1. Saarland

Zwischen Nationalgefühl und Angst

Zwischen Nationalgefühl und Angst

Die Region war zur Zeit des Saargebiets und im Dritten Reich wechselvollen Stimmungen ausgesetzt.

Es waren wohl nicht zuletzt diese währungspolitischen Turbulenzen des Jahres 1923, die dazu führten, dass es in diesem Jahr zur Gründung der eigenständigen Kreissparkasse Wadern kam.

Für die Bewohner des Saargebietes und damit auch des Stammkreises hatte ab diesem Zeitpunkt die gröbste Not ein Ende gefunden. In Deutschland und im Restkreis dagegen setzte sich die Talfahrt der Mark ungebremst fort, bis es schließlich zu einer Währungsreform und der Einführung einer neuen Währung, der Reichsmark, kam.

Die Freude der Saargebietsbewohner an der ab Juni 1923 eingeführten stabileren französischen Währung blieb übrigens nicht allzu lange ungetrübt - die galoppierende Inflation in Deutschland riss auch den französischen Franc mit in die Tiefe, wenn auch bei weitem nicht in dem Maße wie die Mark.

Den Menschen an der Saar wurde das Gefühl großer nationaler Geschlossenheit vermittelt. Auf diese Weise wurde die nationale Begeisterung in Schulen, Verbänden und Vereinen erst richtig in Schwung gebracht. Immer wieder wurde in den Jahren danach an die Saarbevölkerung appelliert, dem "deutschen Vaterland bis zur Volksabstimmung im Jahre 1935 die nationale Treue zu wahren".

Durch die Jahrtausendfeier wurde die Bevölkerung sozusagen bereits im Jahr 1925 auf eine ganz bestimmte Entscheidung bei der für das Jahr 1935 vorgesehenen Volksabstimmung festgelegt. Die Nationalsozialisten konnten ihre Propaganda später ohne Mühen auf dem durch die Jahrtausendfeier in hohem Maße angestachelten Nationalgefühl der Saarbevölkerung aufbauen und nahtlos fortsetzen.

Die allgemeine wirtschaftliche Situation verschlechterte sich im Saargebiet im Verlauf der zweiten Hälfte der 20er Jahre, also schon vor dem Beginn der eigentlichen Weltwirtschaftskrise, zusehends. Der Saarkohlebergbau geriet in schwieriges Fahrwasser, die Bergleute mussten Lohnabbau hinnehmen; vermehrt wurden auch Entlassungen vorgenommen. Als erstes waren hiervon die sogenannten "Saargänger", die auf Reichsgebiet wohnten und im Saargebiet arbeiteten, berührt. Überhaupt nahmen die wirtschaftlichen Probleme gegen Ende der 20er Jahre immer stärker zu. Die Weltwirtschaftskrise und die Deflationspolitik des Reichskanzlers Brüning führten im Reich zu Massenarbeitslosigkeit, was letztlich den Aufstieg Hitlers und der Nationalsozialisten wesentlich mitbeeinflusste. Ob die 20er Jahre tatsächlich die "Goldenen 20er" waren, wie sie später gern bezeichnet wurden, darf mit Sicherheit stark bezweifelt werden. Der Beginn der 1930er Jahre wurde durch die schon Ende der 20er Jahre einsetzende Weltwirtschaftskrise überschattet. Bis zum Jahr 1932 war die Zahl der Arbeitslosen im Deutschen Reich auf fast 7 Millionen angeschwollen. Dies bildete einen ausgezeichneten Nährboden für den Aufstieg Hitlers und der Nationalsozialisten.

Auch im Saargebiet hatte die Weltwirtschaftskrise zu einem Anstieg der Massenarbeitslosigkeit geführt. Der NSDAP war es bis zu Beginn der 30er Jahre dennoch nicht gelungen, an der Saar über bedeutungslose Anfänge hinauszukommen. Nicht zuletzt in dem fast rein katholischen und stark ländlich geprägten Stammkreis Merzig tat sich die Partei schwer in ihren Bemühungen, Fuß zu fassen. Bei den Wahlen zum Landesrat 1932 hatte die NSDAP im Kreis Merzig lediglich 2,9 Prozent der Stimmen erhalten.

