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Sozialplan für Beckinger Schraubenfabrik steht

Beckingen. Die Beschäftigten der Beckinger Schraubenfabrik bleiben vorerst von einer großen Kündigungswelle verschont. 183 Mitarbeiter dürfen bleiben, rund 100 können in eine Auffanggesellschaft wechseln. Volker Meyer zu Tittingdorf

Die Erleichterung ist Gerfried Lauer deutlich anzumerken. "Es stand auf Messers Schneide. Ich bin froh, dass es mit der Transfergesellschaft geklappt hat", sagte der Betriebsratschef der Beckinger Schraubenfabrik, die zur insolventen Whitesell-Germany-Gruppe gehört. Gestern hat er einen Sozialplan unterschrieben. Rund 100 betroffene Beschäftigte werden nach Darstellung Lauers in die Auffanggesellschaft wechseln. Sie entgehen damit der Kündigung und werden zumindest vorerst nicht arbeitslos. In der Transfergesellschaft sollen die Beschäftigten weiter qualifiziert und in neue Jobs vermittelt werden. Darüber hinaus habe eine ganze Reihe von Mitarbeitern anderswo Arbeit gefunden oder gehe in Rente. Für die anderen drei Standorte Neuwied (Rheinland-Pfalz), Neuss (Nordrhein-Westfalen) und Schrozberg (Baden-Württemberg) gebe es keine Sozialplan-Lösung, sagte Lauer.

"Eine halbe Minute vor 12 haben wir das hingekriegt", sagte auch Guido Lesch, 2. Bevollmächtigter der IG Metall Völklingen. Denn morgen soll das Insolvenzverfahren eröffnet werden, und das Insolvenzgeld, mit dem die Löhne bezahlt werden, läuft aus. Da der Insolvenzverwalter Biner Bähr keine Verluste machen darf, die Auslastung der Fabriken für bundesweit noch rund 1200 Mitarbeiter viel zu klein ist, muss er alle entlassen, die für den Weiterbetrieb nicht benötigt werden. Nur 183 der mehr als 300 Beschäftigten in Beckingen übernehme Bähr vorläufig, wie Lauer sagt. 650 sind es laut IG Metall in der gesamten Schrauben-Gruppe.
Neun Kaufinteressenten



Lange war nicht klar, ob die Transfergesellschaft überhaupt zustande kommt. Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD ) hatte dies noch vorige Woche im Landtag offen gelassen. EU-rechtliche Hürden waren zu überwinden, die Ministerin musste offenbar auch den Koalitionspartner CDU überzeugen und, wie zu erfahren war, Zustimmung dafür gewinnen, 800 000 Euro Landesmittel zur Finanzierung der Transfergesellschaft zu erhalten. "Das Saarland hat vorbildlich Krisenmanagement zum Wohle der Beschäftigten bewiesen", sagten Lesch und Lauer einer Mitteilung zufolge.

Die Transfergesellschaft ist demnach zunächst auf drei Monate angelegt, kann aber um acht Monate verlängert werden, wenn innerhalb von drei Monaten ein neuer Eigentümer für das Beckinger Werk gefunden ist. Es ist aber ungewiss, ob das gelingt. Und das liegt, so Lesch, am Verhalten der früheren US-Muttergesellschaft Whitesell, die ihre deutsche Schrauben-Tochter aufgespalten, das Anlagevermögen nach Luxemburg verlagert und den Rest der Firma Ende Januar in die Insolvenz geschickt hatte. "Whitesell blockiert das Investorenverfahren", sagte Lesch. Es gebe neun Übernahmeangebote für einzelne Werke oder die ganze Gruppe. Whitesell lässt sich aber offenbar bislang nicht auf den für die Zukunft der deutschen Werke nötigen Verkauf der Luxemburger Holding ein. Aus "skandalöser Profitgier", sagt Lesch. Die US-Firma Whitesell gilt seit der Übernahme der deutschen Schraubengruppe Anfang 2014 als Heuschrecke, die rücksichtslos Geld aus dem Unternehmen saugt.