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Arm und Reich
Wenn die soziale Spaltung immer weiter wächst

Auch Saarbrücken hat Armutsbrennpunkte: Die Folsterhöhe, wo vergleichsweise viele einkommensschwache Menschen leben, gehört dazu.
Auch Saarbrücken hat Armutsbrennpunkte: Die Folsterhöhe, wo vergleichsweise viele einkommensschwache Menschen leben, gehört dazu. FOTO: Ingeborg Besch
Saarbrücken. Eine neue Studie zeigt, dass deutsche Großstädte zunehmend Sozialinseln gleichen: hier Viertel für Ärmere, dort Quartiere für Gutsituierte. Die Befunde bergen einigen Sprengstoff – auch für Saarbrücken. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Armut hat in Saarbrücken feste Adressen: Malstatt, Burbach, Wackenberg oder Folsterhöhe. Nicht jeder lebt dort am Existenzminimum, doch mehr als sonstwo. Vermögende wohnen am Rotenbühl oder Triller, natürlich nicht alle in Villen mit zwei, drei dicken Autos. Unterm Strich aber zementiert dies eine Zweiteilung: hier Arme, dort Reiche. Je nach Mittelstandsquote sind die Sozialinseln mehr oder minder stark ausgestanzt.


Die Ghettobildung und damit soziale Spaltung nimmt generell in Deutschland immer mehr zu – zu diesem Befund kommt eine neue Studie des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung (WZB), die die Wohnsituation in 74 deutschen Städten über zehn Jahre hinweg ausgewertet hat. Arme und Reiche wohnen immer seltener in denselben Quartieren, wobei die „soziale Segregation“ (ungleiche Verteilung von Bevölkerungsgruppen) in einigen ostdeutschen Städten „US-amerikanische Ausmaße“ (O-Ton der Studie) angenommen hat. Wie in den USA werden Arme dort zusehends in sozial abgehängten Distrikten konzentriert.

Fast alle Großstädte mit mehr als 100 000 Einwohnern (darunter auch die alarmierend schlecht abschneidende saarländische Landeshauptstadt) wurden für die Studie unter dem Titel „Wie brüchig ist die soziale Architektur unserer Städte?“ im Zeitraum 2005 bis 2014 untersucht – auf Basis amtlicher Daten des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Die Ergebnisse der 200-seitigen Studie sind, gelinde gesagt, ernüchternd. Sie belegen, dass sich vielerorts immer deutlicher (abhängig von Einkommen, Bildungsstand und Beruf) „Polarisierungslinien“ ausprägen. Während die Bessersituierten im Grünen unter Ihresgleichen wohnen, geraten die zusehends an die Stadtränder abgedrängten Hartz-IVler und Geringverdiener in eine Abwärtsspirale, aus der auch ihre Nachkommen kaum herausfinden. Nach dem Motto: Sag’ mir, wo Du wohnst, und ich sage Dir, was aus Dir mal wird.



Besonders zwei Altersgruppen sind betroffen: „Für die 15- bis 29-Jährigen und die ab 65-Jährigen ist in den letzten Jahren ein deutlicher Anstieg der Segregation zu verzeichnen“, so die Studie. Die Ausgrenzung Älterer nahm im Erhebungszeitraum 2005 bis 2014 deutschlandweit um 15 Prozent zu, die der 15- bis 29-Jährigen schoss um 29 Prozent in die Höhe. Junge, zumal Studenten, ziehen also immer häufiger in dieselben Bezirke.

Zu den Städten mit der bundesweit massivsten sozialen Ungleichverteilung gehört Saarbrücken. Nach den Berechnungen der Studie landet die Landeshauptstadt im gesamtdeutschen Negativ-Ranking auf Platz 12. Nicht zuletzt deshalb, weil in keiner anderen westdeutschen Großstadt mehr Kinder unter 15 Jahren stärker als in Saarbrücken in Vierteln aufwachsen, „in denen über 30 bzw. 50 Prozent aller Kinder arm sind“. Stadtviertel, in denen eine soziale Mischung fehle, hätten negative „Nachbarschaftseffekte auf Bildung, aber auch Gesundheit und Devianz“, sprich Verhaltensauffälligkeiten, warnen die Autoren der Studie. „Es ist davon auszugehen, dass sich die Zukunftschancen der Kinder durch die soziale Segregation in den Städten zunehmend polarisieren“, schlussfolgern sie. Häufig verschärfe sich die sozialräumliche Spaltung insbesondere in den Städten, in denen diese sowieso ausgeprägt sei.

