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Spaniens dunkle Zeiten

Der Blick auf eine Seite aus der kunstvoll gestalteten Graphic Novel "Die Kunst zu fliegen". Foto: avant-verlag
Der Blick auf eine Seite aus der kunstvoll gestalteten Graphic Novel "Die Kunst zu fliegen". Foto: avant-verlag
"Mein Vater beging am 4. Mai 2001 Selbstmord." So lautet der erste Satz im ersten Bild der Graphic Novel "Die Kunst zu fliegen", in der Antonio Altarriba die Geschichte seines Vaters erzählt. Zu sehen ist der vergreiste Altarriba senior, der aus dem Fenster seines Altenheimzimmers schaut und darüber sinniert, dass es endlich Zeit sei "zu fliegen" Von SZ-Mitarbeiter David Lemm

"Mein Vater beging am 4. Mai 2001 Selbstmord." So lautet der erste Satz im ersten Bild der Graphic Novel "Die Kunst zu fliegen", in der Antonio Altarriba die Geschichte seines Vaters erzählt. Zu sehen ist der vergreiste Altarriba senior, der aus dem Fenster seines Altenheimzimmers schaut und darüber sinniert, dass es endlich Zeit sei "zu fliegen". Drei Seiten später: Man sieht ein offenes Fenster mit wehenden Vorhängen, ein Gehstock auf dem Fenstersims, davor ein Paar Hausschuhe. Der alte Mann hat seinen Flug angetreten.



Nach dieser drastischen Exposition schwenkt die Geschichte ins Jahr 1918 zurück. Der achtjährige Antonio steht mit seinen Brüdern auf dem Feld des Vaters, der mit Ochsen Furchen zieht und seine Kinder unter Schlägen anhält, den Grundbesitz durch Kampf und Stärke zu vermehren. Der lernbegierige Antonio ist für die Feldarbeit und die Enge der aragonesischen Provinz gänzlich ungeeignet - ihn zieht es in die Großstadt Saragossa.

Doch im paternalistischen Spanien zu Zeiten der Diktatur Primo de Riveras hält man von Sperenzien dieser Art wenig, und so fristet Antonio Kindheit und Jugend im verhassten Dorf. Gemeinsam mit seinem einzigen Freund Basilio teilt er seine lebenslang anhaltende Leidenschaft für Autos und entflieht zumindest für Momente der Tristesse der Provinz - denn für ihn gleicht Autofahren dem Fliegen. Nachdem Antonio schließlich doch in die Stadt geflohen ist, wird er Zeuge der politischen und sozialen Umwälzungen in Spanien Anfang der Dreißiger Jahre. Im Spanischen Bürgerkrieg schließt er sich den Anarchisten an, um für seine Überzeugungen und gegen die Unterdrückung der Arbeiter zu kämpfen. Der Auftakt für eine unglaubliche, entbehrungsreiche Odyssee, die stellvertretend für das Schicksal vieler Spanier zu lesen ist, die in den Wirren der Kriege und Umstürze Hab, Gut und manchmal auch Überzeugungen verloren haben.

Antonio Altarriba erzählt anhand der Geschichte seines Vaters die bewegte Historie Spaniens im 20. Jahrhundert, von Armut, Krieg, Flucht und dem täglichen Kampf ums Überleben. Der spanische Zeichner Kim setzt meisterlich die verschiedenen Etappen, Milieus und Stimmungen in Szene. Da er auch den Hintergrund detailliert illustriert und die Geschichte in Schwarzweiß mit grauen Nuancen nachzeichnet, taucht der Leser unmittelbar in die Vergangenheit ein. Eine gelungene Symbiose zwischen Text und Bild - und eine Geschichtslektion obendrein.

Antonio Altarriba (Text), Kim (Zeichnungen): Die Kunst zu fliegen. Aus dem Spanischen von André Höchemer. avant-verlag, 208 Seiten, 24,95 Euro.