Wo hunderte Pflegekräfte im Saarland herkommen sollen

Gesundheit : Wo hunderte Pflegekräfte herkommen sollen

Das Geld für zusätzliche Mitarbeiter in Kliniken ist da, aber die Bewerber fehlen. Doch es gibt konkrete Ideen, um den Bedarf zu decken.

Die einen zahlen eine Zulage, andere bieten flexible Arbeitszeiten, Yoga-Kurse oder Hilfe bei der Kinderbetreuung: Die Chefs der 24 Krankenhäuser im Saarland müssen sich etwas einfallen lassen, um hunderte zusätzliche Pflegekräfte zu finden. Diese Stellen können jetzt geschaffen werden, nachdem ein neues Gesetz seit 1. Januar 2019 die Finanzierung sicherstellt. „Hier hat die Politik gute Arbeit geleistet“, lobt die Geschäftsführerin des Knappschaftsklinikums in Sulzbach und Püttlingen, Andrea Massone.

Auch die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU) sieht das neue Gesetz als „wichtigen Baustein und Einstieg“, um den Bedarf an zusätzlichem Pflegepersonal decken zu können und die Situation der Pflegenden zu verbessern. „Schauen Sie sich die Pflegekräfte an: Sie sind müde, sie sind überarbeitet.“ Damit müsse Schluss sein. „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Pflegenden selbst zum Pflegefall werden.“

Doch das Problem ist: Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt – so schildern es die Klinik-Chef unisono. Selbst Bachmann sagt: „Woher das Pflegepersonal kommen soll, ist eine berechtigte Frage.“ Um den Beruf attraktiver zu machen, habe sie im „Pflegepakt“ alle Akteure an einen Tisch geholt. Das Land leiste den Krankenhäusern Schützenhilfe, damit sie die Arbeitsbedingungen verbessern könnten, man rege familienfreundlichere Arbeitszeiten, besondere Formen von Teilzeit-Modellen oder die Entlastung von fachfremden Aufgaben an. Wie aber kann die Zahl der Pflegekräfte konkret gesteigert werden? Dazu gibt es Ideen:

Mehr Ausbildungsplätze: Das Land hat eine Aufstockung von 1550 Plätzen im Jahr 2017 auf 1949 bis 2022 zugesagt. Diese müssen aber auch tatsächlich besetzt werden, was bisher schon nicht gelingt, und die Zahl der Abbrecher muss sinken. Die Kliniken konkurrierten um junge Menschen mit jedem Handwerksbetrieb, auch mit Unis, sagt der Vorsitzende der Saarländischen Krankenhausgesellschaft, Manfred Klein. Die Uniklinik Homburg will ihren Azubis schon während der Ausbildung unbefristete Jobs anbieten. Die Ausbildung dauert drei Jahre, erst danach kommt die Verstärkung auf den Stationen an. „Das darf uns aber nicht dazu bringen, dass wir jetzt nichts tun“, sagt Klein.

Neue Berufe: Nur mit der klassischen Krankenschwester wird der Bedarf nicht zu decken sein. Die Uniklinik in Homburg will auch Altenpfleger, Notfallsanitäter, Krankenpflegehelfer auf den Stationen einsetzen, andere Häuser beschäftigen dort bereits Arzthelferinnen. Leicht wird das indes nicht: Notfallsanitäter etwa werden auch im Rettungsdienst händeringend gesucht.

Neue Zielgruppen: Die Zahl der Bewerber könnte deutlich steigen, wenn mehr junge Männer für die Pflege gewonnen werden, etwa für Jobs im OP oder auf der Intensivstation, wo Verständnis für moderne Medizintechnik gefragt ist. Weil sich die Krankenpflege zunehmend akademisieren und ein Teil der Pflegekräfte künftig ein duales Studium absolvieren wird, dürfte die Pflege auch für Abiturienten interessanter werden, als sie es bislang ist.

Wiedereinsteiger: Viele Pflegekräfte geben ihren Job aus familiären Gründen auf; Familie und Beruf sind nicht gut zu vereinbaren, wenn Krankenschwestern regelmäßig aus einer Freischicht gerufen werden. Mit flexiblen Teilzeit-Modellen wollen die Krankenhäuser diese Menschen zurückgewinnen. Das Land hat dazu eine Werbekampagne gestartet.

Migranten: „Wir sind auf ausländische Kräfte angewiesen“, sagte SHG-Chef Alfons Vogtel im vergangenen Jahr. Bis Mitte 2019 soll auf Bundesebene eine Strategie festgelegt sein, wie Pflegekräfte aus dem Ausland gewonnen werden können. Auch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz des Bundes soll nach Bachmanns Worten helfen, qualifiziertes Personal aus dem EU-Ausland für die Pflege zu gewinnen.

Dass viel mehr Personal benötigt wird, ist unumstritten. Auf Bundesebene haben sich 27 Verbände der Branche zusammen mit der Bundesregierung zur „Konzertierten Aktion Pflege“ zusammengeschlossen. Erste Ergebnisse: mehr Ausbildungs-, Weiterbildungs-, Schul- und Studienplätze, eine bundesweite Informationskampagne für den Pflegeberuf, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bessere betriebliche Gesundheitsförderung, stärkere Förderung der Weiterbildung vom Pflegehelfer (einjährige Ausbildung) zur Pflegefachkraft (drei Jahre), mindestens 5000 Weiterbildungsplätze für die Ausbildung von Pflegehelfern.

Bei der Frage, wie Verbesserungen in den Krankenhäusern am besten umgesetzt werden, gibt es aber einen Dissens. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fordert alle saarländischen Krankenhäuser zu einem Tarifvertrag Entlastung auf, alternativ strebt die Gewerkschaft Verträge mit einzelnen Krankenhäusern an. An der Uniklinik hat sie einen solchen Vertrag bereits 2018 durchgesetzt, im Frühjahr soll eine Vereinbarung mit den SHG-Kliniken folgen. Andere Häuser halten das nicht für erforderlich, um die Situation der Pflegekräfte zu verbessern. „Mögen wir auch mit der Geschwindigkeit der Umsetzung in Homburg unzufrieden sein, so sollte doch klar gesagt werden, dass lediglich dort die Mindestbedingung vereinbart wurde, damit sich etwas im Interesse einer guten Pflege ändert“, sagte Verdi-Sekretär Michael Quetting. Daran könne man messen, ob es ein Arbeitgeber ernst meine.

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