1. Saarland

Zwei Sorten Senf aus erster Hand

Zwei Sorten Senf aus erster Hand

Ziemlich kreuz und quer durch die Hochburgen haben die Leute in Rosseln und den Ortsteilen gestern gewählt. Bei Bier und Lyoner konnte sich jeder über die Ergebnisse im Chefbüro des Rathauses informieren. In einigen Wahllokalen der Region, etwa in Geislautern, konnten die Wähler zweimal abstimmen - den zweiten Zettel werteten Meinungsforscher aus.

Großrosseln/Geislautern. Einen Fernseher gibt es nicht im Dienstzimmer des Großrosseler Bürgermeisters Jörg Dreistadt. Aber als gestern gegen 17.50 Uhr der Vor-Vorgänger (1993 bis 2003) Wolfgang Flohr mit seiner Frau Christel zur Tür reinkam, da erinnerte sich der Verwaltungschef an das alte Radio (mit Cassettenspieler), das Flohr seinerzeit nicht mit in den Ruhestand genommen, sondern der Büro-Nachwelt überlassen hatte. Ruckzuck war es aus dem Seitenschrank gezaubert und lieferte auf Anhieb in bestechender Tonqualität die erste Prognose vom Ausgang der saarländischen Landtagswahl. Das sei eine Tradition in Großrosseln, hieß es: Nach Wahlen könne jedermann zum Bürgermeister kommen, um die amtlichen Ergebnisse quasi aus erster Hand aufzunehmen.Dreistadt und seine Mitarbeiter, darunter viele besonders modisch-adrett gekleidete Mitarbeiterinnen, hatten gestern für mindestens 50 Personen "gedeckt", vor allem Getränke, Lyoner, Rohesser, Weißbrot. Es gab sogar zwei Sorten Senf, die Stimmung war durch sehr entspannt, auch über die politischen Grenzen hinweg.

Sozialdemokrat Flohr nahm die für ihn schmerzliche Radio-Nachricht tapfer im Stehen hin: klarer Sieg für die CDU, die SPD gut vier Prozentpunkte zurück. Zur Belohnung kamen aber rasch Ergebnisse aus den neun Wahlbezirken der Gemeinde Großrosseln herein, vom Bürgermeister persönlich mit einem Projektor an die Wand gespielt: Naßweiler 47 Prozent SPD und 19 Prozent CDU zum Beispiel. Geschmunzelt wurde auch, etwa über die - tatsächlich - null Stimmen für die FDP im Bezirk Großrosseln III, wo immerhin 928 Wahlberechtigte verzeichnet sind. "Stark für die SPD", lobte CDU-Beigeordneter Fred Schuler das drollige Patt-Ergebnis in Karlsbrunn, wo die Wähler der CDU und der SPD jeweils 145 Stimmen geschenkt hatten. Schulers heranwachsende Tochter Laura fand, dass CDU-Spitzenkandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer mit ihren Auftritten in sozialen Netzen wie Facebook die junge Wählerschaft klug angesprochen habe, und zwar durch "Interesse an Dingen der Jugend". Vielleicht war das wichtig für den Ausgang?

Auch im Wahllokal 22 im Warndtgymnasium im benachbarten Geislautern hatte die stellvertretende Wahlvorsteherin Claudia Schuh den Eindruck, dass wieder mehr Jung- und Erstwähler von ihrem Recht Gebrauch machten.

In dem Wahllokal, wie übrigens auch in Großrosseln, Emmersweiler und St. Nikolaus, waren zwei große Wahlforschungsunternehmen im Einsatz. Sie baten die Wähler nach deren Urnengang, ein weiteres Mal geheim für die Forschung zu votieren. Aufgrund dieser Daten, in 150 saarländischen Wahllokalen erfasst, erstellten ARD und ZDF ihre ersten Prognosen von 18 Uhr.