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Wenn Eier, Milch oder Nüsse giftig sind Ist das nun Allergie oder Unverträglichkeit?

Wenn Eier, Milch oder Nüsse giftig sind Ist das nun Allergie oder Unverträglichkeit?

Saarlouis. Rote, juckende Flecken auf der Haut, geschwollene Lippen oder ständiges Bauchweh nach dem Essen? Daran kann eine Nahrungsmittelallergie schuld sein. Bemerken Eltern bei ihrem Kind eine solche Reaktion, sollten sie das bald mit dem Kinderarzt besprechen. Dieser führt selbst einen Allergietest durch oder überweist das Kind an einen Allergologen

Saarlouis. Rote, juckende Flecken auf der Haut, geschwollene Lippen oder ständiges Bauchweh nach dem Essen? Daran kann eine Nahrungsmittelallergie schuld sein. Bemerken Eltern bei ihrem Kind eine solche Reaktion, sollten sie das bald mit dem Kinderarzt besprechen. Dieser führt selbst einen Allergietest durch oder überweist das Kind an einen Allergologen.Bei den komplizierteren Fällen kommt Dr. Gero Birnbach, Oberarzt am Marienhaus-Klinikum St. Elisabeth, ins Spiel. Seine kleinen Patienten kommen meistens mit einer Neurodermitis zu ihm. Bei dieser Hauterkrankung entwickeln etwa 30 Prozent der Kinder auch eine Nahrungsmittelallergie.

Gute Heilungschancen

"Viele Eltern fürchten aber, dass ihr Kind eine Allergie hat", erklärt Dr. Birnbach. Eine ganze Reihe von Eltern komme zu ihm, die von "irgendwelchen Heilern" verunsichert und zu meist nicht sinnvollen Diäten überredet worden sind. Viele von ihnen kann der Oberarzt beruhigen: "Das Kind hat meist gar keine Allergie." Und selbst die, die eine haben, kann er beruhigen: "Denn Allergien haben eine exzellente Prognose." Über 90 Prozent der Kinder verlieren ihre Nahrungsmittel-Allergie bis zum Schulalter. Aber auch bei Jugendlichen und Erwachsenen können Allergien noch neu entstehen; meist sind das so genannte Kreuzallergien bei Heuschnupfen.

Stellt sich eine Allergie heraus (siehe unten), werden die Eltern von Fachleuten geschult, bei der Ernährung beraten und mit Notfallmedikamenten ausgestattet.

Die Auslöser vermeiden

Der Arzt spricht immer eine so genannte Karenzempfehlung aus, das heißt, der Auslöser der Allergie muss unbedingt vermieden werden. Je schwerer das Kind reagiert hat, desto länger dauert diese Karenzzeit. Wichtig: Es besteht kein Zusammenhang zwischen dieser Vermeidungsstrategie und der Heilungschance, erklärt Birnbach. "Diese Vermeidung macht man nur, damit das Kind nicht noch mehr leidet oder gefährdet wird."

Ist die festgesetzte Zeit ohne Kontakte zu dem Allergen verstrichen, wird mit kleinen Mengen, zunächst an der Haut, getestet, ob das Kind immer noch sensibel ist. Danach folgt meist bei einem entsprechenden Risiko eine vorsichtige Provokation unter stationären Bedingungen. "Das ist nichts, was man zu Hause machen darf", warnt Birnbach aber ausdrücklich.

Eltern können vorbeugen

Zwar steigt die Zahl der Allergien seit Jahren stetig an, aber es gibt Möglichkeiten, ihnen vorzubeugen. Mütter sollten ihre Babys mindestens vier Monate lang voll stillen. Risikokinder sollten unbedingt gestillt werden; ist das nicht möglich, sollten sie mit hypoallergener Nahrung (HA-Nahrung) gefüttert werden. Risikokinder sind alle, die familiär vorbelastet sind, weil ein Elternteil oder ein Geschwister Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis hat.

Neue Wege bei der Beikost

Bekommt das Baby Beikost, frühestens ab dem fünften Lebensmonat, sollten langsam möglichst viele verschiedene Nahrungsmittel eingeführt werden. "Hier fand ein Paradigmenwechsel statt", erklärt Birnbach, "früher hieß es, man soll allergene Stoffe möglichst lange vermeiden, heute weiß man aber, dass es im 5. und 6. Lebensmonat eine Phase gibt, in der sich durch Ernährung mit vielen verschiedenen Nahrungsmitteln, also Gemüse, Obst und Fleisch, auch Fisch und Getreide, eine Toleranz aktiv entwickelt."

