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Schwerbehinderte öfter arbeitslos

Saarbrücken. Der Jobmotor in Deutschland läuft auf Hochtouren: Allein im August dieses Jahres waren über eine halbe Million Arbeitslose weniger registriert als im Sommer 2009. Das entspricht einem Rückgang von 15 Prozent. Bei den Schwerbehinderten ist der Trend jedoch gegenläufig: Die Zahl der Erwerbslosen in dieser Gruppe hat sich um 7,6 Prozent erhöht Von SZ-Korrespondent Stefan Vetter

Saarbrücken. Der Jobmotor in Deutschland läuft auf Hochtouren: Allein im August dieses Jahres waren über eine halbe Million Arbeitslose weniger registriert als im Sommer 2009. Das entspricht einem Rückgang von 15 Prozent. Bei den Schwerbehinderten ist der Trend jedoch gegenläufig: Die Zahl der Erwerbslosen in dieser Gruppe hat sich um 7,6 Prozent erhöht.Rund 180 000 Schwerbehinderte waren im August ohne Job. "Anders als erwartet hat sich das Risiko des Jobverlustes von behinderten Menschen trotz guter konjunktureller Entwicklung nicht verringert. Immer noch werden mehr Menschen arbeitslos, als Erwerbslose wieder in Beschäftigung kommen", erklärte der Arbeitsmarktexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Wilhelm Adamy gegenüber unserer Zeitung. In Zahlen ausgedrückt heißt das: Pro Jahr werden etwa 70 000 Behinderte registriert, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Das sind doppelt so viele wie jene, die wieder einen neuen Job finden.



Besonders schlechte Karten haben Schwerbehinderte, die auf Hartz IV angewiesen sind. Dabei beziehen rund 60 Prozent aller arbeitslosen Schwerbehinderten die staatliche Grundsicherung. Laut DGB-Studie gibt es aber auch spürbare Unterschiede innerhalb des Hartz-IV-Systems. So war der Bestand an hilfebedürftigen arbeitslosen Schwerbehinderten im Zuständigkeitsbereich der Bundesagentur für Arbeit von 2006 bis Anfang 2011 nur um 1,3 Prozent gestiegen. Demgegenüber hatte sich der Bestand der von den so genannten Optionskommunen in Eigenregie betreuten Langzeitarbeitslosen versechsfacht.

Nach Angaben der Studie lässt auch die staatliche Arbeitsförderung zu wünschen übrig. Etwa 200 000 Schwerbehinderte beginnen jährlich eine entsprechende Maßnahme. Bereits im Vorjahr war laut Studie aber schon ein Rückgang um zehn Prozent zu verzeichnen. Hintergrund ist eine teilweise Begrenzung der Finanzmittel. Betroffen ist zum Beispiel der Beschäftigungszuschuss, der sich laut Studie "gezielt" an Arbeitslose richtet, die nahezu keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Unter die Kürzungen fallen auch Ein-Euro-Jobs, obwohl diese Arbeitsgelegenheiten gerade für die Förderung Schwerbehinderter "größte Bedeutung" hätten. Im Vorjahr traten fast 34 000 Schwerbehinderte eine Arbeitsgelegenheit an. Das entsprach einem Anteil von 43 Prozent aller eingeleiteten Fördermaßnahmen für Schwerbehinderte.

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach forderte die Bundesregierung zur Kurskorrektur auf. "Trotz steigender Arbeitslosigkeit bei den Schwerbehinderten streicht die Koalition mit der so genannten Reform der arbeitsmarktpolitischen Instrumente auch die Hilfen für sie zusammen", kritisierte Buntenbach . Es sei ein Armutszeugnis für ein wohlhabendes Land wie Deutschland, dass die Mehrheit der arbeitslosen Schwerbehinderten auf Hartz IV angewiesen seien.