-Strick. Vor allem zu Beginn wirkt der penetrante Körper-Einsatz jedoch überparfümiert, affektiert. Sicher: Kohl findet für diese kleinherzige Großtuerische zwar eigenwillige, hippieske Töne. Doch ihrer Hedda fehlt der giftige Glanz, das Irrlichternd-Schimmernde. Und ihre Mitspieler? Georg Mitterstieler setzt seinen Lövborg auf eine zu schmale Spur: ein hübscher Sensibler, ohne erotisches oder dämonisches Blitzen. Immerhin versteht man hier besser als sonst, warum er mit Thea knutscht. Die hat Ehe und Existenz aufgegeben, um dem Labilen Halt zu geben. Melanie von Sass, üppig gelockt und lecker dekolletiert, zeigt nicht das verhuschte Mäuschen, sondern eine tief berührbare Frau. Am Ende bleibt sie mit Tesman zurück.

Welch eine Fülle von Nuancen hält diese Männer-Rolle bereit! Borniertheit, Redlichkeit, Rivalen-Neid und Abstiegs-Angst. Merten Schroedter tippt kaum eine an. Stattdessen schaut man seinem Standard-Repertoire angestrengter Bedeutsamkeit zu: Haareraufen, Herumzappeln. Auch Klaus Meininger als Amtsgerichtsrat Brack liefert wenig mehr als eine wackere Bemühung. So wird der Abend zur darstellerischen Wackel-Partie. Dass er dennoch zu einem guten, mehr als respektablen Ganzen wächst, verdankt er seinen stabilen Regie-Qualitäten. Viel Beifall. Termine: 24., 27., 29. Mai. Tel. (06 81) 3092 486.