1. Saarland

Worte, die erschüttern

Worte, die erschüttern

Weiskirchen. Es war ganz still im Musiksaal, als Henriette Kretz nach beinahe zwei Schulstunden mit ihren erschütternden Erzählungen fertig ist

Weiskirchen. Es war ganz still im Musiksaal, als Henriette Kretz nach beinahe zwei Schulstunden mit ihren erschütternden Erzählungen fertig ist. Die 77-jährige Holocaust-Überlebende aus Antwerpen berichtete den Neunklässlern der Eichenlaubschule Weiskirchen mit unglaublich ruhiger Stimme von den unfassbaren Grausamkeiten, die sie als Kind in der Zeit des Nationalsozialismus miterleben musste. Mit ihrer bewegenden Geschichte möchte sie bei den Jugendlichen vor allem eines erreichen. "Die jungen Menschen sollen gewarnt und wachgerüttelt werden, damit sie extremistischen Gedanken nicht unterliegen", so Henriette Kretz.In ihren Händen hält sie zu Beginn ihrer Erzählungen ganz fest eine Mappe. Darin hat sie Fotos ihrer Familie, Dokumente und Zeitungsartikel gesammelt. Dieses Buch, das Kretz den Schülern zeigt, enthält viele Bruchstücke ihres Lebens. Die heute in Belgien lebende Zeitzeugin berichtet mit französischem Akzent zunächst von ihrer sorglosen Kindheit in Polen, die sie bis zum sechsten Lebensjahr hatte. Ihre Eltern waren Juden, doch das nahm sie bis dahin gar nicht wahr. Der Vater, ein Arzt, und die Mutter, Anwältin, erfüllten ihrem einzigen Kind jeden Wunsch.

1939 überfielen dann die Nationalsozialisten Polen und die jüdische Familie floh - zuerst nach Lemberg, danach ins benachbarte Sombor. Hier wurde ihr Vater Direktor eines Sanatoriums für Tuberkulosekranke. Bereits 1941 mussten sie ihre Wohnung verlassen und in das jüdische Viertel, das sogenannte Ghetto, umziehen. "Im Ghetto hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich ein Untermensch bin", erinnert sich Henriette, die damals sieben Jahre alt war. Der Vater schaffte es dennoch die Familie mit viel Geld frei zu kaufen. Einen ganzen Winter versteckten sie sich dann in einem Kohlekeller, aber die Familie wurde trotzdem von den Deutschen aufgespürt und mitgenommen. Durch eine mutige Aktion ihres Vaters gelang Henriette die Flucht vor den deutschen Soldaten. "Beim Weglaufen hörte ich einen Schuss, dann schrie meine Mutter. Ich hörte einen zweiten Schuss, und es war still. Dann wusste ich: Ich habe keine Eltern mehr." An dieser Stelle haben einige der Zuhörenden, sichtlich ergriffen und berührt, mit ihren Tränen zu kämpfen. Das Mädchen floh in ein Waisenhaus und fand Zuflucht bei einer Nonne, die ihr das Überleben ermöglichte. Schon einen Monat später wurde die Stadt befreit und endlich konnte sie wieder das jüdische Mädchen Henriette Kretz sein.

Seit einigen Jahren hat sich Henriette Kretz zur Aufgabe gemacht, ihre Erfahrungen mit den Jugendlichen zu teilen, sie für die Themen Rassismus und Diskriminierung zu sensibilisieren. Dies gelingt der zierlichen Frau, denn nach den Erzählungen stellen die Schülerinnen und Schüler interessiert Fragen und möchten somit die für sie kaum noch nachvollziehbare Zeit des NS-Terrors begreifen. Sie lernen zwar im Geschichtsunterricht die Fakten, doch erst durch ein Zeitzeugengespräch können sie die Vergangenheit hautnah erleben und begreifen.

Kretz' Aufenthalt im Saarland war möglich geworden durch das Maximilian-Kolbe Werk, welches Zeitzeugengespräche in Schulen unterstützt. Die Schülerinnen und Schüler haben so die Möglichkeit, die Geschichte authentisch zu erfahren. red

"Die jungen Menschen sollen wachgerüttelt werden, damit sie extremistischen Gedanken nicht unterliegen."

Henriette Kretz