Wissen, wo die Kelten vor 2000 Jahren gelebt haben

Frau Hornung, Sie arbeiten mit anderen Forschungsdisziplinen zusammen, mit welchen, warum und mit welchen Ergebnissen?Sabine Hornung: Da wir uns intensiv mit der Frage nach alter Rohstoffnutzung auseinandersetzen, sind für uns die Geowissenschaften ein wichtiger Partner

 Einen herrlichen Ausblick auf den Hochwald hat man von der Wallanlage des Hunnenringes. Foto: SZ

Einen herrlichen Ausblick auf den Hochwald hat man von der Wallanlage des Hunnenringes. Foto: SZ

 Sabine Hornung. Foto: Rieth

Sabine Hornung. Foto: Rieth

 Auf Spurensuche in der Wallanlage des Hunnenringes. Foto: Rieth

Auf Spurensuche in der Wallanlage des Hunnenringes. Foto: Rieth

Frau Hornung, Sie arbeiten mit anderen Forschungsdisziplinen zusammen, mit welchen, warum und mit welchen Ergebnissen?Sabine Hornung: Da wir uns intensiv mit der Frage nach alter Rohstoffnutzung auseinandersetzen, sind für uns die Geowissenschaften ein wichtiger Partner. Mit Hilfe der Geologie sind wir in der Lage, beispielsweise Erzvorkommen zu erfassen, in deren Umfeld wir gezielt nach Überresten keltischer und römischer Verhüttung suchen können. Das passiert auch in Zusammenarbeit mit der Geochemie. Wir analysieren die während der Ausgrabungen gefundenen Schlacken und finden heraus, wodurch sie entstanden sind. So wissen wir nun, dass es auf dem Hunnenring wie auch am Spätzrech eine Schmiedewerkstatt gegeben hat. Die Bodenkunde ist natürlich ebenfalls wichtig. Erste Forschungen beschäftigten sich mit der Frage der Umweltverschmutzung durch Erzverhüttung in keltisch-römischer Zeit und hatten zur Folge, dass wir mittlerweile auch nach Spuren alter Kupfergewinnung suchen. Mit Hilfe der Geomorphologie konnten wir neue Erkenntnisse darüber gewinnen, wie sich die Landschaft auf dem Dollberg durch menschlichen Einfluss verändert hat, sei es, dass man die Steine für den Bau der Mauern unmittelbar vor Ort, in dem Blockmeer zwischen Vor- und Hauptwall, gewonnen hat oder dass man im Mittelalter dort oben sogar Ackerbau betrieben hat. Wir arbeiten aber auch mit der Archäobotanik zusammen und lassen pflanzliche Reste aus unseren Grabungen untersuchen, die uns Hinweise auf die Ernährungsgewohnheiten bei Kelten und Römern geben. Die Vermessungstechniker des "i3mainz" helfen uns mit Laserscannern, Fundstellen einzumessen und geben wichtige Tipps bei der Datenverwaltung. Sie arbeiten derzeit sogar an einer Archäoprognose. Das ist ein statistisches Modell, in das Informationen zur Landschaft und zu bekannten archäologischen Fundstellen einfließen, mit dessen Hilfe wir herausfinden können, wo vermutlich die heute nicht mehr bekannten Gehöfte aus keltischer Zeit gelegen haben oder auch die zugehörigen Gräber. Derzeit planen wir auch eine Zusammenarbeit mit der Kernchemie. Mittels Bestrahlung im Reaktor lassen sich Elementzusammensetzungen feststellen, mit deren Hilfe es beispielsweise möglich ist, die Herkunft von Rohstoffen zu bestimmen.Was hat es mit der Hubertushütte auf sich?Hornung: Die Bierfelder Hubertushütte ist ein archäologisches Denkmal ganz anderer Natur und Zeitstellung. Sie ist für uns von Interesse, weil die Eisenhütten des Hochwaldes vor allem in der frühen Neuzeit fast die gesamte Wirtschaftskraft der Region ausmachten und die Landschaft entscheidend geprägt haben. In allen Wäldern finden sich in dichtem Abstand die Überreste von Holzkohlemeilern, auch die Schlacken aus der alten Eisenproduktion liegen noch überall herum. Wenn man sich also wie wir Gedanken über die Frage machen möchte, was den Reichtum der Region in keltischer Zeit ausgemacht hat, wird man nicht weiterkommen, ohne die Verhältnisse in späteren Zeiten zu untersuchen. Das war in der Vergangenheit auch in der Archäologie oft ein Problem. Immer wieder wird behauptet, dass die Eisenerzverhüttung schon den Kelten in der Region zu