1. Saarland

Wenn Raupen Blatt für Blatt auf Raubzug gehen

Wenn Raupen Blatt für Blatt auf Raubzug gehen

Wenn schon 2010, im Jahr der Artenvielfalt, Insekten eine hervorragende Rolle spielten, so kommt man auch 2011 im Jahr der Wälder nicht an dieser artenreichsten Klasse im Tierreich vorbei. Über sie hier auch nur annähernd vollständig zu berichten, ist bei ihrer Vielfalt schier unmöglich. Wir wollen, wenn auch nur sehr bescheiden, einige wenige streifen

Wenn schon 2010, im Jahr der Artenvielfalt, Insekten eine hervorragende Rolle spielten, so kommt man auch 2011 im Jahr der Wälder nicht an dieser artenreichsten Klasse im Tierreich vorbei. Über sie hier auch nur annähernd vollständig zu berichten, ist bei ihrer Vielfalt schier unmöglich. Wir wollen, wenn auch nur sehr bescheiden, einige wenige streifen.Wenn man als Förster bei Insekten im Wald nicht gleich an die "bösen" Borkenkäfer denken mag, dann sollten heute einmal die Raupe im Blickfeld stehen. "Wer eine Raupe zertritt, tötet einen Schmetterling" oder "die schroschte Raupen gen die schenschte Schmetterlinge", so heißt es im Volksmund. Es sind dies Teilwahrheiten. Tatsächlich entsteht bei der vollkommenen Metamorphose aus der Larve ein völlig neues Lebewesen. Die ursprüngliche Larve wird nämlich durch ihre eigenen Verdauungssäfte nahezu völlig aufgelöst. Das neue Lebewesen unterscheidet sich gänzlich in Form und Aussehen, Aufbau, Lebensraum, Lebensweise und Nahrungsspektrum von dem Larvenstadium.

Ein in den Lüften sich frei und leicht bewegender Schmetterling hat eigentlich nichts mehr gemeinsam mit der kriechenden Raupe, aus der er letztlich doch entstanden ist. Wer das Raupendasein nur als Durchgangszeitraum versteht, der hat noch nicht näher hingeschaut.

Raupen sind ebenso faszinierend schön wie simpel einfach aufgebaut. Kopf, länglicher Körperschlauch mit drei Paar gegliederten Brustbeinen (Insekten haben sechs Beine), vier Paar Bauchfüßen (Scheinfüßen, die nur der Raupe zum Halt dienen) und einem "Nachschieber" am Ende. Über den Rücken verläuft ein einfacher Herzschlauch. Die Atmung erfolgt passiv mittels Luftröhrensystem (Tracheen), die durch die Atemlöcher (Stigmen) seitlich am Körper sitzend, die Atemluft einlassen.

Raupen können glatt oder behaart sein (zum Beispiel die Raupe des "Braunen Bärs"), sie können ein Hörnchen auf dem letzten Leibesring tragen oder von deren Ausstülpungen am Vorderleib gleich mehrere besitzen (Nagelfleckraupe in der Jugend).

Raupen können in Form und Farbe perfekt getarnt sein, wie manche Spannerraupen, oder auffallend grell bunt und dadurch für Feinde abschreckend wirken. Der Variationsfülle sind absolut keine Grenzen gesetzt.

Da sich die Raupenhaut nur begrenzt dehnen kann, durchlaufen Raupen in ihrem Leben im Durchschnitt vier Häutungsphasen. Dabei sitzen sie ein bis zwei Tage mehr oder weniger deutlich mit erhobenem Vorderleib in der so genanten "Sphinxstellung" und möchten bei dem doch sehr tief eingreifenden Vorgang (die Tracheensysteme werden mit gehäutet) nicht gestört werden. Sie müssen und schaffen es auch, aus ihrer alten Haut herauszufahren. Ein Vorgang der selbst ein Kapitel füllen könnte.

Raupen ernähren sich entweder nur von einer ganz speziellen Futterpflanze (monophag), oder sie sind polyphag (wie zum Beispiel die Raupe des Kleinen Nachtpfauenauges), das heißt sie können unterschiedliche Futterpflanzen nutzen. Letzteres ist in unserer heutigen Landschaft, die sich von heute auf morgen sehr schnell verändern kann, von großer Bedeutung.

Am Ende des Raupendaseins binden sie sich mit einem Faden an einen Zweig und verpuppen sich als Gürtel- oder Stürzpuppen. Oder sie umgeben sich mit einem Gespinst aus Seide (Kokon). Manche benutzen Blattröhren als Unterschlupf und Sichtschutz vor Fressfeinden. Wiederum andere verpuppen sich in der Erde. Die Mumienpuppen lassen bereits erkennen, was für ein Tier hier einmal schlüpfen wird. Klar und deutlich zeichnen sich die Beine, Fühler und Flügelscheiden in der Puppenhülle ab.

Der Variationsbreite bei den Insekten scheint keine Grenze gesetzt zu sein. Mal wird als Ei, mal als Puppe, manchmal auch als Raupe (Kupferglucke) überwintert. Es gibt viele Regeln, aber ebenso viele Ausnahmen von den Regeln. Und gerade das macht die Betrachtung der Insekten so spannend.

Oft ist die Lebenserwartung der fertigen Insekten im Vergleich zu den langen Larvenstadien erschreckend kurz, bei Eintagsfliegen oder dem Hirschkäfer zum Beispiel. Andere wiederum unternehmen weite Reisen unseren Zugvögeln gleich (wie der Diestelfalter).

Nicht alles, was nach Raupe aussieht, ist auch eine echte Raupe. Die Larven der Weidenblattwespe zählen zu den Afterraupen, aus ihnen schlüpft später kein Schmetterling, sondern eine Blattwespe.

< Der nächste Teil der Serie widmet sich den Schmetterlingen.