„So etwas gibt man nicht auf”

„So etwas gibt man nicht auf”

Am Montag startet das 35. Filmfestival Max Ophüls Preis. Bis zum 26. Januar werden 160 Filme zu sehen sein. Wie hat sich der junge deutsche Film entwickelt? Kann sich das Festival gegen die Konkurrenz behaupten? Wie sieht es mit der Finanzsituation aus? Die SZ-Redakteure Sophia Schülke und Johannes Kloth sprachen mit den künstlerischen Leitern Gabriella Bandel und Philipp Bräuer.

Das Festival hat noch nicht begonnen, da wird schon diskutiert. Allerdings nicht über Filme. Der Behindertenbeirat der Stadt wirft Ihnen Diskriminierung vor.

Bräuer: Wir werden momentan sehr pauschal und sehr polemisch kritisiert, obwohl wir gerade im vergangenen Jahr versucht haben, alle Verbesserungsmöglichkeiten in Sachen Barrierefreiheit auszuloten. Wir können es nicht ändern, dass der Cinestar nur einen Rollstuhlplatz hat. Das Kino wurde Anfang 2000 gebaut. Ich weiß nicht, ob der Behindertenbeirat auch nur die Hälfte der kritischen Energie aufgewandt hat, die uns jetzt entgegenbläst, um in den vergangenen 14 Jahren mal auf diesen Missstand hinzuweisen. Die Situation ist unbefriedigend, ja. Aber es wird da momentan gezielt Politik gemacht, die Realität sieht anders aus: Die Rollstuhlfahrer, die unser Festival kennen, wissen, dass nie jemand abgewiesen wurde.

Kritik gibt es auch daran, dass Filmversionen für Blinde und Gehörlose fehlen.

Bräuer: Hätten wir - wie gefordert - nur Filme zugelassen, die in Fassungen mit Audiodeskriptionen und Untertiteln vorliegen, hätten wir statt 850 Filme null Filme bekommen. So ist leider der Stand der Dinge. Die Untertitelung und Blindenversionen kosten die Produktionsfirmen eine Menge Geld und sind gesetzlich nicht verpflichtend. Was bitte sollen wir da tun?

Das Festival muss sparen. Es hieß im Vorfeld, das Publikum werde davon nichts merken…

Bräuer: Naja, einen gewissen Grad an Sichtbarkeit wollen wir schon. Wir wollten nicht so tun, als wäre alles super. Dass wir den Vorverkauf von sechs auf drei Tage verkürzt haben, für die "Blaue Stunde" keine Leinwand angemietet hatten, keine Tontechnik - das war natürlich sichtbar.

Bandel: Wir haben in verschiedenen Bereichen versucht, zu sparen, und sind da zum Teil wirklich an die Grenzen gegangen.

Zum Beispiel?

Bandel: Wir mussten uns von Mitarbeitern trennen, deren Arbeit wir selbst übernommen haben, haben versucht, bei Gästekosten zu sparen - kleine Summen, die sich aber addiert haben.

Warum tut sich das Festival bei der Sponsorensuche so schwer? Immerhin ist es das saarländische Festival mit dem größten überregionalen Bekanntheitsgrad.

Bräuer: Natürlich haben es bestimmte Kulturveranstaltungen in der Gunst der Sponsoren leichter: klassische Konzerte, Theater, Kunstausstellung, Museum. Kino wird in vielen Augen eher als Unterhaltung gesehen. Und dann sitzt das Geld einfach nicht mehr so locker. Im Saarland gibt es viele Automobilzulieferer und Technikdienstleister, die sehr von der Konjunktur abhängen. Viele zögern, sich über Jahre zu binden.

Bandel: Trotzdem ist was in Bewegung geraten. Im Moment sind wir in etlichen vielversprechenden Gesprächen - regional, aber auch überregional.

Ihre Verträge laufen bis 2015. Machen Sie eine mögliche Verlängerung auch abhängig von der Etatsituation?

Bräuer: Da steckt bei uns so viel Herzblut in dem Festival, dass Geld das Letzte ist, worauf wir achten. Das Festival hat so eine tolle Entwicklung gemacht, so etwas gibt man nicht auf.

