Zwischenmenschliche Kompetenz im Sozialpraktikum erwerben

Zwischenmenschliche Kompetenz im Sozialpraktikum erwerben

Marpingen. Neslihans Stundenplan sieht für zwei Wochen gänzlich anders aus, als sie es nach nunmehr zehn Schuljahren gewohnt ist. Statt Mathematik, Geschichte oder Französisch steht die Betreuung behinderter Menschen auf dem Plan

Marpingen. Neslihans Stundenplan sieht für zwei Wochen gänzlich anders aus, als sie es nach nunmehr zehn Schuljahren gewohnt ist. Statt Mathematik, Geschichte oder Französisch steht die Betreuung behinderter Menschen auf dem Plan. Neslihan ist eine von 76 Praktikanten der Klassenstufe 11 der Gemeinschaftsschule Marpingen, die ihr zweiwöchiges Sozialpraktikum in Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe, in psychiatrischen Kliniken, als Betreuer in integrativen Kindergärten oder in der Jugendhilfe absolvierten."Der Widerstand war bei vielen schon recht groß, als es darum ging, die Schulbank für zwei Wochen mit einem Arbeitsplatz in einer sozialen Einrichtung tauschen zu müssen", erklären Neslihans Mitschüler Dominik und Christopher. Eine Wahlfreiheit gab es nicht. Seit vergangenem Jahr gehört dieses Sozialpraktikum zum festen Bestandteil des Unterrichtes im elften Schuljahr der Marpinger Oberstufe. "Unser Ziel ist es, junge Menschen, die das Abitur anstreben, auch in Hinblick auf soziale Kompetenzen zu schulen", erklärt Schulleiterin Petra Brenner-Wolf.

Fatal wäre es, führt sie fort, wenn Schule sich nur auf die Wissensvermittlung konzentrieren würde. Sensibilität für zwischenmenschliche Probleme, Kompetenzen im Umgang mit Menschen, die auf Hilfe und Verständnis angewiesen sind, ein Ansporn, über sich und sein eigenes Leben kritisch zu reflektieren, das seien Motive gewesen, dieses Pflichtpraktikum ins Leben zu rufen.

Wie bereits im vergangenen Jahr geben ihr die Rückmeldungen der 16- bis 17-Jährigen Recht. "Die Skepsis vom Anfang war schnell verflogen", berichten Tamara und Frederike. Bereits am zweiten Tag waren sie in den Arbeitsablauf der psychiatrischen Klinik in Illingen eingebunden. Die gemachten Erfahrungen im Umgang mit psychisch kranken Menschen haben ihre Sichtweise auf das, was von vielen als normal angesehen werde, doch stark verändert. Und, so heben sie hervor, die Hemmschwelle, auf diese Menschen zuzugehen und sich mit ihnen zu unterhalten, sei gegen null gesunken. Ähnliches ist von Mitschülern zu hören: So verweist die 16-jährige Louisa darauf, dass es durchaus nicht so normal sei, wie selbstbestimmt und unabhängig man selbst lebe. Dies wisse sie nun mehr zu schätzen. Auch Dorothee und Christopher stimmen dem zu: "Dass es Situationen im Leben gibt, in denen man auf das Feingefühl und die Hilfe anderer angewiesen ist, das war uns vor dem Praktikum nicht so klar." Und Dominik, der bei der Malteser-Unfallrettung sein Praktikum absolvierte, ergänzt: "Unangenehme Situationen zu ertragen, war für mich schon eine große Herausforderung. Aber in diesem Job kann man nicht einfach wegschauen oder weglaufen. Das ist Courage angesagt."

Ablehnend steht diesen zwei Sozialwochen im Nachhinein niemand mehr gegenüber. Dennoch gibt es auch Einwände. So beispielsweise der Hinweis darauf, dass in der Zeit doch recht viel schulischer Lernstoff zu kurz gekommen sei. "Klar, diese beiden Wochen sind für jemanden, der lernen mit reiner Stoffvermittlung verbindet, verloren. Aber", Neslihan gibt sich da kämpferisch, "lernen ist doch mehr als am Tisch sitzen und pauken." Was die jungen Leute an Erfahrungen und Erlebnissen mitgebracht haben, kann am Tag der offenen Tür der Gemeinschaftsschule Marpingen am 26. Januar in Form einer Plakatausstellung besichtigt werden. red