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Schildknechts Lafontaine-Hymne

Saarbrücken. Kurt Josef Schildknecht (65) war 15 Jahre lang ein Klarredner. Seit drei Jahren ist er freier Regisseur und Privatmann und gönnt sich schon mal Ausweichmanöver. Etwa in Bezug auf das Saarbrücker Haus Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Saarbrücken. Kurt Josef Schildknecht (65) war 15 Jahre lang ein Klarredner. Seit drei Jahren ist er freier Regisseur und Privatmann und gönnt sich schon mal Ausweichmanöver. Etwa in Bezug auf das Saarbrücker Haus. Lieber schildert Schildknecht generelle Theater-Ärgernisse: Das "Handwerkliche" (Intonation, Verständlichkeit) verschludere, es werde zu viel geschrieen, mancher Chef pflege auf Kosten der Professionalität ein "Wohlfühltheater" mit Familienatmosphäre. "Mir wird natürlich viel zugetragen - von denen, die unzufrieden sind mit der neuen Ära. Ich halte das nicht für eine solide Basis für ein Urteil."


2006 ging Schildknecht nach einem ruppigen Spar-Kampf mit der CDU-Landesregierung. Er meint: ein erzwungener vorzeitiger Ruhestand. Nach der Stabübergabe an Dagmar Schlingmann sah er nur eine einzige Produktion - "Rheingold" (2006), betrat das Haus nie mehr: "Die Beendigung meiner Tätigkeit war so schmerzlich, dass es besser ist, man hält Abstand." Vom gesamten Saarland? Die von seinem Freund Kurt Bohr (SPD) gegründete Kultur-Beraterfirma "ars + polis", in der er mitarbeite, laufe nur "auf kleinster Flamme", berichtet er. Statt dessen stemmt er drei Inszenierungen im Jahr. Aus Heilbronn, Trier, St. Gallen, Meiningen und Stuttgart landeten Premieren-Einladungen für "Turandot", die "Räuber", "West Side Story" oder "Les Misérables" bei den Saar-Getreuen. Die reisen ihm nach: "Ich bin nach Premieren nie allein." Mancher wird Schildknechts Arbeits-Drang und Reiselust als Fluchtimpuls werten. In China hielt er Vorträge über das deutsche Theater, in den USA besuchte er die Familie seiner Frau, der Sopranistin Barbara Gilbert. Demnächst geht's nach Zagreb (Kroatien), wo er den "Parsifal" inszeniert. Kosmopolitentum - Schildknecht hat sich selbst von der Saar-Kette gelassen. Man trifft ihn souverän, elastisch, geradezu strahlend gut gelaunt - und bestens informiert, ja eingebunden ins Saar-Geschäft. Täglich erreichen ihn Mails mit Artikeln aus der Saarbrücker Zeitung. Wenn er zurückkehrt, wundert er sich, "dass sich alle hier viel zu wichtig nehmen". Nach zwei Tagen sei er dann selbst wieder ebenso "blind". Wie damals, als er seinen Vertrag voreilig verlängerte. "In solchen Positionen darf man das erst nach den Wahlen tun. Dann hättte ich nach Ankündigung der Sparmaßnahmen einfach meinen Vertrag erfüllt und wäre 2006 gegangen. Ohne Krach." Späte Einsicht, junger Zorn: Dass er Recht behielt. Das Sechs-Millionen Spar-Paket war nicht zu schultern und wurde seiner Nachfolgerin teilweise erlassen.

Schildknecht zeigte sich immer schon als politischer Mensch. SPD-nah, aber nie parteigebunden. Mit Ex-Ministerpräsident Oskar Lafontnaine, der ihn engagierte, verband ihn mehr als das übliche Händeschütteln. Heute pflegt man wieder rege Kontakte. Schildknecht bekennt sich mit Kampflust (und Rache-Impuls?) zu einem Politik-Wechsel an der Saar. Die "Verteufelung" Lafontaines als rotes Untergangs-Gespenst durch Peter Müller (CDU) bezeichnet er als "lächerlich": "Fakt ist doch, dass es der Saar-Kultur unter Lafontaine am Besten ging. Man sollte Politiker nicht nach dem beurteilen, was sie versprechen, sondern nach dem, was sie getan haben." Schildknecht hält die von der CDU forcierte Schuldenbremse für falsch, das Wunschkonzert um Eventhalle, Stadtmitte am Fluss und Konzerthaus für "rührend", und den Bau des Vierten Pavillons für unnötig: "Ich habe keine Bedarfsanalyse gesehen". Bereits als Intendant trat er für Prioritätensetzung ein - und wirkte mitunter wie ein selbst ernannter General-Kulturbevollmächtigter.

Anmaßung? Verantwortungsbewusstsein gegenüber einer Streit-Demokratie. In Schildknechts Charakter marschieren Pflichtbewusstsein und Eitelkeit nun mal Hand in Hand. Wenn er heute Gerüchte hört, er sei für das Kulturministeramt in einer Linksregierung im Gespräch oder sollte womöglich nochmal als SST-Retter einspringen, dann nennt er dies nicht abwegig, sondern er sagt sehr ernst: "Um solche Posten bewirbt man sich nicht und reißt man sich nicht. Dazu wird man berufen. Und dann gibt es eine Nacht, in der man es sich überlegen kann." Eine überraschende Bewerbung für höhere Polit-Weihen? Schon 2007 erstaunte Schildknechts offene Haltung gegenüber dem Vorstoß der Saarbrücker Grünen, die ihn gerne als Kulturdezernenten gesehen hätten.