1. Saarland

Zukunftsvisionen im Glaswürfel

Zukunftsvisionen im Glaswürfel

Eine Gruppe Jugendlicher schickt das britisch-deutsche Kollektiv Gob Squad am Samstag, 20 Uhr, und Sonntag, 19 Uhr, auf die Bühne der Freien Waldorfschule in Altenkessel. SZ-Mitarbeiterin Silvia Buss hat vor den Perspectives-Aufführungen mit Bastian Trost von Gob Squad über das vom Genfer Kunstzentrum „Campo“ in Auftrag gegebene Projekt geredet.

In "Before your very eyes" lassen Sie Kinder ihr eigenes Leben in späteren Altersphasen spielen. Wie kamen sie auf die Idee?

Bastian Trost: In einer Szene in unserem Stück "Saving the world" hatten wir schon einmal den Effekt benutzt, mit seinem eigenen Videobild zu reden und eine Art Selbstgespräch zu führen. Das war die Ausgangsidee des Projekts "Before your very eyes". Später hat sich daraus die Idee des "Lebens im Schnelldurchlauf " ergeben.

Was sind das für Kinder, Ihre Darsteller? Ist es eine Gruppe, die schon vorher zusammen Theater spielte?

Bastian Trost: Wir haben die Kinder 2009 mit Hilfe von "Campo" gecastet. Einige wenige von ihnen hatten schon in dem Projekt "That night follows day" von Tim Etchells mitgespielt. Die meisten kannten sich nicht.

In Filmpassagen stellen die Kinder Fragen an die Menschen, die sie mal sein werden. Welche dramaturgische Funktion haben diese Fragen? Waren diese Fragen Ausgangspunkt für Improvisationen?

Bastian Trost: Uns hat der Blick der Kinder auf das gesamte Leben interessiert. Die Fantasie, wie es sein könnte älter zu werden. Die meisten Fragen haben sich die Kinder selber ausgedacht und auch so beantwortet, wie sie es wollten.

Wie können sich die Akteure vorstellen, wie sie in einigen Jahren oder gar als 45-Jährige sein werden? Haben sie sich an Vorbildern aus den Medien orientiert, an älteren Geschwistern, Eltern, Verwandten? Oder haben Sie als Gob Squad-Regisseure Vorgaben gemacht?

Bastian Trost: Wir haben die Kinder gebeten, in ihren Familien zu recherchieren und die Ergebnisse dann mit Texten aus Filmen und Büchern, die uns beschäftigen, kombiniert.

Wie lange spielen Sie das Stück jetzt schon? Hat sich die Aufführung im Laufe der Zeit verändert oder bleibt sie gleich?

Bastian Trost: Da es eins der wenigen Projekte von Gob Squad ist, das mit Untertiteln arbeitet, ist die Arbeit relativ gleich geblieben. In den anderen Stücken spielen wir immer selbst mit, und vieles darin ist improvisiert. Natürlich sind die Kinder gewachsen und die Entfernung zu den Videos ist größer geworden.

Hatten Sie sich als Gob Squad-Gruppe, also als Spielleiter, das Ergebnis der Kreation in etwa so vorgestellt? Oder haben die Kinder Sie überrascht?

Bastian Trost: "Before your very eyes" ist unsere erste Arbeit ausschließlich als Regisseure und Autoren. Wir gehen immer sehr offen in ein Projekt hinein. Alles an dem Stück war überraschend für uns. Vor allem die Arbeit natürlich mit den Kindern. Am meisten vielleicht die positive Energie, die sie konstant während der zweijährigen Probenphase gehalten haben.In Frankreich nennen sie Bastien Lallemant gern den neuen Serge Gainsbourg. Der Vergleich ist gar nicht so verkehrt. Auch Lallemant ist von kleiner, schmächtiger Gestalt. Mit seiner schwarzen Nerd-Brille könnte er auch gut einen unglücklichen Beamten in einem Kafka-Film abgeben.

Sobald er den Mund aufmacht, staunt man dann, ähnlich wie bei Gainsbourg, über diese männlich-tiefe, zärtliche Stimme, die einem ständig ein Alles-Wird-Gut-Wohlgefühl ins Ohr zu raunen scheint. Dabei erzählt Lallemant zu seinen ruhigen Gitarrenklängen - von einem zweiten Gitarristen sensibel verstärkt - äußerst morbide, makabre Geschichten, von Frauenleichen am Strand, schon von Algen bedeckt, gibt Damen Tipps, wie sie ihren Gatten am besten vergiften. Dafür gibt er eine Erklärung: Zur Inspiration für sein neues Album "Le verger" hatte sich der Vielleser in die Welt der Kriminalromane vertieft.

Am Ende bleibt sein Konzert beim Bistrot Musique Special Perspectives am Donnerstag vor einer Heiligenbild-Wand wie ein einziges wohliges Schauer-Lied im Ohr.

Als aufmunternde Pop-Sirene stellte sich zuvor seine französische Kollegin Lizzy Ling vor. Die hübsche Singer-Songwriterin, die sich auch etwas vom Hiphop beeinflussen lässt, loopte sich allein an der Hammondorgel locker ihr ganzes Orchester samt Backgroundchor zusammen. Ihre skurrilen Geschichten etwa von zu viel Wasabi zwischen Tokio und Campari wimmeln nur so von witzigen Wortspielen und Lautmalereien.

Ein Doppelkonzert, das das schlechte Wetter glatt vergessen ließ. Das Publikum applaudierte herzlich und nahm sich für den Nachschlag zu Hause von beiden noch jede Menge CDs mit.