"Wir müssen die Talente fördern"

"Wir müssen die Talente fördern"

Saarbrücken. Sie sind aus aller Herren Länder gekommen, haben oft große Sprachprobleme und keinen Berufsabschluss, oder dieser wird nicht anerkannt: Viele Ausländer haben es deshalb schwer, einen Arbeitsplatz zu finden und sind auf Hartz IV angewiesen. Das belegen die Zahlen des Jobcenters Saarbrücken

Saarbrücken. Sie sind aus aller Herren Länder gekommen, haben oft große Sprachprobleme und keinen Berufsabschluss, oder dieser wird nicht anerkannt: Viele Ausländer haben es deshalb schwer, einen Arbeitsplatz zu finden und sind auf Hartz IV angewiesen. Das belegen die Zahlen des Jobcenters Saarbrücken. Im Dezember 2011 waren 5756 arbeitsfähige Ausländer im Regionalverband auf Leistungen des Jobcenters angewiesen. Das sind 21,6 Prozent aller Hartz-IV-Bezieher. 2113 waren arbeitslos, der Rest in Ausbildung oder Qualifizierungsmaßnahmen, erklärt der Integrationsbeauftragte des Jobcenters, Markus Rauber. Die Arbeitslosenquote lag im April 2012 bei 14,9 Prozent. Dazu kommen 2,8 Prozent der Empfänger des Arbeitslosengeldes I, die von der Agentur für Arbeit betreut werden. In diesen Zahlen sind nicht die Ausländer erfasst, die die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen haben.Bereits 2007 hatte Geschäftsführer Wilfried Hose erkannt, dass sich das Jobcenter intensiver um die Ausländer kümmern muss. Seit 2009 gebe es nun ein Team mit 14 Vermittlern, die für die arbeitslosen Einwanderer in der Innenstadt zuständig sind, berichtet Rauber. Dazu kommen zwischen ein und drei Kollegen in den sechs Geschäftsstellen. Darunter seien zum Beispiel Vermittler aus Albanien, Vietnam und der Türkei, um möglichst viele Sprachen abzudecken, sagt Rauber. Denn die Deutschkenntnisse seien eines der Hauptprobleme der Ausländer. Besonders viele Vermittler säßen in Burbach und Völklingen, wo sehr viele Migranten leben.

Weil sich viele Akteure um die Ausländer kümmern - Wohlfahrtsverbände, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Anbieter von Integrationskursen und Qualifizierungsmaßnahmen etc. - habe das Jobcenter ein Netzwerk aufgebaut und Schritte festgelegt, wie die Vermittler den Arbeitslosen helfen. Wer gar kein Deutsch könne, müsse einen anderen Sprachkurs machen, als einer, der bereits Grundkenntnisse habe. Wieder andere bräuchten einen Computerkurs, weil ihre Kenntnisse veraltet seien.

Die Ausländer sollten so fit gemacht werden, dass in den Qualifizierungsmaßnahmen das Jobcenter nicht mehr zwischen Ausländern und Deutschen unterscheiden müsse, erklärt Rauber. Dabei sei die Sprache entscheidend. Denn wer gut Deutsch spreche, habe später größere Chancen auf einen höheren Schulabschluss und sei auch eher bereit, sich weiterzuqualifizieren.

Geschäftsführer Hose plädiert dafür, Unternehmen sollten mit Unterstützung des Jobcenters die Kompetenz von Ausländern in Werkstätten feststellen und anschließend einstellen und weiterbilden. Im Kreis der Kollegen lernten sie dann auch besser Deutsch.

Für Hose ist wichtig: "Wir dürfen nicht nur die Defizite ausgleichen, sondern müssen auch die Talente fördern." Nach seinen Angaben hat das Jobcenter seit Mitte 2009 deutlich mehr Ausländern wieder eine Stelle vermittelt als vor der Arbeit des "Migra-Teams". Beispiel: Von Januar 2011 bis Januar 2012 waren durchschnittlich 6000 Ausländer auf Hartz IV angewiesen, steht in der Statistik. 1715 habe das Jobcenter eine sozialversicherungspflichtige Stelle vermittelt, oder sie hätten sich selbstständig gemacht. Dazu kommen 647 geringfügig Beschäftigte.

Was muss noch für die Ausländer getan werden, um sie besser zu integrieren? Rauber und Albert Stichter, Leiter Controlling im Jobcenter, machen sich dafür stark, dass die Sprachförderung schon im Kindergarten beginnen müsse, damit die Ausländerkinder später auf dem Arbeitsmarkt eine Chance haben. Der Förderunterricht an den Schulen sei ebenfalls wichtig. Rauber plädiert auch für eine gezielte Zuwanderung von Fachkräften, deren Qualifikationen hier gebraucht werden. Als Erfolg sieht er zudem die bundesweit erste Servicestelle, die Ausländer bei der Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse im Saarland berät und die das Jobcenter mitinitiiert habe. Dieses Anerkennungsverfahren soll nach seinen Angaben noch in diesem Jahr beschleunigt werden und nur noch drei Monate dauern, wenn die Bundesländer entsprechende Gesetze erlassen.

Meinung

Jobcenter auf gutem Weg

Von SZ-RedakteurMarkus Saeftel

Dass Ausländer gezielt gefördert werden müssen, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt eine Chance haben wollen, ist eigentlich logisch. Mit den Deutschkenntnissen hapert's oft, und viele können keinen Schul- oder Berufsabschluss nachweisen, oder diese werden nicht anerkannt. Deshalb war es richtig, dass Jobcenter-Geschäftsführer Wilfried Hose einige Mitarbeiter abgestellt hat, die sich nur um die arbeitslosen Ausländer kümmern. 1715 sozialversicherungspflichtige Jobs in einem Jahr sind ein Erfolg. Dazu hat sicher auch die gute Konjunktur beigetragen. Viele Ausländer sind aber weiter auf Hartz IV angewiesen. Hoses Ansatz ist deshalb richtig: Wir müssen die Schwächen zum Beispiel bei der deutschen Sprache beheben, sollten aber stärker die Fähigkeiten der Ausländer betonen. Denn davon können die Unternehmen gerade in Zeiten des Fachkräftemangels profitieren - und wer Arbeit hat, kann sich besser integrieren.

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