"Wie eine geheime Schrift"

"Wie eine geheime Schrift"

Saarlouis. Die Saarlouiser Galerie Walzinger ist bundesweit bekannt durch die konkrete Kunst, die sie vertritt. Viele Kunstfreunde tun sich nicht leicht, konkrete Kunst zu definieren und einen Zugang zu finden. Dabei kann es kinderleicht sein, wie jetzt die Klasse 4.1 der Römerbergschule in Roden vormachte. Konkrete Kunst sieht abstrakt aus, weil sie nichts gegenständliches zeigt

Saarlouis. Die Saarlouiser Galerie Walzinger ist bundesweit bekannt durch die konkrete Kunst, die sie vertritt. Viele Kunstfreunde tun sich nicht leicht, konkrete Kunst zu definieren und einen Zugang zu finden. Dabei kann es kinderleicht sein, wie jetzt die Klasse 4.1 der Römerbergschule in Roden vormachte.Konkrete Kunst sieht abstrakt aus, weil sie nichts gegenständliches zeigt. Abstrakt ist sie aber gar nicht, weil sie nichts abstrahiert, also nichts auf wesentliche Merkmale vereinfacht. Sie hat auch keine symbolische Bedeutung. Sie besteht nur in einer mal mehr, mal weniger geometrischen Konstruktion. Die Bilder sind nichts als das, was man sieht. Walzinger zeigt zurzeit Zeichnungen von Künstlern, die der abstrakten Kunst zugerechnet werden. Die Kinder, die Kunsterzieher Stephan Wahner in die Galerie brachte, nehmen das intuitiv richtig auf. Gefragt, was ihre Lieblingsbilder seien und warum, fangen sie das Signal konkreter Kunst auf. Sie versuchen nicht, etwas in die Bilder hineinzudeuten, höchstens mal "sieht aus wie das Weltall".

Die meisten sagen es ähnlich wie Tarek zu Angelika Kaufmanns Bildern: "Die Buchstaben auf dem Bild sehen aus, als hätte jemand sie schreiben wollen, aber nicht ganz."

Stimmt, sagt Walzinger, man könnte die Buchstaben schließen. Dann ergäben sie ein Gedicht. "Wie eine geheime Schrift", sagt Lucien über Buchstaben. Bei Leo Erbs Zeichnungen erkennen die Kinder sofort: "Die Abstände der Striche werden immer größer und immer kleiner." Oder die Striche auf einem anderen Blatt. "Sie haben alle denselben Abstand, alle gleich dick. Wie ein Regenbogen." Farbstifte, das erkennen die Kinder. Und die Reihenfolge der Farben? Walzinger klärt auf, und die Kinder verstehen es: Es gibt Kästen, in denen die Farbstifte für Künstler immer in derselben Reihenfolge liegen. Ihr entspricht die Reihenfolge der Striche auf dem Blatt. Der Abstand der Striche entspricht exakt der Dicke der Stifte.

Die Treffsicherheit der Kinder, die sie auch spüren, ist kein Zufall. Kunsterzieher Stephan Wahner hat ihnen vorher Aufgaben gestellt. Die erste: "Bunte Papiere, ein Bleistift, ein farbiger Stift, eine Minute Zeit. Die zweite: Ein Blatt, zwei lange Striche von einem Blattrand zum anderen. "Jeder hat sein ganz spezielles Blatt gestaltet, jedes anders, trotz der exakten Aufgabe."

Nachdenklich werden die Kinder, als es um die Preise für die Zeichnungen geht. 2500 Euro zum Beispiel für die offenen Buchstaben. Wer bestimmt den Preis? Walzinger: "Das bestimmt der Künstler, nicht die Galerie. Der Preis hängt davon ab, wie bekannt der Künstler ist, und wie oft er in Museen ausgestellt wird."

Sagt ein Kind zu einem Bild von Hartmut Böhm: "Das hätte ich gern." Warum? "Das gefällt mir einfach."

Die Galerie Walzinger hat die Ausstellung mit Künstlerzeichnungen bis Mitte Februar verlängert. Dienstag bis Freitag, 15 bis 19 Uhr, Samstag von zehn bis 14 Uhr sowie nach Vereinbarung unter der Telefonnummer (0 68 31) 4 95 41.

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