In einem interessanten Text hat Regisseur Dominik Graf vor einiger Zeit eine Überstrapazierung des Bildungsbürgerlichen, des thematisch Beflissenen im deutschen Film beklagt. Es gehe nur noch um Familienprobleme, Seelenkrankheiten, Alzheimer, Krebs, - und die gängigen Staatsthemen: Integrationskonflikte, Neonazis, DDR und RAF. Sie haben 110 eingereichte Spielfilme gesichtet. Mal ehrlich, hat Graf nicht recht?

Bräuer: Es gab viele Filme, die in die Richtung gingen, ja. Aber gerade der Langfilmwettbewerb hat eine ganz andere Ausrichtung. Das sind 16 Filme, die versuchen eine ganz andere Sprache zu sprechen und eben nicht in die Kerbe hauen, die Graf berechtigterweise anspricht. Die jungen Filmemacher sind auch viel freier, weil sie kleinere Budgets haben, weniger Förderung, weniger Leute, die sich einmischen. Bei 20 Koproduzenten, millionenschweren Budgets ist es kaum möglich, etwas Explosives, Experimentelles zu machen. Es ist eine interessante Entwicklung, dass bei internationalen Festivals mittlerweile die Nachwuchs-Filmemacher und ihre Produktionen mindestens so viel Aufmerksamkeit bekommen wie die etablierten, wenn nicht sogar mehr.

Mein Eindruck der vergangenen Jahre war, dass sich die spannenderen Geschichten im Dokumentarfilmbereich finden lassen. Sehen Sie das ähnlich?

Bräuer: Ich denke, dass Dokumentarfilme einfach eine größere Illusion von Authentizität bieten, obwohl sie genauso fiktiv sein können. Mit dem ersten Schnitt wird bereits in den Fluss des realen Ablaufs eingegriffen. 2008 hat sich der Dokfilm "Full Metal Village" gegen die Konkurrenz von 12 Spielfilmen durchgesetzt. Wir haben damals gemerkt, dass ein starker Dokfilm immer noch etwas mehr wahrgenommen wird als ein starker Spielfilm und daher die Wettbewerbe getrennt.

Das Max-Ophüls-Festival steht in Konkurrenz zu anderen Filmfestivals. Kann es sein, das Sie da dieses Jahr etwas ins Hintertreffen geraten sind? Den Eröffnungsfilm zum Beispiel gibt es bereits seit Monaten auf DVD zu kaufen…

Bräuer: …trotzdem ist es die deutsche Erstaufführung.

Und der Film zum Oktoberfestattentat, "Der blinde Fleck", startet parallel zur Saarbrücker Vorführung im Kino.

Bräuer: Das hätten wir uns auch anders gewünscht. Aber die Frage war: Verzichten wir auf den Film, obwohl schon der Debütfilm von Daniel Harrich bei uns lief, und obwohl es ein richtig gelungener, gut besetzter Film ist? Wir haben alles versucht, am Kinostart was zu ändern. Keine Chance. Aber letztlich fragt nach zwei Jahren keiner mehr, ob der Filmstart während des Festivals war oder eine Woche später.

Bandel: Im Kurzfilmbereich haben wir nur Premieren. Und so was hat auch positive Konsequenzen. Marvin Kren zum Beispiel kommt jetzt mit dem Langfilm "Blutgletscher" zu uns, weil er mit einem Kurzfilm und mittellangen Film schon bei uns war.

Bräuer: Für uns ist Nachhaltigkeit um ein Vielfaches wichtiger, als nun die Ellbogen auszufahren und zu sagen: Ab jetzt zeigen wir nur noch Premieren - wie es etwa die Hofer Filmtage machen. Damit würden wir der Nachwuchsszene nicht gerecht. Wir haben es mit (noch) unbekannten Gästen zu tun. Wir profitieren davon, dass wir ein gutes Händchen beweisen, Leute finden, die ihren Weg gehen, und wir in fünf, zehn oder 20 Jahren die Lorbeeren ernten. Wir wollen nicht oberflächlich Statistik, Glanz und Glamour bedienen. Wir müssen und wollen auf die Inhalte schauen.

Mehr von Saarbrücker Zeitung