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Wenn Leiden zur Erziehung erklärt wird

Wenn Leiden zur Erziehung erklärt wird

Saarbrücken. Seit Generationen hat Lamine Contés (Foto: Traudl Brenner) Familie in Guinea die "Tradition" der Genitalverstümmelung aufrecht erhalten. Contés Schwestern sind vor ihrer Hochzeit beschnitten worden. "Die Beschneidung ist eine Erziehungsmethode, die vermitteln soll, dass zum Leben auch Leid dazu gehört

Saarbrücken. Seit Generationen hat Lamine Contés (Foto: Traudl Brenner) Familie in Guinea die "Tradition" der Genitalverstümmelung aufrecht erhalten. Contés Schwestern sind vor ihrer Hochzeit beschnitten worden. "Die Beschneidung ist eine Erziehungsmethode, die vermitteln soll, dass zum Leben auch Leid dazu gehört. Sie ist nur ein Teil eines ganzen Erziehungsprogrammes für Frauen", erklärt Conté der SZ den Grund der brutalen "Tradition". Während seiner nunmehr 13 Jahre währenden Amtszeit als Vorsitzender des Vereins "Haus Afrika" mit Sitz in Saarbrücken hat Lamine Conté bisher nichts von hier lebenden Familien gehört, die ihre Töchter hierzulande oder in ihren Heimatländern haben beschneiden lassen. "Heute macht das Beschneiden keinen Sinn mehr. Ich lasse meine eigene Tochter nicht beschneiden, denn ich bin überzeugt, dass Kinder mit anderen, modernen Methoden genauso viel lernen können." Bürgern aus Afrika die hierzulande leben, empfiehlt er dringend das Ritual der Genitalverstümmelung von Mädchen einzustellen. "Ich bedauere, dass die Art und Weise, wie Bilder der Beschneidung in Medien publiziert werden, zu einem negativen Image von Afrika beitragen", sagt Conté.Erinnern kann sich Dr. Percy Brandner noch an jene beschnittene Frau, die er vor sechs Jahren im Klinikum Saarbrücken behandelte. "Die Frau litt an Unterleibsschmerzen. Ihr war in ihrem Heimatland Sudan die Klitoris entfernt und der Eingang zur Scheide verschlossen worden, indem die kleinen Schamlippen aufgeschnitten und vor dem Scheideneingang zusammengenäht worden sind", sagt der in Saarbrücken niedergelassene Frauenarzt und Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte Saar. Da ihm damals kein Mediziner im Saarland mit umfangreichen Erfahrungen zu dieser Problematik bekannt war, überwies Brandner schließlich die Frau an einen plastischen Chirurgen in Frankfurt/Main.

Im Herbst 1998 dokumentierte der Saarbrücker Verein Intact, der gegen die Genitalverstümmelung kämpft, dass eine Frau im Kreis Merzig-Wadern beobachtet haben will, wie im Haus einer jugoslawischen Familie ein Mädchen beschnitten oder womöglich vergewaltigt wurde. Der Fall, der Polizei, Jugendamt und Staatsanwaltschaft beschäftigte, sei aus Mangel an Beweisen eingestellt worden, berichtet Intact-Chefin Christa Müller. "Offenbar war vor der Vernehmung der ganzen Familie das betroffene Mädchen eingeschüchtert und bedroht worden", sagt Müller.

Dem Fachreferat des saarländischen Sozialministeriums ist bisher kein Fall von Genitaverstümmelung im Saarland bekannt geworden, "in dem eine Anzeige möglich, notwendig oder sinnvoll gewesen wäre", teilte der Sprecher des Sozialministeriums, Thorsten Klein auf SZ-Anfrage mit. "In seltenen Einzelfällen" verweise das Referat die Betroffenen an die Intact-Beratungsstelle. Dort gehen pro Jahr etwa fünf bis zehn Beratungsanfragen aus dem ganzen Bundesgebiet ein. "Zumeist wendeten sich eher Bezugspersonen der von Beschneidung bedrohten Mädchen überwiegend anonym an uns beziehungsweise an Intact", sagt Klein weiter. Die Betroffenen selbst stünden häufig unter kulturellem und familiärem Druck und hätten Angst davor, sich an die Behörden zu wenden.

Im vergangenen Jahr habe sich das Saarland einer Bundesratsinitiative zur Strafbarkeit der Verstümmelung weiblicher Genitalien angeschlossen, hieß es aus dem saarländischen Justizministerium.