Einbrüche in Wohnhäuser, Kneipen und Clubheime im Saarland: Wie die Spielsucht ein Leben ruinierte

Einbrüche in Wohnhäuser, Kneipen und Clubheime im Saarland : Wie die Spielsucht ein Leben ruinierte

Weil sie Geld brauchte, wurde eine mehrfache Mutter zur Serien-Einbrecherin. Jetzt muss sie jahrelang ins Gefängnis.

Seit über 100 Jahren streiten  Kriminalwissenschaftler darüber, ob Charakterzüge  oder Umweltfaktoren einen Menschen zum Kriminellen machen.  Beides dürfte eine Rolle spielen. So wie im Fall einer 51-Jährigen, die das Landgericht Saarbrücken nach einer Einbruchsserie  zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt hat.

Gemeinsam mit einem 23 Jahre alten Bekannten, dessen Prozess im Oktober weitergeht, soll die Frau zwischen 2013 und 2016 in Wohnhäuser, Kneipen und Clubheime im Raum Saarlouis/Dillingen/Merzig eingebrochen sein. Dort sollen sie nach Angaben der Opfer Schmuck, Wertsachen, Elektrogeräte und Autos im Wert von 387 000 Euro erbeutet und einen Gesamtschaden  von über 500 000 Euro verursacht haben. Laut Angeklagten sind diese Zahlen überhöht. Der Verteidiger der Angeklagten fügte hinzu: „Der Mann nahm sich die Scheine und sie bekam die Münzen.  So ein Sack mit Münzen ist eine tolle Sache für jemanden, der spielsüchtig ist und sich damit vor den Geldspielautomaten setzen kann.“

Die Spielsucht auf der Basis der besonderen Persönlichkeitsstruktur  der 51-Jährigen führte dazu, dass die Richter der Frau verminderte Schuldfähigkeit  zubilligten. So verhängten sie nach Einstellung von etwa 50 eher geringfügigen Teil­aspekten der Anklage für die Serie von insgesamt 43 verbliebenen Straftaten „eine eher milde Strafe“ ohne Bewährung.  Die Angeklagte reagierte darauf wütend, überrascht und geschockt. Sie scheint auf eine Haftstrafe mit  Bewährung  gehofft zu haben. Ähnlich wie in anderen Fällen, in denen sie vor Gericht stand.

Nach eigener Aussage bei der psychiatrischen Sachverständigen soll die Angeklagte bereits im Alter von neun, zehn Jahren angefangen haben, Lebensmittel und Zigaretten für die Eltern zu klauen. Diese hätten das Tun ihrer Tochter sogar gefördert. Sie hätten sie zu Geschäften gefahren, um dort Weihnachtsgeschenke zu stehlen. Als Jugendliche stand die Angeklagte mehrfach wegen Diebstahls vor Gericht und musste eine Jugendstrafe im Gefängnis verbüßen. In den folgenden zehn  Jahren kam es zu fünf weiteren Bewährungsstrafen wegen Eigentumsdelikten.

Zwischenzeitlich war die Frau verheiratet und Mutter mehrerer Kinder: Ihr erster Ehemann war laut Angeklagter Alkoholiker und gewalttätig. Nach der Trennung von ihm habe sie wieder geheiratet und noch ein Kind bekommen. Die neue Familie habe ihr gut getan und sie stabilisiert. Aber dann sei ihr ältester Sohn aus erster Ehe trotz diverser Maßnahmen der Jugendhilfe kriminell geworden. Mit 15 Jahren saß er zum ersten Mal im Gefängnis. Auch ihr zweiter Sohn aus erster Ehe sei ins Gefängnis gekommen.

Vor diesem Hintergrund, so die Angeklagte, habe sie sich von ihrem zweiten Ehemann getrennt, damit nicht auch ihr jüngster Sohn kriminell wird. Sie habe als Putzhilfe, in Fabriken oder in Gaststätten gearbeitet. Ende 2008 habe sie angefangen, an Spielautomaten zu spielen. Wann immer etwas passierte, wann immer einer ihrer Söhne wieder in Haft kam, sei sie spielen gegangen, letztlich jeden Tag: „Ich bin in das Spielcasino, habe die Tür zugemacht und meine Probleme vor der Tür gelassen. (...) Ich habe mich frei gefühlt, wenn ich am Automaten gespielt habe. Der Automat war mein Freund. Er hat mir zugehört.“

Aus Sicht der psychiatrischen Gutachterin leidet die Angeklagte seit früher Kindheit unter einer Persönlichkeitsstörung. Diese sei geprägt durch eine massive Unsicherheit und zudem durch psychopathische  Merkmale wie eingeschränktem  Verständnis für soziale Regeln und Unrechtsbewusstsein für das eigene Tun.  Diese Störung sei die Basis für das pathologische, krankhafte Spielen der Angeklagten.  Die 51-Jährige habe sich für ihre Delinquenz, ihre strafrechtliche Vorgeschichte und ihr Leben geschämt. Das Glücksspiel habe sie diese Sorgen kurzzeitig vergessen lassen. Gleichzeitig seien die Probleme dadurch aber massiv verstärkt worden. Ein Teufelskreis.

Der mitangeklagte 23-Jährige hatte zum Prozess-Auftakt gesagt, die Frau habe wegen ihrer Spielsucht ständig Geld gebraucht. Auch er habe immer Geld gebraucht. Also seien sie in Gaststätten, Clubheime oder Wohnhäuser eingebrochen. In den Lokalen hatten sie es besonders auf Spielautomaten, in den Wohnhäusern auf Wertsachen sowie EC-Karten nebst Pin abgesehen. Das Duo machte nach eigener Aussage auch vor der eigenen Familie nicht halt. Bei einigen Einbrüchen sollen laut Anklageschrift auch Kinder der Angeklagten aus erster Ehe  dabei gewesen sein. Die 51-Jährige  weist das weitgehend zurück.  Sie sagte in ihrem letzten Wort vor Verkündung des Urteils: „Ich sitze jetzt acht Monate in Untersuchungshaft und hatte Zeit zum Nachdenken. Darüber, was ich meinen Kindern angetan habe.“

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