Wohlstand verholfen hat. Als Beleg dafür hat man in der Regel die Lebacher Eier angeführt. Zu diesem Thema gibt es aber neue Forschungen aus der Geochemie, die gezeigt haben, dass man Lebacher Eier, die nur sehr wenig Eisen enthalten, gar nicht mit den in keltischer Zeit verfügbaren Methoden verhütten kann. Das war dann erst mit Einführung der Hochofentechnologie möglich. Am Beispiel der Hubertushütte möchten wir nun all diese Dinge genauer untersuchen. Uns interessiert, welchen Einfluss die Hütte auf ihr Umfeld hatte, wie man die Landschaft erschlossen hat, also Infrastruktur wie Straßen und Steinbrüche, und inwieweit sie vielleicht auch Spuren älterer Eisenerzverhüttung zerstört hat. Keltische und römische Schlacken, also die Abfallprodukte aus der Verhüttung, hatten noch immer einen so hohen Eisengehalt, dass man sie im Hochofen ein zweites Mal Gewinn bringend verhütten konnte. Das alles sind Grundlagen, die auch für Forschungen zu keltischer und römischer Erzverhüttung von großer Bedeutung sind.Worauf legen Sie in diesem Jahr das Hauptaugenmerk?Hornung: In diesem Jahr sollen die Grabungen auf dem Hunnenring abgeschlossen werden, um die letzten offenen Fragen zur Entwicklung der Siedlung zu klären. Darüber hinaus möchten wir die oben erwähnte Archäoprognose verfeinern und anschließend im Rahmen von Begehungen überprüfen. Wenn alles klappt, können wir vielleicht tatsächlich einige alte Siedlungen finden und so unseren Wissensstand erheblich erweitern. Dann steht natürlich auch noch die Arbeit an der Hubertushütte auf dem Plan, wo wir versuchen werden, das zugehörige Hammerwerk und die Frischhütten wiederzufinden. Auch sollen die erhaltenen Mauerreste genau vermessen werden. Und mit Hilfe von Geomagnetik möchten wir versuchen, die Spuren der heute nicht mehr sichtbaren Gebäude zu erkennen. Wir werden unser Augenmerk auch auf das direkte Umfeld des Hunnenrings richten und nach dem bislang nicht bekannten Gräberfeld suchen. Es stehen aber auch noch eine ganze Reihe kleinerer Projekte auf dem Plan, mit deren Hilfe wir jeweils ganz gezielt Informationen zu einzelnen wichtigen Fundstellen sammeln möchten. So werden wir zum Beispiel geomagnetische Untersuchungen an der sogenannten Schanzanlage in Hermeskeil durchführen, bei der es sich um die Überreste eines römischen Militärlagers handeln könnte.Auf wie viele Jahre ist Ihre Forschung am Hunnenring angelegt?Hornung: Die Forschung ist so angelegt, dass wir in der Lage sein sollten, mittelfristig die wichtigsten Fragestellungen zum Hunnenring und den bedeutendsten Fundstellen in seiner Umgebung abzuschließen. Wir sprechen da sicher noch von einigen Jahren intensiver Arbeit, die nötig sein werden. Ein wirkliches Ende können wir so schnell natürlich noch nicht erreichen, da wir sinnvollerweise im Radius von mindestens zehn Kilometer um den Dollberg arbeiten müssen - und das sind dann Hunderte von zum Teil noch unbekannten Fundstellen, die bearbeitet werden müssen. Dazu kommen dann noch die interdisziplinären Forschungen, die auch einige Zeit in Anspruch nehmen. Letztlich ist die entscheidende Frage, wie diese Ergebnisse in Zukunft verwertet werden. Die archäologische Forschung ist ja kein Selbstzweck, sondern dient dazu, die Geschichte der Region für Jedermann zu erschließen. So legen wir mit unserer Arbeit den Grundstein dafür, dass es irgendwann vielleicht möglich sein wird, mit unseren Erkenntnissen touristische Attraktionen zu schaffen, Besucher anzusprechen. Das alles hängt natürlich eng mit der Frage der Finanzierung zusammen. Wenn es uns gelingt, Gelder aus der Forschungs- und Kulturförderung zu bekommen, können wir noch viele Jahre im Umfeld des Hunnenrings arbeiten.Wer finanziert diese Forschung?Hornung: Eine sehr wichtige Anschubfinanzierung hat neben der Gemeinde Nonnweiler die Universität Mainz geleistet, indem sie die nötigen Stellen, so auch