Sieht man sich an, wo und vor allem für wen in Saarbrücken derzeit neue Wohngebiete entstehen, zeigt sich: Sozialer Wohnungsbau ist nicht darunter. Schon gar nicht dort, wo er eigentlich räumlich angesiedelt werden müsste, um einem weiteren Auseinanderdriften der Stadtbevölkerung entgegenzuwirken: in vergleichsweise gutsituierten Wohngebieten. Ob das Neubaugebiet am Franzenbrunnen (Hohe Wacht), das ehemalige Citroen-Gelände vis à vis des Landwehrplatzes, die Bebauung des alten Röchling Parks am Triller oder das mittelfristig neben dem Neubau der Zentralen Polizeiinspektion in Höhe der Mainzer Straße geplante Wohncarrée: Nirgendwo entstehen hier Sozialbauten. Saarbrücken fällt mit dieser an Investoreninteressen ausgerichteten Wohnungsbaupolitik, die Mittelstandsfamilien im Fokus hat, nicht einmal aus dem üblichen bundesdeutschen Raster heraus. Nur wenige Großstädte betreiben (wie etwa München, Hamburg, Stuttgart) ansatzweise eine stärkere Durchmischung ihrer Wohnbevölkerungen.

Interessant ist ein weiterer Befund: Die deutschen Städte sind eher sozial als ethnisch gespalten. Auch wenn der Erhebungszeitraum der Studie 2014 endet und sie mithin den großen Flüchtlingsschub der Jahre 2015 und 2016 unberücksichtigt lässt, finden die Autoren für die Dekade 2005-2014 keine stichhaltigen Indizien, denenzufolge ausländische Mitbürger im Sinne der oft behaupteten Ausbildung von Parallelgesellschaften unter Migranten überwiegend in bestimmten Stadtteilen konzentriert leben. Während bis in die 90er die Ausgrenzung von Ausländern („ethnische Segregation“) stärker war als die von Armen, so hat sich dies der WZB-Studie zufolge seit Mitte der Nullerjahre umgekehrt. Während man für Westdeutschland nur einen „moderaten Anstieg“ der klassischen Armen-Reviere konstatiert, nahmen diese im Osten (sieht man von Dresden, Magdeburg und Cottbus ab, wo die typischen Plattenbausiedlungen für Ärmere stärker über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind) rasant zu.

Was aber sind die Gründe für diesen Abschied vom Ideal der sozial durchmischten Stadt? Auf Seiten Bessersituierter wirken sich Gentrifizierungsprozesse und Strategien bildungsbewusster Eltern aus, Wohnorte anhand eines „standesgemäßen“ Umfeldes (maßgeblich mit Blick auf Schulen!) auszuwählen. Am unteren Ende der sozialen Leiter spielen negative Fahrstuhleffekte (das Absinken früherer Arbeiter- zu Arbeitslosenbezirken) und der Rückzug des Staates aus dem sozialen Wohnungsbau eine maßgebliche Rolle.

Politische Folgen streift die Studie auch. Zwei Aspekte werden betont: 1) Da sich der Fokus der Wohnungspolitik von der Objektförderung (Sozialer Wohnungsbau) auf die Subjektförderung (Wohngeld) verlagert hat, gehe die Entwicklung „weg vom Ideal des bezahlbaren Wohnraums in der gesamten Stadt hin zur Schaffung bzw. Erhaltung bezahlbaren Wohnraums – egal wo“. 2) Mit Blick auf die besonders im Osten rasant gewachsene Wohnraum-Polarisierung vermuten die Autoren, dass dies eine politische Polarisierung begünstigte und damit womöglich ein Erstarken der AfD. Nicht nur hier zeigt sich, wie viel Sprengstoff die Studie hat.