Schleckers schwarzer Freitag

Schleckers schwarzer Freitag

Ehingen/Saarbrücken. Der Name Schlecker wird bald von der Bildfläche verschwinden. Als Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz den Raum mit der Hiobsbotschaft im Gepäck betritt, stehen Hunderte Betriebsräte von ihren Plätzen auf und setzen sich auch nicht hin, als er das endgültige Aus für den einstigen Branchenprimus verkündet

Ehingen/Saarbrücken. Der Name Schlecker wird bald von der Bildfläche verschwinden. Als Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz den Raum mit der Hiobsbotschaft im Gepäck betritt, stehen Hunderte Betriebsräte von ihren Plätzen auf und setzen sich auch nicht hin, als er das endgültige Aus für den einstigen Branchenprimus verkündet. So berichtet die Gesamtbetriebsratchefin Christel Hoffmann vom Schwarzen Freitag, der rund 13 200 Beschäftigte in Deutschland erstmal vor die Arbeitslosigkeit stellt. "Die Mitarbeiterinnen haben die Entscheidung mit Würde und erhobenen Hauptes aufgenommen", sagt sie mit den Tränen in den Augen.Entsetzen und Trauer auch in den saarländischen Schlecker-Läden: "Ich bin geschockt. Ich habe das zwar kommen sehen, aber dennoch bis zum Schluss gehofft", sagt Yvonne Montag (54), Mitarbeiterin der Schlecker-Filiale in der Saarbrücker Eisenbahnstraße:

Die drei größten Gläubiger Schleckers haben die K.O.-Entscheidung nach dreistündigen Beratungen an einem geheimen Ort in Berlin getroffen. Monatelang wurde um die Rettung der insolventen Drogeriekette gerungen. Es brachte nichts. Viele hatten bis zum Schluss auf den Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen gesetzt. Umso seltsamer klingt einer der Gründe, die ihn dazu bewogen haben soll, in der Nacht zum Freitag noch abzuspringen: das mediale Interesse an Schlecker. Verständlicher ist der weitere genannte Grund. Die rund 4500 Kündigungsklagen der schon im März entlassenen 11 000 Mitarbeiter, waren laut Geiwitz ausschlaggebend. Zumindest waren sie der Grund, warum Berggruen sein Angebot nicht nachbesserte.

Doch genau das hatten die Gläubiger gefordert. Denn für sie geht es um viel Geld. "Es sind bisher Forderungen zwischen 500 Millionen bis zu einer Milliarde angemeldet", sagt Geiwitz.

Wie steht nun eigentlich Insolvenzverwalter Geiwitz da? Klar, das ist sicher auch eine Niederlage für ihn. Hatte er doch verkündet, bis spätestens Pfingsten einen Investor zu präsentieren. Damit scheiterte er. Geiwitz übernahm aber auch einen besonders kniffligen Fall. Das Unternehmen war hoch verschuldet, die Bücher wurden nicht immer transparent geführt und das Image war mehr als schwierig. Aus Sicht vieler hätte die gescheiterte Transfergesellschaft einiges auffangen können. "Das hat sich negativ auf den Verkaufsprozess ausgewirkt", sagt Geiwitz.

Die "große Wut und Enttäuschung" der Belegschaft richte sich daher auch stark gegen die FDP, die eine Transfergesellschaft blockiert hatte, sagte Verdi-Landeschef Alfred Staudt. Hauptursache des Desasters sei aber "die asoziale Geschäftspolitik Anton Schleckers", sagte Staudt. So sieht das offenbar auch Oskar Lafontaine, dem Chef der Linksfraktion im saarländischen Landtag, und schließt daran eine Forderung an: Das Gesellschaftsrecht müsse so reformiert werden, dass kein großes Unternehmen mehr "geführt werden kann wie eine Pommesbude", sagte er in Göttingen.

Ende nächster Woche soll schon der Ausverkauf bei Schlecker beginnen, bis Ende Juni werden wohl die meisten Filialen geschlossen sein. Unter den Mitarbeiterinnen ist viel Ratlosigkeit und Verzweiflung: "Ich habe schon zwei Filial-Schließungen mitgemacht, erst in Brebach, dann in Ensheim - und jetzt hier. Ich bin alleinerziehende Mutter wie viele hier", sagt Emine Kulaksiz von der Filiale in der Saarbrücker Kaiserstraße. "Wie es für mich weitergeht? Arbeitsamt", sagt Yvonne Montag. Aber "vielleicht klappt das ja doch noch mit Verdi und einer Transfergesellschaft". Alfred Staudt macht Hoffnung, dass es doch noch mit solch einer Qualifizierungsgesellschaft klappen könnte. Die Landesregierung stehe dem "positiv gegenüber". dpa/jöw/mzt/dapd

"Wie es für mich weitergeht? Arbeitsamt."

Yvonne Montag, Saarbrücker Schlecker-

Mitarbeiterin

Rückblick

1975: Anton Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck seinen ersten Drogeriemarkt.

1998: Anton und Christa Schlecker werden zu einer Haftstrafe von je zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Sie betrogen laut Urteil ihre Angestellten, indem sie ihnen nur vorgaukelten, nach Tarif zu zahlen.

2008: Das Schlecker-Imperium umfasst europaweit mehr als 14 000 Filialen. Die Kette beginnt Verluste zu schreiben.

2010: Schlecker in der Kritik: unter anderem wegen Austauschs eigener Mitarbeiter durch schlecht bezahlte Leiharbeiter.

November 2010: Lars und Meike Schlecker rücken in die Führungsetage auf. Sie stoßen eine Modernisierung an.

Dezember 2011: Schlecker schließt 600 Läden in Deutschland.

Januar 2012: Schlecker meldet Insolvenz an. afp