meine eigene, bereitgestellt hat. Im Gegenzug bin ich wiederum in starkem Maße damit beschäftigt, nicht nur die Forschungen zu leiten, sondern auch die nötigen Gelder zur Finanzierung der Geländearbeiten aufzutreiben. Hier hat uns die Forschungsförderung Universität Mainz bisher ebenfalls unterstützt. Im Laufe des nächsten Jahres werden wir mehrere Förderanträge stellen, um dann über die Forschungsförderung des Bundes oder auch private Stiftungen unsere Arbeiten für die nächsten Jahre finanzieren zu können.Wo kann man etwas über die neuesten Ergebnisse lesen?Hornung: Die neuesten Forschungsergebnisse sind bereits in einigen Fachzeitschriften vorgestellt worden. In Kürze erscheint eine Publikation der saarländischen Denkmalpflege, für die wir einen ausführlichen Bericht zusammengestellt haben. In Planung ist natürlich auch eine allgemein verständliche Zusammenfassung der neuen Erkenntnisse zum Hunnenring in Form eines gut bebilderten Buches. Darauf freue ich mich persönlich schon sehr, auch wenn ich mit dem Schreiben noch warten muss, bis die Grabungen im nächsten Jahr abgeschlossen sind. Bisher hat sich nämlich noch in jedem Jahr etwas Neues ergeben, das unser Bild vom Hunnenring gründlich auf den Kopf gestellt hat.Hat der Hunnenring etwas zu tun mit dem keltischen Fürsten Indutiomarus, der in Caesars Buch über den gallischen Krieg erwähnt wird?Hornung: Unsere Grabungen haben gezeigt, dass die Mauern des Hunnenrings zwischen 80 und 60 vor Christus ein letztes Mal erneuert wurden, vermutlich aufgrund einer konkreten militärischen Bedrohung durch plündernde Stämme. Verlassen wurde die Siedlung auf dem Dollberg um die Mitte des 1. Jahrhunderts vor Christus, und es ist durchaus möglich oder sogar wahrscheinlich, dass ein Zusammenhang mit dem Gallischen Krieg und der römischen Eroberung besteht. Bekannt ist auch, dass in Schwarzenbach direkt neben den beiden Fürsten des 4. Jahrhunderts vor Christus ein treverischer Krieger oder Adeliger des ersten Jahrhunderts vor Christus bestattet war. Und der eindrucksvolle Nordwall des Hunnenrings diente über seine Verteidigungsfunktion hinaus sicher auch ein Stück weit zum Repräsentieren. Gut möglich, dass man potenzielle Feinde mit den gewaltigen Mauern abschrecken wollte, denkbar aber auch, dass hier ein lokaler Anführer seine Macht zur Schau stellte. Das alles sind die Fakten, von denen wir ausgehen können.Es ist natürlich immer verlockend, der Führungspersönlichkeit, die es in der Gegend in treverischer Zeit zweifelsohne gab, einen Namen zu geben. Und man könnte durchaus das Ende des Hunnenrings um 50 vor Christus damit erklären, dass dieser Anführer den römischen Eroberern feindlich gesonnen war. Leider gehen zur gleichen Zeit noch eine ganze Reihe anderer befestigter Siedlungen unter und es gibt wiederum andere, die soviel größer als der Hunnenring waren, dass sie wahrscheinlich viel wichtigere Zentren dargestellt haben werden. Auch in deren Umfeld gibt es reiche Adelsgräber! Wären da nicht die gewaltigen Mauern, gäbe es keinen wirklichen Grund, für den Hunnenring eine Verbindung zu einer bedeutenden Persönlichkeit wie Indutiomarus herzustellen. Zumindest keinen, den man nicht auch anderswo anführen könnte. Im Gegenteil, eine solche Verbindung wäre sogar recht unwahrscheinlich.Und da liegt genau das Problem: Wenn wir nicht irgendwann auf dem Dollberg ein Türschild mit dem Namen Indutiomarus finden, was in keltischer Zeit leider nicht zu erwarten ist, wird man diese Theorie niemals beweisen können. Das tut aber dem Hunnenring selbst in keiner Weise Abbruch. Denn auch ohne die konkrete Verbindung mit einer historischen Persönlichkeit ist er ein faszinierendes Denkmal, das uns noch immer eine Vielzahl von Rätseln aufgibt und das trotz intensiver Forschung immer wieder neue Überraschungen bereithält.

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