Wenn Eltern die Gewalt vorleben . . .

Wenn Eltern die Gewalt vorleben . . .

Neunkirchen. Der tragische Tod eines 17-Jährigen im Mai am Neunkircher Saarpark-Center nach einem Streit innerhalb einer Clique ist noch in frischer Erinnerung. Ein 15-Jähriger hatte hingelangt. Doch schon weitaus Jüngere gehören zum Umfeld dieser Szene, die an abgelegenen Stellen abhängt.Etwa ein 11-Jähriger aus einer vierten Klasse der Bachschule, nennen wir ihn Mirko

Neunkirchen. Der tragische Tod eines 17-Jährigen im Mai am Neunkircher Saarpark-Center nach einem Streit innerhalb einer Clique ist noch in frischer Erinnerung. Ein 15-Jähriger hatte hingelangt. Doch schon weitaus Jüngere gehören zum Umfeld dieser Szene, die an abgelegenen Stellen abhängt.Etwa ein 11-Jähriger aus einer vierten Klasse der Bachschule, nennen wir ihn Mirko. Der Grundschüler hat beispielsweise schon einmal mit drei Kumpanen einen ihm unbekannten Jungen völlig grundlos bedroht, verprügelt und durch ein Einkaufscenter gejagt, wo er jetzt Hausverbot hat. Mirko ist auch Chef einer "Gang", die darauf aus war, Schüler der Bachschule zu terrorisieren. Das konsequente Handeln des pädagogischen Personals einschließlich der Mitarbeiterinnen des Hortes, so merkt die kommissarische Schulleiterin Ulrike Kremp dazu an, habe in Zusammenarbeit mit der Polizei dieses Kapitel schnell beendet.

Dennoch: Andere zu verprügeln aus Lust an Gewalt wird bei vernachlässigten Jugendlichen zur Freizeitbeschäftigung, so Kremps Beobachtung. Gegen Mirko liegen binnen eines halben Jahres drei Anzeigen bei der Polizei vor, zwei davon wegen Körperverletzung. Seinen neunjährigen Bruder, der auch schon mitmischt, brachte er dazu, auf dem Schulhof einem Schüler, der bereits am Boden lag, einen Zahn auszutreten. Zunehmend trauten sich Hort-Kinder nach Betreuungsschluss um 17 Uhr nicht mehr nach Hause, weil Mirko und seine Bande ihnen auflauere und sie durch Neunkirchen jage.

Keine erfundenen Horrorszenarien, sondern Teil einer Realität an einer sogenannten Brennpunktschule. Ulrike Kremp hat sie auf SZ-Nachfrage geschildert. "Kaum jemand weiß von diesen Vorfällen!", seufzt sie. "Hier wachsen Kinder, unbemerkt von der Öffentlichkeit, in einer Parallelgesellschaft heran, die nach ihren eigenen Vorstellungen leben möchte. Und diese Vorstellungen stimmen oftmals hinsichtlich Erziehung und Kindeswohl nicht mit unseren überein!"

Um keinen schiefen Eindruck zu erwecken: "85 Prozent unserer rund 200 Schüler sind in Ordnung!", sagt Ulrike Kremp. "Aber die restlichen 15 Prozent dürfen nicht einfach hingenommen werden." Bei der großen Mehrheit stünden auch die Eltern unterstützend hinter Schule und Lehrern - "oder lassen uns zumindest freie Hand!" Doch an einen kleinen Kreis von Eltern komme man einfach nicht heran. Sie seien beratungsresistent bis hin zu Gewaltandrohungen und Beschimpfungen gegen Lehrer und Erzieherinnen des Hortes. Außer einem rabiaten Zupacken am Arm einer Lehrerin und wüsten Beschimpfungen sei gottlob noch nichts passiert. Doch die Schulleiterin registriert eine Zunahme an Aggressivität, bei deutschen Eltern wie bei Eltern mit Migrationshintergrund.

Bei letzteren vermutet sie, dass Eltern - oft aus einem anderen Kulturkreis - mit der Erziehung ihrer sieben, acht oder gar neun Kinder nach unseren Vorstellungen überfordert sind. Das Individuum zähle wenig, die Gesetze des Clans stünden über unseren Gesetzen. Die heimischen Zustände bleiben aber bei den Kindern nicht in den Kleidern hängen.

"Anti-Gewalt- und Selbstbehauptungstraining haben an der Schule einen hohen Stellenwert. Aber was nützt das, wenn Kinder zuhause nichts anderes kennen lernen als Gewalt?", analysiert Ulrike Kremp. Die Pädagogin, die seit drei Jahren an der Bachschule unterrichtet, nennt es erschreckend, was Kinder von den häuslichen Verhältnissen erzählen, wenn sie - etwa bei Aufenthalten im Schullandheim - ihrem Bedürfnis zu reden, nachkommen. Es komme auch vor, dass Schüler erstaunt reagieren, wenn sie im Unterricht bei der Behandlung der von der UN garantierten Kinderrechte hören, dass Eltern nicht schlagen dürfen. Grund für Lehrerin Kremp, die Frage aufzuwerfen, ob Elternrechte nicht zu sehr die Kinderrechte dominieren.