Nach Hitlers Machtergreifung änderte sich dies jedoch schon recht bald. Im Herbst 1933 begann der Abstimmungskampf um die Rückkehr der Saar ins Deutsche Reich. In einer wahren Propagandaschlacht sollte die Bevölkerung auf die für Januar 1935 festgelegte Saarabstimmung eingeschworen werden. Kundgebungen, Aufmärsche und kulturelle Veranstaltungen prägten auch im Kreis Merzig die Zeit bis zum 13. Januar 1935, an dem die Abstimmung schließlich stattfand. Unter Aufsicht des Völkerbundes und unter den Augen schwedischer Soldaten stimmten schließlich 94,9 Prozent der Abstimmungsberechtigten des Kreises Merzig für die "Heimkehr der Saar ins Reich".

Am 1. März 1935 erfolgte der Anschluss des Saargebietes an das Deutsche Reich. Auch im Kreis Merzig fanden groß angelegte Feierlichkeiten statt. Die Hoffnung, dass die durch den Versailler Vertrag verfügte Trennung des Kreisgebietes in einen Stamm- und einen Restkreis wieder rückgängig gemacht werden würde, erfüllte sich allerdings nicht. Der Restkreis verblieb beim Gau Koblenz-Trier, während der Stammkreis Teil des am 1. März 1935 geschaffenen "Reichskommissariats Saarland" wurde.

Auch in der Folgezeit waren die Menschen in starkem Maße der Propagandamaschinerie des NS-Regimes unterworfen. Kundgebungen und Aufmärsche prägten zu einem wesentlichen Teil das öffentliche Leben. Behörden, Vereine und sonstige Institutionen wurden gleichgeschaltet, kirchliche Vereine und Jugendorganisationen verboten. Die Hitlerjugend übte auf die Masse der Jugendlichen eine immer stärkere Anziehungskraft aus.

Geschickt verstanden es die Nationalsozialisten, den Eindruck eines immensen wirtschaftlichen Aufschwungs zu erwecken. Erste Arbeitsdienstabteilungen hielten schon kurz nach der Rückgliederung Einzug im Kreis. Weitere folgten später im Zuge des Westwallbaus. Der schöne Schein des "Dritten Reiches" blendete den größten Teil der Bevölkerung. Die dunklen Seiten dieser Zeit sahen viele dagegen nicht oder wollten sie nicht sehen.

Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in der sog. "Reichskristallnacht" in Deutschland die Synagogen brannten, waren viele sicherlich zutiefst erschrocken. Es hatte allerdings auch im Kreis Merzig Ausschreitungen gegen die hier seit langer Zeit ansässige jüdische Bevölkerung gegeben. Über die Geschichte der jüdischen Bevölkerung des Kreisgebietes hat der Verfasser vor wenigen Wochen ebenfalls bereits in der Artikelserie "Begegnung mit dem Fremden" ausführlich berichtet.

Bereits seit den Sommermonaten des Jahres 1938 waren Unmengen von Arbeitern aus dem gesamten Reichsgebiet an die Westgrenze geströmt. Der Bau des Westwalls brachte nun tatsächlich den im Bereich dieser Verteidigungsanlage gelegenen Gebieten einen deutlichen wirtschaftlichen Aufschwung. Auch im Kreis Merzig wurde an den Baustellen des Westwalls rund um die Uhr fieberhaft gearbeitet. Die Westwallarbeiter verdienten gutes Geld, wovon auch die einheimische Wirtschaft und die Bevölkerung in vielerlei Hinsicht profitierten. Es herrschte zum Teil eine regelrechte Goldgräberstimmung.

Hatte seit der Rückgliederung eine Vielzahl der NS-Größen den Kreis besucht, so stattete Hitler selbst am 16. Mai 1939 im Rahmen einer Inspektionsreise des Westwalls auch dem Kreis Merzig einen Besuch ab. "Von Orscholz aus blickte der Führer hinunter auf die berühmte Mettlacher Saarschleife", hieß es in einem Bericht der Merziger Landeszeitung. Auch die Stadt Merzig selbst war auf der Weiterfahrt kurze Station in Hitlers Besuchsprogramm.

Am 15. April 1939 wurde Merzig Garnisonsstadt. Das 2. Bataillon des Grenzinfanterieregiments 125 rückte in die damals neu erbaute, allerdings noch nicht vollständig fertiggestellte Kaserne "Auf der Ell" ein. Die neue Garnison erlebte jedoch nur eine kurze Friedensperiode.

Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Da am 3. September Frankreich und England daraufhin dem Reich den Krieg erklärten, musste an der Westgrenze fortan mit einem französischen Angriff und Kampfhandlungen gerechnet werden. Für den Stammkreis Merzig hatte dies zur Folge, dass die Stadt Merzig selbst und fast sämtliche übrigen Dörfer des Kreisgebietes geräumt werden mussten. Allein die Orte Bachem, Düppenweiler, Erbringen, Hargarten, Honzrath und Reimsbach blieben von einer Räumung verschont. Die übrige Kreisbevölkerung wurde in die sog. Bergungsgebiete nach Mitteldeutschland transportiert. Die geräumten Ortschaften muteten gespenstisch an. Lediglich die zwischenzeitlich hier einquartierten Soldaten hielten sich dort auf.

An der Westgrenze verlief der Krieg zunächst auf eine ziemlich unspektakuläre Art und Weise. Während der Herbst- und Wintermonate 1939/40 war hier kaum etwas von Kampfhandlungen im engeren Sinn zu spüren. In Anlehnung an das Wort vom "Blitzkrieg", den die Wehrmacht in Polen geführt hatte, machte daher das Wort vom "Sitzkrieg" die Runde.

Am 10. Mai 1940 endete der Scheinfrieden im Westen. Die Wehrmacht griff Frankreich, Belgien, Holland und Luxemburg an und erkämpfte einen unerwartet schnellen und glänzenden Sieg. Die Bewohner des Kreises Merzig, die im September 1939 gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen, konnten daraufhin wieder zurückkehren. Am 16. Juli 1940 traf der erste offizielle Heimkehrerzug aus den Bergungsgebieten auf dem Bahnhof in Merzig ein.

Nachdem sich nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 der Schwerpunkt des Krieges in den Osten verlagert hatte, stieg die Zahl der Gefallenen, Vermissten, Kriegsgefangenen und Verwundeten immer stärker an. Von Kampfhandlungen blieb die Region in der Folgezeit zunächst verschont. Zum Alltag der Menschen im Kreis Merzig gehörte fortan jedoch die nächtliche Verdunkelung zum Schutz vor Fliegerangriffen, die Rationierung von Lebensmitteln und Rohstoffen, Luftalarme, die Angst vor Bombardements, die NS-Durchhalteparolen sowie die aus den besetzten Ländern verschleppten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, die in den Fabriken und auf den Feldern arbeiten mussten.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Sommer 1944 nahm die Bedrohung aus der Luft für die Bevölkerung im Kreis Merzig deutlich zu. Nun bedrohten plötzlich die Jagdbomber der Alliierten, von der Bevölkerung als Jabos bezeichnet, auch Ziele auf dem flachen Land. Die schnellen und wendigen Maschinen operierten in kleineren Gruppen und griffen Ziele, wie Bahnanlagen, fahrende Züge und Versorgungseinrichtungen, an. Sie versetzten die Menschen auch in der Merziger Region in Angst und Schrecken.

Am 13. Juli 1944 kam es in unserer Region zum ersten Mal zu einem größeren und vor allem folgenschweren Angriff von Jagdbombern. Amerikanische Maschinen griffen einen Personenzug der Merzig-Büschfelder Eisenbahn kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Brotdorf an. 20 Menschen verloren hierbei ihr Leben.

Ende 1944 näherte sich auch der Bodenkrieg dem Westen des Reichsgebietes. In aller Eile sollte jetzt versucht werden, den Westwall, der 1940 desarmiert worden war, wieder verteidigungsfähig zu machen. Die Bevölkerung musste Schanzarbeiten verrichten. Männer zwischen 15 und 65 Jahren und Frauen zwischen 16 und 40 Jahren wurden zu diesen Arbeiten herangezogen.

Angesichts der praktisch von allen Seiten auf das Deutsche Reich heranstürmenden feindlichen Armeen sollten in Deutschland noch einmal die allerletzten Kräfte in Form des "Volkssturms" aufgeboten werden. Viele ältere Männer und halbwüchsige Burschen aus dem Kreis Merzig erhielten kurz vor Kriegsende auf diese Weise noch ihre Stellungsbefehle.

Am 19. November 1944 erlebte die Stadt Merzig ein wahres Inferno, als sie Ziel eines schweren Luftangriffes der Amerikaner geworden war. Bereits in den Tagen zuvor hatten Jabos eine Reihe von Ortschaften des Kreisgebietes angegriffen und dabei Tod und Verderben gebracht. Am 19. November nahmen allerdings nicht Jabos, sondern Bomber die Kreisstadt ins Visier. 60 zweimotorige Maschinen warfen ihre todbringende Last über der Stadt ab. 61 Merziger konnte man später zählen, die tot aus den Trümmern geborgen werden mussten. < Wird fortgesetzt.