Toleranz aktiv fördern

Insbesondere bei Weizen und Fisch habe sich das gezeigt. Nur Hühnerei, Nüsse und Erdnüsse sollten nach jetzigem Stand im ersten Lebensjahr vermieden werden. "Toleranz fördern ist heute das Motto, früher hieß es Allergien vermeiden", fasst der Mediziner zusammen.

Um Allergien ihrer Kinder vorzubeugen, können Eltern noch mehr tun: Wichtig ist eine rauchfreie Umgebung, aber auch ein allergie-arme Wohnung (keine Katze, Schimmel und Hausstaubmilben vermeiden). Übergewicht erhöht ebenfalls das Risiko für Allergien. Auch Impfungen beugen Allergien vor, weil sie Krankheiten vermeiden, die den Körper anfälliger machen würden. Saarlouis. Ein Facharzt muss abzuklären, ob eine Allergie oder eine nichtallergische Unverträglichkeit (Intoleranz / Pseudoallergie) vorliegt. Bei Kindern kommt eine Allergie viel häufiger vor als eine Unverträglichkeit, bei Erwachsenen ist es umgekehrt.

Bei einer Allergie reagiert der Körper in der Regel schon während des Essens oder unmittelbar danach, bereits bei kleinsten Mengen, mit der Haut (juckender Ausschlag, Schwellungen im Gesicht), mit dem Darm (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall), mit den Atemwegen (Atemnot, Husten, Schnupfen, Augenreizung) oder sogar mit einem lebensbedrohlichen allergischen Schock. Eine Allergie wird aber nie beim Erstkontakt mit einem Lebensmittel ausgelöst.

Bei einer nicht-allergischen Unverträglichkeit ist die Reaktion meist harmloser und kann auch - je nach Auslöser - mehrere Stunden verzögert auftreten. Sie ist zudem individuell verschieden und hängt von der Dosis ab: Bei einer Laktose-Intoleranz etwa, der häufigsten Unverträglichkeit, kann der eine Patient ohne Beschwerden einen halben Joghurt essen, für den anderen kann diese Menge schon zu viel sein. Der Körper reagiert meist mit Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall. Die Reaktionen können aber auch sehr gefährlich werden, wenn etwa Asthma oder Kreislaufreaktionen ausgelöst werden.

Bei einer Allergie ist es wichtig, dass der Auslöser streng gemieden wird; bei einer Unverträglichkeit kann es ausreichen, wenn er reduziert wird.

Mit einem Allergietest (Prick-Test oder Bluttest) können zwar Allergien ausgeschlossen oder bestätigt werden, eine Unverträglichkeit kann aber hierdurch nicht nachgewiesen werden. Oft haben die Eltern oder der Arzt auch schon einen Verdacht, was der Auslöser sein könnte.

Bei einer nichtallergischen Nahrungsmittel-Unverträglichkeit ist es mitunter notwendig, aufwändige Protokolle über die Ernährung und die Beschwerden auszuwerten, um herauszufinden, welche Stoffe die Beschwerden verursachen können; anschließend wird eine gezielte Provokation durchgeführt. nic

Info

Häufige Allergien:

Die häufigsten Lebensmittel-Allergien bei Kindern finden sich gegenüber Kuhmilch, Hühnerei, Weizen, Soja, Nuss (inklusive Erdnuss als Hülsenfrucht) und Fisch. Aber Birnbach kennt aus der Praxis auch Raritäten wie Allergien gegen Lammfleisch oder Sesam. "Aber das ist total selten."

Dass ein Kind gleich mehrere Nahrungsmittel-Allergien hat, kommt ebenfalls sehr selten vor, nur drei Prozent haben gleich zwei Allergien. nic

Zur Person

Dr. Gero Birnbach ist Oberarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin am Marienhaus-Klinikum St. Elisabeth in Saarlouis.

Seit 16 Jahren arbeitet der Allergologe, Kinder-Pneumologe und Neonatologe in Saarlouis, er leitet das Asthma- und Neurodermitiszentrum Saarlouis.

Der 46-jährige Mediziner lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Rehlingen. nic