Wo Leben und Theater sich treffen

Charles de Gaulle ist neu. Er zögert, nachdem ein junger Mann ihm schwungvoll die Autotür aufgerissen hat. Hebt dann salutierend die Hand zur nicht vorhandenen Generalsmütze. Lächelnd korrigiert Regisseurin Sylvie Dervaux. Der Wagen kehrt an den Startpunkt zurück, "doucement!", ruft Dervaux ins Mikrofon - zu spät: De Gaulles Fahrer bremst, dass der Kies spritzt. Gelächter

Charles de Gaulle ist neu. Er zögert, nachdem ein junger Mann ihm schwungvoll die Autotür aufgerissen hat. Hebt dann salutierend die Hand zur nicht vorhandenen Generalsmütze. Lächelnd korrigiert Regisseurin Sylvie Dervaux. Der Wagen kehrt an den Startpunkt zurück, "doucement!", ruft Dervaux ins Mikrofon - zu spät: De Gaulles Fahrer bremst, dass der Kies spritzt. Gelächter. Erneut rollt das Auto heran, der Schlag fliegt auf - kein Zögern, die Szene geht weiter.

Auch Napoleons Geometer ist neu. Steif steht er da. Schaut sich um: Links stellt ein Mann ein imaginäres Fernrohr scharf; vorn flanieren Paare in eleganten Posen. Der Geometer wechselt ein paar Worte mit seinen Nachbarn. Beginnt zu agieren, vorsichtig, allmählich entschiedener. Beim zweiten Szenen-Durchlauf ist ihm nichts Unentschlossenes mehr anzumerken.

Dem Geometer hätten Tipps von Dervaux wenig genützt: Die Regisseurin der Schau "Die Kinder der Kohle" spricht nur Französisch. Ludwig Speicher hingegen spricht nur Deutsch. Ein Problem? Der Großrosseler, der erstmals mitspielt bei dem Spektakel am Vuillemin-Schacht in Petite Rosselle, schüttelt den Kopf: "Irgendjemand kann immer übersetzen." Speicher hat im vorigen Jahr die Schau gesehen, die Bergbau-Geschichte aufblättert, und sich darin wiedergefunden: "Ich war Elektrosteiger unter Tage." Erst in Ensdorf, dann im Warndt. Nun im Vorruhestand, die Grube stellte 2005 ihre Förderung ein. "Ohne Not", sagt Speicher zornig, "es ist doch noch genug da!" Genug, das heißt: genug Kohle. Kohle ist Speichers Geschichte: "Ich bin Bergmann in der achten Generation" - "nachweislich", fügt er an, "ich habe Ahnenforschung betrieben."

Wie er nach dem Casting in Großrosseln Napoleons Geometer geworden ist? Arlette Schaffrath, Frau für (fast) alles im "Kinder der Kohle"-Trägerverein, liefert lachend die Erklärung. 300 Kostüme umfasst der Fundus für das Stück. Unmöglich, sie alle jedes Jahr je nach Statur der Darsteller enger oder weiter zu nähen. So richtet sich die Rollenbesetzung eben danach, wer in welche Kluft passt.

Der Verein hütet nicht nur Kostüme und rekrutiert Darsteller, in diesem Jahr 220. Er betreut alle Details des Riesen-Freiluft-Projekts. Von den Garderobenzelten bis zur Tribüne für 2500 Zuschauer, von Licht- und Tontechnik bis zu den täglichen Proben, von der Sponsorensuche bis zum Kartenverkauf; "wir arbeiten das ganze Jahr", sagt Schaffrath. Auch die Sicherheit auf dem Areal - die Ortsrandlage macht es anziehend für Vandalen und Diebe - ist Vereinssache: "Heute habe ich hier in meinem Auto geschlafen", sagt Präsident Jean-Luc Valin. Jede Nacht schiebe jemand Wache, ehrenamtlich, für einen Profi-Wachdienst reiche das Budget nicht. "Darüber haben wir gerade mit dem Forbacher Bürgermeister gesprochen", berichtet Valin; "wir als Verein müssten uns doch konzentrieren aufs Inhaltliche."

An der Bühne wartet Jacqueline Mangione aus Cocheren gerade auf den nächsten Einsatz. Auch sie ist um des Themas willen dabei, zum zweiten Mal: "Mein Vater war Bergmann, man hat zu Hause immer erzählt." "Mein Vater und mein Großvater waren Bergleute. Dinge wie das da" - die aktuelle Szene schildert einen Wassereinbruch in der Grube - "prägen einfach", sagt ihre Campingstuhl-Nachbarin Corinne Aurélie. Nachdenkliche Pause. Dann lacht die junge Frau. "Außerdem ist Arlette Schaffrath meine Mutter, und meine beiden Söhne spielen auch mit": drei Generationen von Kohlekindern.

Am Förderturm hat jemand unterdessen ein Feuer entfacht. Nach den Proben, erzählt Schaffrath, werde stets gemeinsam gegrillt, oft bis spät abends - "wir schlafen nicht viel in dieser Zeit", die Spannung weiche nur schwer.

Charles de Gaulle, bürgerlich Pierre Braun aus Seingbouse, wirkt freilich entspannt. Nein, keine Verbindung zur Kohle. Ein Freund, der zuvor de Gaulle verkörperte, musste wegen eines Job- und Ortswechsels aussteigen; "und ich passte in die Rolle, groß, mit Schnurrbart". Zudem, flachst Braun, "hatte ich keine Lust, allein zu Haus zu bleiben": Seine Familie engagiert sich fürs Stück - "so sehe ich meine Frau in dieser Zeit wenigstens mal".