Interview mit VDI-Saar-Chef Roger Wassmuth zum 1. Brandschutztag: „Zunehmend eskalierende Handhabung“

Interview mit VDI-Saar-Chef Roger Wassmuth zum 1. Brandschutztag : „Zunehmend eskalierende Handhabung“

Saar-Chef des Vereins der Ingenieure Roger Wassmuth vermisst Augenmaß der Amtsleiter bei Bewilligung von Veranstaltungen

Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI), dem im Saarland etwa 1800 Mitglieder angehören, veranstaltet am nächsten Freitag in Schwalbach seinen ersten „Brandschutztag“ (siehe Info). Vor diesem Ereignis erklärt VDI-Saar-Bezirkschef Roger Wassmuth im SZ-Gespräch, warum Brandschutz ein hochbrisantes Thema ist.

Warum veranstaltet der VDI Saar einen Brandschutztag?

WASSMUTH Der VDI versteht sich als Sprecher der Ingenieure, ist auch Richtliniengeber und weist in der Gesamtheit seiner Mitglieder eine große Kompetenz in Technik aus. Daher liegt es auf der Hand, ein immer aktuelles und sporadisch brisantes Thema wie Brandschutz aufzugreifen. Weil gerade beim Brandschutz auch die Interessen Dritter betroffen sind, bringt der VDI beim 1. VDI Brandschutztag im Schulterschluss mit Ingenieur- und Architektenkammer sowie der Feuerwehr und Fachunternehmen eine Reihe von Experten zusammen, um über den Stand der Technik zu referieren und die Auswirkungen zu diskutieren.

Brandschutz hat trotz der Katastrophen etwa im Londoner Hochhaus in Kensington mit 80 Toten in der Saar-Öffentlichkeit nicht den besten Ruf: Die Kosten für Kommunen, ihre Hallen und Schulen umzurüsten, erschrecken auch die Bürger. Wie hoch beziffert der VDI die Umrüstungskosten für öffentliche Gebäude im Saarland, wenn dem Brandschutz für Versammlungen genüge getan werden soll?

WASSMUTH Beim Brandschutz geht es nicht darum, einen guten Ruf zu haben - Brandschutz in Gebäuden ist für deren Nutzer lebensnotwendig. London hat genau das gezeigt, weil unzureichender Brandschutz dort viele Leben gefordert hat. Was die Diskussion um den Brandschutz regelmäßig entfacht, ist die Tatsache, dass ein sach- und fachgerechter Schutz, gerade bei der Nachrüstung in Bestandsgebäuden oftmals hohe Kosten verursacht. Betroffen sind neben den angesprochenen Mehrzweckhallen und Schulen auch andere Zweckbauten wie etwa Produktionsstätten und Krankenhäuser. Wenn behördlich angeordnete oder technisch notwendige Brandschutzbegehungen den Missstand im Bestand attestieren, sind Betreiber von Gebäuden, kommunale wie private, grundsätzlich davon nicht begeistert. Bedeutet das doch meist, dass Investitionen in ein Gebäude erforderlich werden, das bis dahin ohne erkennbare Probleme „funktioniert“ hat. Die dann anstehenden Sanierungsmaßnahmen belasten das verfügbare Budget für die Bauunterhaltung meist erheblich. Nicht selten wird damit sogar der wirtschaftliche Weiterbetrieb eines Gebäudes in Frage gestellt. Die Antwort auf die Frage nach den Kosten kann also heißen: Wie viel Geld will die öffentliche Hand in die notwendige Brandschutz-Sanierung stecken, wenn wegen der damit verausgabten Haushaltsmittel die Finanzierung von Neubauvorhaben zurückgestellt werden muss?

Der Brandschutz-Skandal um das für die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Alt-Saarbrücken renovierte Hochhaus tut ein Übriges, um den Brandschutz in einem negativen Licht erscheinen zu lassen. Dabei wurde beim HTW-Hochhaus offenbar so geschlampt, dass der Brandschutz nur für 200 Menschen statt für 1000 ausgelegt wurde. Die jetzt installierten Zusatztreppenhäuser verschlingen weitere Millionen Euro. Fühlen sich auch die VDI-Mitglieder von solchen Skandalen in ihrem Berufsethos getroffen?