Die Palette der Eingreifmöglichkeiten auf die geschilderte Entwicklung sei begrenzt, sagt sie. So sei Mirko jetzt zur Überprüfung auf sonderpädagogischen Förderbedarf gemeldet - Erfolg offen. "Der Staat muss reagieren. Wir müssen mehr Möglichkeiten zur Bestrafung strafunmündiger Kinder haben, die bereits schwere Straftaten begehen", fordert Kremp. Vorstellen könnte sie sich Sozialarbeit, die diese Kinder zum Umdenken führen könnte. Lediglich eine Vorladung zur Polizei ohne weitere Konsequenzen reiche nicht aus.

"Für uns haben diese ,Problemfälle' Gesichter, sie sitzen täglich vor uns. Wir wollen diese Kinder unterstützen, aber es ist nicht einfach. Doch nicht zuletzt hat die Bachschule auch dafür den Saarländischen Schulpreis gewonnen, dass wir auf vielfältige Weise unseren Schülern helfen, den richtigen Weg zu finden. Die Jury hob ausdrücklich hervor, wie sehr wir auf die Schüler achten", geht Kremp auf das jüngste Erfolgserlebnis der Schule ein.

Einer Verdrängung des Problems will sie nicht das Wort reden: "Wir könnten auch beantragen, dass die betreffenden Schüler an eine andere Grundschule wechseln. Aber das hieße nur, das Thema zu verleugnen!"

Unabdingbar ist für die engagierte Pädagogin auch eine bessere personelle Ausstattung. "Wir bräuchten Erzieher und Sozialarbeiter, damit nicht alles an den Lehrern hängen bleibt." Wenigstens komme inzwischen eine Sozialarbeiterin einmal in der Woche an die Bachschule, die auch Gespräche mit den Eltern führt.

Ferner sieht Kremp in einem Unterricht mit Doppelbesetzung ein probates Mittel. Förderunterricht mit der ganzen Klasse oder in der sechsten Stunde helfe wenig, wenn nur ein Lehrer da sei. Hier hofft die kommissarische Schulchefin auf eine Verbesserung im Zuge der Gebundenen Ganztagsschule, die ab dem Schuljahr 2012/13 an der Bachschule eingeführt werden soll. "Das war mit ein Grund für unsere Bewerbung."

Nicht zuletzt wäre es Ulrike Kremp wichtig, den Datenschutz zu lockern, damit ein "enger Austausch" zwischen Schule, Jugendamt und Polizei möglich wird. Dann könnten alle gemeinsam überlegen, wie im Einzelfall reagiert werden kann. Kremp schwebt vor, dass man sich einmal im Monat trifft, um über schwierige Fälle zu sprechen und eventuellen Druck auf die Eltern zu sondieren. "Man müsste auch darüber nachdenken, ob Eltern, die ihren Pflichten, wie sie im Grundgesetz festgelegt sind, nicht nachkommen, das Kindergeld gekürzt oder vorenthalten werden kann, wie dies in Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden möglich ist."

Und schließlich ist Kremp mit Blick auf die Chancengleichheit der Meinung, es müsste Kindergartenpflicht geben, damit alle Kinder schon mit drei Jahren gefördert werden und gegebenenfalls Deutsch lernen können. "Bei uns werden zu viele schulpflichtige Kinder angemeldet, die noch nicht schulreif sind. Einige hatten noch nie einen Stift in der Hand!", schildert sie Defizite, mit denen ihre Schule zu kämpfen hat.

Die Schulleiterin meint, es gebe höchstens zehn vergleichbare Brennpunktschulen im Saarland. Auf diese Schulen müsse besonderes Augenmerk gerichtet werden, sie müssten vorrangig unterstützt werden. Lehrer, die hier überdurchschnittlich engagiert arbeiten, sollten wegen der vielen Zusatzaufgaben weniger unterrichten müssen.

Um einen falschen Eindruck zu vermeiden, legt Kremp Wert auf die Feststellung, dass die Bandbreite der Schüler an der Bachschule weit gefasst ist. Sie reiche vom lernbehinderten bis zum hochbegabten Schüler, und alle würden entsprechend ihrer Fähigkeiten gefördert. Aber die Probleme mit verhaltensauffälligen, gewaltbereiten Schülern nähmen zu und dürften nicht verschwiegen werden. Kremp dankt in diesem Zusammenhang ausdrücklich für die Unterstützung durch die Stadt Neunkirchern und die zugesagte Hilfe durch die neue Landrätin. "Kinder wachsen, unbemerkt von der Öffentlichkeit, in einer Parallel-

gesellschaft heran."

Ulrike Kremp

"Eine Vorladung zur Polizei ohne weitere Konsequenzen

reicht nicht aus."

Ulrike Kremp

"Einige Kinder, die zur Einschulung angemeldet werden, hatten noch nie einen Stift in der Hand."

Die Gewaltbereitschaft im Umfeld von Schulen ist nach Beobachtung vieler Pädagogen gestiegen. Foto: Archiv.

Ulrike Kremp, Leiterin der Neunkircher Bachschule