1. Saarland

"Wir passen immer gut aufeinander auf"

"Wir passen immer gut aufeinander auf"

Neunkirchen. Morgens 10 Uhr im Neunkircher Jobcenter in der Falkenstraße: An einer Leine hängen Abreiß-Zettel mit Jobangeboten: Stukkateure werden gesucht, Schreiner, Personal für die Gastronomie und Arztpraxen, ebenso Bauhelfer oder Friseure. Es ist also Arbeit da

Neunkirchen. Morgens 10 Uhr im Neunkircher Jobcenter in der Falkenstraße: An einer Leine hängen Abreiß-Zettel mit Jobangeboten: Stukkateure werden gesucht, Schreiner, Personal für die Gastronomie und Arztpraxen, ebenso Bauhelfer oder Friseure. Es ist also Arbeit da. Im Erdgeschoss gibt es eine kleine Kinderspiel-Ecke, am Empfang sitzt eine freundlich wirkende Dame, fast alle Bürotüren sind geschlossen, vereinzelt sitzen Menschen wartend auf den Stühlen in den hellen Gängen. Die Atmosphäre wirkt am SZ-Besuchstag freundlich und ruhig, so wie Jobcenter-Geschäftsführerin Katja Sauerbrey es sich für die Besucher der Behörde wünscht. "Wir möchten Dienstleister sein, nicht als Zwangsbehörde wahrgenommen werden", sagt sie im SZ-Gespräch. Die Hartz-IV-Reformen zur Vermittlung von Personen, die keinen Anspruch auf das Arbeitslosengeld I (erworben durch die Arbeitslosenversicherung) haben, die von den Jobcentern umgesetzt werden, hätten positive Wirkung gezeigt. Dennoch sind aktuell 7600 Menschen, registriert in Bedarfsgemeinschaften, im Kreis Neunkirchen zu betreuen und Katja Sauerbrey ist sich sehr wohl bewusst, dass die Gesetze auch Härten für die Betroffenen mit sich bringen. Da sei es verständlich, dass sie Frust verspürten. Wenn aus Enttäuschung dann aber Gewalt wird, wie bei dem Tötungsdelikt in Neuss, sei es aber nur zu verständlich, dass sich die Behörden-Mitarbeiter vor Übergriffen geschützt wissen wollten. "Wir haben über Sicherheitskontrollen im Eingangsbereich nachgedacht", so Sauerbrey, doch auch trotz der Tatsache, dass bereits 2009 ein überdrehter Mann ein Messer auf einen Mitarbeiter gerichtet habe, wolle man die Jobcenter-Kunden nicht pauschal kriminalisieren.Aber die Polizei hat sich die Räume im Hinblick auf Flucht-Möglichkeiten für die Mitarbeiter angeschaut. Es gibt eine Brauche-Hilfe-Tastenkombination auf der PC-Tastatur und vor allem sind die Mitarbeiter dafür sensibilisiert, aufeinander aufzupassen. Da wird eben die Türe zwischen zwei Büros einen Spalt offen gelassen, wenn ein problematischer Besucher erwartet wird, oder man nimmt gleich einen Kollegen hinzu oder den Sozialdienst.

"Viele unserer Vermittler und Fall-Manager haben einen sozialpädagogischen Hintergrund oder waren früher in den kommunalen Sozialämtern tätig", sieht Katja Sauerbrey ihre beratenden und vermittelnden Mitarbeiter auch auf den Umgang mit Stress-Fällen gut vorbereitet. Mehr Stress sei es bei den Sachbearbeitern, die für Zahlungen und auch Kürzungen der Leistungen verantwortlich seien. "Hier ist die Fluktuation recht groß." Persönliche Beschimpfungen hätten viele der insgesamt 150 Jobcenter-Mitarbeiter schon erlebt, aber auch Leute, die sich bedanken.

Zwei Drittel der Menschen, die sich dem Neunkircher Jobcenter (in Illingen gibt es für das Illtal eine Dependance) anvertrauen müssen, um (wieder) in Arbeit zu kommen und/oder staatliche Hilfen zu erhalten, haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Nicht wenige haben neben der Arbeitslosigkeit Probleme mit Krankheiten, auffälligen Familienverhältnissen, Drogen und Überschuldung zu tun. Da sind Stabilisierung und Qualifizierung die Säulen, mit denen die Jobcenter-Mitarbeiter sie stärken wollen.

Ab dem kommenden Jahr wird das Neunkircher Jobcenter mit seinen Standorten in der Falkenstraße und am Oberen Markt im Rathaus in das Gebäude der Agentur für Arbeit in die Ringstraße umziehen. "Dann fällt wenigstens der Frust weg, wenn die Leute an der falschen Adresse waren", ist Katja Sauerbrey zuversichtlich, dass diese Veränderung positiv ist. "Im kommenden Jahr ziehen wir um in die Ringstraße."

Katja Sauerbrey

Auf einen Blick

Während die Arbeitsagenturen sich um Personen kümmern, denen im Rahmen der Arbeitslosenversicherung Zahlungen zustehen (Arbeitslosengeld I), sind die Jobcenter (früher "Argen" als Arbeitsgemeinschaften der Arbeitsverwaltung und der Kommunen) für die Menschen zuständig, die ohne diesen Anspruch sind. Die Jobcenter leisten Vermittlung und Qualifizierung sowie die Leistungen zur Grundsicherung. sl