WASSMUTH Ingenieure sind generell so eingestellt, dass sie technische Aufgabenstellungen mit den ihnen zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln und nach den Regeln der Technik lösen oder zumindest zu lösen versuchen. Politisch getriebene Problemstellungen führen - nicht nur Ingenieure - oftmals in ein Dilemma. Wenn als Prämisse die maximale Belegung eines Gebäudes mit 200 Personen vorgegeben ist, wird das anzuwendende Regelwerk in Teilen ein anderes sein, als wenn die geordnete Evakuierung für 1000 Menschen vorgesehen werden muss. Es liegt allerdings in der Regel nicht in der Verantwortung der Ingenieure, die Nutzung und Belegung von Gebäuden vorzugeben, auch wenn abzusehen ist, dass ein derart großes Gebäude, wie das angesprochene Hochhaus, mehr als 200 Personen aufnehmen kann. Insofern ist ingenieurtechnische Planung eine Reaktion auf externe Entscheidungsprozesse.

Binnen Stunden sind in Dortmund am 22. September 753 Mieter gezwungen worden, ihr Hochhaus wegen Brandschutzmängeln zu räumen. Solche Meldungen, die ein eklatantes Versagen der Verantwortlichen in der Vergangenheit vermuten lassen, sind nicht dazu angetan, das Vertrauen der Bürger in Brandschutz-Verantwortliche zu stärken. Wie wollen Sie dem Imageverlust, der auch die im Brandschutz tätigen Ingenieure trifft, begegnen?

WASSMUTH Gegenfrage: Welches Vertrauen sollen Mieter aufbringen, die in einem offensichtlich mit Mängeln beim Brandschutz behafteten Gebäude wohnen? Die Krux beim Brandschutz ist eben, dass er kostenintensiv ist und gestalterisch wenig zum positiven Erscheinungsbild eines Objektes beiträgt. Dennoch ist jeder Nutzer froh, wenn keine Situation entsteht, in dem der Brandschutz seine Funktion unter Beweis stellen muss. Will heißen: wenn es erst einmal brennt, hilft die Erkenntnis, dass der Brandschutz nicht ausreichend ist oder war, wenig. Dann kommen meist Menschen zu Schaden, was mit allen Mitteln zu vermeiden ist. Andererseits erkennen die fachlich Beteiligten, dass wegen fehlendem Augenmaß immer mehr Restriktionen im Umgang mit den oft seit langem geltenden Richtlinien zum Brandschutz entstehen. Die Verantwortlichen auf Seiten von Baugenehmigungsbehörden und Sachverständige nutzen Interpretations- und Gestaltungsmöglichkeiten der Richtlinien immer weniger und tragen so zu stetig steigenden Kosten bei Neubau- und Sanierungsvorhaben bei. Zur Erreichung des primären Schutzziels, der Bewahrung von Leib und Leben, wäre weniger oft mehr. Hier ist die Kommunikation der Fachleute gefordert, um auf ein gesundes Maß zurückzukommen.

Rechnen Sie auch im Saarland mit kurzfristigen Evakuierungen von Wohnhäusern oder Veranstaltungsabsagen wegen Brandschutzmängeln, die plötzlich bemerkt werden?

WASSMUTH Hier gilt ein klares ‚Ja‘. Bereits seit Jahren sind vor allem Vereine im Saarland davon betroffen, die neuerdings eine Vielzahl von Auflagen erfüllen müssen, um ihre Veranstaltungen in kommunalen Hallen durchführen zu können. Wohl gemerkt: An den Hallen selbst oder am Veranstaltungskonzept hat sich dabei nichts geändert. Aber die Verantwortlichen in den Kommunen sind neuerdings stark sensibilisiert, eben weil Brandereignisse anderen Orts regelmäßig mit der Suche nach Verantwortlichen einhergeht. Bevor ein Amtsleiter oder Bürgermeister sich staatsanwaltlichen Ermittlungen aussetzen muss, wird der Veranstalter mit maximalen Auflagen konfrontiert. Auch in dieser zunehmend eskalierenden Handhabung von Richtlinien und Veranstaltungsvorschriften müssen wir zu mehr Augenmaß gelangen.

Roger Wassmuth, Saar-Chef des Vereins Deutscher Ingenieure. Foto: Roland Ißle

DIE FRAGEN STELLTE
DIETMAR KLOSTERMANN

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