Wie ein Experte den Arztskandal im Saarland beurteilt

Kostenpflichtiger Inhalt: Präsident des Bundesverbandes deutscher Pathologen : Wie ein Experte den Arztskandal beurteilt

Der Fall um den Pathologen aus dem Saarpfalz-Kreis wirft viele Fragen auf. Wir haben mit dem Präsidenten des Bundesverbands deutscher Pathologen gesprochen.

Saarbrücken Fehldiagnosen in 26 Fällen werden einem Pathologen aus dem Saar-Pfalz-Kreis inzwischen zur Last gelegt. Diese Zahl könnte allerdings noch steigen, wenn die beschlagnahmten Gewebeproben und Akten ausgewertet sind, die die Polizei vorigen Freitag aus Privatwohnung und Praxis des Beschuldigten abtransportiert hat. Gestern haben zudem die Saarländische Krankenhausgesellschaft (SKG) und das Gesundheitsministerium eine „dringliche Mitteilung“ an die Leitungen aller betroffenen Kliniken geschickt: Sie werden darin aufgefordert, die Befunde aller Patienten, die durch den Pathologen eine Diagnose erhalten haben, erneut zu prüfen. Auch niedergelassene Ärzte wurden informiert.

Der Arztskandal sorgt bei vielen Patienten für Verunsicherung und hinterlässt offene Fragen. Die Fachrichtung „Pathologie“ kennen die meisten nur aus Krimiserien. Dabei hat die Arbeit eines Pathologen nichts mit Rechtsmedizin zu tun, stellt Professor Karl-Friedrich Bürrig klar. Er ist Präsident des Bundesverbandes deutscher Pathologen und betreibt selbst ein Institut in Hildesheim. Zumindest bei einigen Spekulationen kann er Entwarnung geben. „Keine unerwartet hohe Zahl“, kommentiert er beispielsweise die 8000 Untersuchungen, die der saarländische Pathologe zuletzt in einem einzigen Quartal abgerechnet hat. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass der Pathologe aus reiner Habgier mehr Proben analysiert habe, als er ohne Qualitätsverlust bewältigen konnte. Die Gebührenordnung für Ärzte unterscheide sich zwar je nach Bundesland, aber bei den meisten pathologischen Untersuchungen handle es sich um eine „vergleichsweise preiswerte Angelegenheit“. So kann der Pathologe bei einer Gallenblase etwa 10 bis 20 Euro abrechnen. „Damit wird niemand reich,“ stellt Bürrig fest. Betrug sei in dieser Fachrichtung daher sehr selten. Die Kassenärztliche Vereinigung sowie die Krankenkassen prüften zudem die abgerechneten Leistungen.

Wie kann ein solcher Fall so lange unentdeckt bleiben? Bürrig bestätigt, dass ein Untersuchungsergebnis normalerweise nicht noch einmal von einem zweiten Pathologen kontrolliert wird. Spätestens in der Nachbetreuung des operierten Patienten müsste eine Fehldiagnose allerdings auffallen – „und das ist hier ja anscheinend passiert“.

Bisher wird der Pathologe aus dem Saarpfalz-Kreis nur beschuldigt, bei gesunden Patienten Krankheiten diagnostiziert zu haben. Der umgekehrte Fall sei aber ebenso denkbar: Demnach könnten sich Patienten nach einer Entwarnung durch das Untersuchungsergebnis des Pathologen in falscher Sicherheit wiegen, obwohl sie eigentlich doch krank sind. Die möglichen Auswirkungen wären fatal. Die Behauptung, die Krankheit sei erst nach seiner Analyse ausgebrochen, sei einem Pathologen normalerweise nicht möglich, so Bürrig. Er sei gesetzlich dazu verpflichtet, die untersuchten Gewebeproben mindestens zehn Jahre aufzubewahren.

Von rund 380 000 Ärzten in Deutschland seien lediglich 1500 Pathologen, die an 450 Instituten wirken, so Bürrig. Daraus könnte der Laie schlussfolgern, dass mit genügend krimineller Energie ein einzelner Pathologe verheerenden Schaden anrichten kann. An Spekulationen über die Hintergründe des aktuellen Skandals möchte sich Bürrig aber nicht beteiligen. Er verweist stattdessen auf den 1997 bekannt gewordenen Fall des Essener Pathologen Josef Kemnitz, der in mindestens 300 Fällen fehlerhafte Brustkrebs-Diagnosen stellte, wodurch einigen Patientinnen gesunde Brüste amputiert wurden. Trotz Gutachten, das die Zurechnungsfähigkeit Kemnitz’ in Frage stellte, ist bis heute nicht abschließend geklärt, ob dieser aus Absicht handelte oder schlicht überfordert war. Auch das wahre Ausmaß seines Treibens wird wohl nie aufgeklärt werden: Mit einem selbst gelegten Brand (bei dem er ums Leben kam) in seinem Labor vernichtete er alle Gewebeproben, die ihn hätten überführen können.

Das zumindest kann im aktuellen Fall um den saarländischen Pathologen nicht passieren: 100 Umzugskartons voller Beweismaterial konnte die Polizei sicherstellen. Die Auswertung wird Monate dauern. Vermutlich werden erst dann viele Patienten wieder aufatmen können.

Mehr von Saarbrücker Zeitung