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Teststrecke autonomes und vernetztes Fahren: Wie das autonome Fahren funktioniert

Teststrecke autonomes und vernetztes Fahren : Wie das autonome Fahren funktioniert

Ein Test in der Stadt Merzig lieferte einen Vorgeschmack auf die Technik, die bis 2030 auf Deutschlands Straßen Realität sein könnte.

Computergestützte selbstfahrende Autos, in denen man dank spezieller WLAN-Technologie, Sensoren und Kameras nicht mehr lenken, beschleunigen oder bremsen muss – noch sind sie Zukunftsmusik auf unseren Straßen. Doch spätestens bis 2030 könnte es so weit sein, meint Professor Horst Wieker, Leiter der Forschungsgruppe Verkehrstelematik der Hochschule für Technik und Wirtschaft Saar (HTW). Mit einem Dutzend seiner Mitarbeiter und vier Testautos mit HTW-Forschungssoftware an Bord hat er am Samstag in der Merziger Innenstadt einen ersten Vorgeschmack auf das autonome Fahren gegeben, bei dem Autos untereinander oder auch mit technisch präparierten Fußgängern und Verkehrsampeln kommunizieren können. Das Interesse der Bürger an der vor zwei Jahren gestarteten Teststrecke für vernetztes Fahren in Merzig ist schon am Vormittag groß: die 142 Mitfahrplätze in den vier HTW-Forschungsautos müssen an einem Infostand auf dem Merziger Kretzschmar-Platz per Glücksrad verlost werden.

Kurz nach 10.30 Uhr startet am Neuen Rathaus das erste Testauto, ein VW Passat. Auf dem Dach oben links und rechts je eine WLAN-Antenne, in der Mitte eine Mobilfunkantenne. Sie empfangen die Signale und senden sie an das Tablet-große Display im Wagen. Am Steuer sitzt allerdings noch kein Computer, sondern die junge HTW-Mitarbeiterin Ilka Müller. Ihr Sozius, Niclas Wolniak, erklärt den interessierten mitfahrenden Bürgern auf der Rückbank: „Wir werden sechs verschiedene Fahrfunktionen erleben.“ Zunächst wird gezeigt, wie das Auto einen über Smartphone oder Tablet gebuchten freien Parkplatz punktgenau findet und ansteuert. Der HTW-Mitarbeiter erklärt unterdessen das Display im Wagen: „Die gelben Punkte sind die Fahrzeuge um uns, der blaue Punkt sind wir und die orangefarbenen Punkte sind Infrastruktur-Komponenten“.

Auf einem aus Sicherheitsgründen abgesperrten Platz wird dann anhand einer plötzlich von der Seite auftauchenden Fußgänger-Puppe demonstriert, was im Alltagsverkehr Schlimmes passieren kann: die Fahrerin, die sich mit 40 Kilometern pro Stunde dem Hindernis nähert, muss mit dem Bremspedal voll in die Eisen und touchiert die Puppe dennoch. Dann wiederholen sie das gleiche Experiment mit der Telematik an Bord und einer Art Chip im elektronischen Rucksack des Fußgängers. Das Autodisplay warnt die Fahrerin schon deutlich früher und das Auto kommt bereits fünf bis zehn Meter vor dem Hindernis zu stehen. Dann die nächste Schrecksekunde: Plötzlich bremst ein vorausfahrendes Testfahrzeug in einer scharfen Kurve, ohne dass man es sieht. „Normal hätten wir da keine Chance mehr“, sagt der HTW-Mitarbeiter. Doch das Fahrzeugsystem, das mit dem anderen Wagen kommuniziert, hat rechtzeitig über das elektronische Bremslicht eine Sofort-Stopp-Warnung ausgelöst.

„Das vollautomatische Bremssystem hat mich am meisten beeindruckt“, sagt Angelina Müller aus Nalbach, die in einem Forschungsauto mitgefahren ist. „Ich war erst vor Kurzem selbst Unfallopfer am Stauende auf der A 620 bei Völklingen. In Zukunft wird es da wohl mehr Sicherheit geben.“ Dann wird auch noch die rechtzeitige Warnung vor einem am Straßenrand liegen gebliebenen Fahrzeug demonstriert und in einer Einbahnstraße eine Falschfahrer-Situation simuliert. Der Geisterfahrer wird allerdings nicht real, sondern nur virtuell gezeigt. Der übliche Verkehr rollt schließlich jeden Tag ganz normal über die Merziger Teststrecke für autonomes und vernetztes Fahren.

Diese Strecke wird, nachdem Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und sein französischer Amtskollege bereits grünes Licht gegeben haben, bald grenz­überschreitend bis nach Metz führen. Bis Herbst soll es dazu ein vorbereitendes Treffen aller Verantwortlichen in Bund, Land sowie der französischen Region Grand Est geben, kündigt Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) an: „Ziel des Projektes ist es, einen besseren Verkehrsfluss und mehr Sicherheit auf den Straßen zu erreichen. Die Automobilwirtschaft wird in einigen Jahren eine andere sein als heute – und wir im Saarland wollen an dieser Geschichte mitschreiben.“

Während Ministerin Rehlinger schon davon träumt, dass sich für die neue Autotechnologie-Generation auch mal Chip-Hersteller im Autoland Saarland ansiedeln könnten, freut sich Merzigs Bürgermeister Marcus Hoffeld (CDU) erst mal riesig, dass das Experiment mit der hautnahen Bürgerinformation so gut angekommen ist. Schon am nächsten Dienstag gibt es gegenüber seinem Rathaus am St. Medard-Parkplatz um 13 Uhr die nächste Live-Demonstration: das Projekt „Digitales Parken“, für das 29 Sensoren in der Stadt installiert wurden. Es ermöglicht Parkplatzsuche und Bezahlen über Handy-App.