1. Saarland

Wenn der Muezzin seine Stimme erhebt

Wenn der Muezzin seine Stimme erhebt

Über der tristen Milchglastür am Ende des schmucklosen Hofs prangt ein Schriftzug auf Arabisch. Ansonsten ist kaum zu erahnen, dass dieses ehemalige Reifenlager für Merziger Muslime eine besondere Bedeutung hat. Die Moschee an der Kleinbahn kommt ohne Kuppel und Minarett aus - jenen typischen Turm, der Gläubige schon von Weitem auf islamische Gotteshäuser hinweisen soll

Über der tristen Milchglastür am Ende des schmucklosen Hofs prangt ein Schriftzug auf Arabisch. Ansonsten ist kaum zu erahnen, dass dieses ehemalige Reifenlager für Merziger Muslime eine besondere Bedeutung hat. Die Moschee an der Kleinbahn kommt ohne Kuppel und Minarett aus - jenen typischen Turm, der Gläubige schon von Weitem auf islamische Gotteshäuser hinweisen soll."Wir können uns hier nicht den Luxus erlauben, Moscheen optimal zu bauen", lässt Hamim Sahin wissen, ein freundlicher Mann in schickem Anzug. Der 44-jährige gebürtige Merziger ist stellvertretender Vorsitzender von ditib Saarland, dem Trägerverband türkischer Moscheen.

Als beglaubigter Übersetzer ist er auch für Moscheeführungen ausgebildet. "Die Baustruktur ist nicht das Wichtigste. Zentral für uns ist, dass wir unser Gebet machen können." Sich betend an Allah zu wenden, ist ein Grundpfeiler des Islam, jeder Muslim soll das fünfmal am Tag tun - "wenn er geistig und körperlich gesund ist", wie Sahin ergänzt. Grundsätzlich ist Muslimen freigestellt, wo sie ihren Gott anrufen, doch Moscheen sind der bevorzugte Ort dafür.

Im Flur hinter der Milchglastür stehen allerlei Schuhe herum, sie sind im Gebetsraum nicht gestattet. Allmählich finden sich im sakralen Zentrum der Moschee Gläubige zum Freitagsgebet ein. Ein weinroter, gemusterter Teppich erstreckt sich über den gesamten Fußboden. Filigran gestaltete Kacheln, rot und weiß, blau und grün schimmernd, zieren die Wände. Mangels staatlicher Gelder hat die Gemeinde das Inventar aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanziert. Doch unterm Strich "ist das Wichtigste die Gemeinde, ohne sie wäre der Rest nutzlos", ist sich der Mann im Anzug sicher.

In der Mitte der vorderen Wand ist eine Gebetsnische (Mikrap) eingelassen, laut Sahin "die wichtigste Stelle in der Moschee". Der Koran verbietet es muslimischen Gläubigen, sich ein Bild von Allah oder dem Propheten Mohammed zu machen, doch deren Namen sind in blauen Kalligrafien an den Wänden verewigt.

Gegen 14.30 Uhr erhebt der Vorbeter, der Muezzin, seine Stimme. Ungewohnte Tonfolgen, voller Inbrunst vorgetragen, hallen durch den reich verzierten Gebetsraum. Von Schulkindern bis hin zu Hochbetagten sind - männliche - Muslime aller Altersgruppen vertreten.

Durch die schlichte Holztür kommen immer wieder Gläubige herein. In christlichen Gotteshäusern ruft Unpünktlichkeit mürrische Blicke hervor, für Muslime ist die Verspätung teils nicht zu vermeiden: Der Freitag als ihr Gebetstag ist in Deutschland fast immer ein "normaler" Arbeitstag, mancher schafft es daher nicht pünktlich oder kann gar nicht zum Freitagsgebet kommen. Ein Problem? "Der Islam toleriert vieles", antwortet Hamim Sahin entspannt.

Wer sich dazu gesellt, kniet nieder, wo gerade Platz ist. Die Verspäteten scheinen sofort zu wissen, wie weit das religiöse Prozedere fortgeschritten ist, sind von jetzt auf gleich ein Teil der betenden Gemeinschaft. Die Stimme des Muezzins senkt sich, plötzlich stehen alle im Raum auf. Sie beten nun gemeinsam gen Südosten, in Richtung Mekka, wo das bedeutendste Heiligtum des Islam steht, "damit alle Herzen auf einen Punkt gerichtet sind", wie ein Mann flüsternd erläutert. "Wende dein Gesicht in Richtung der heiligen Moschee", mahnt eine kunstvolle arabische Kalligrafie über der Gebetsnische die Gläubigen.

Dann gehen sie auf die Knie, beten gemeinsam, erheben sich und bücken sich wieder. Im ersten Teil des Pflichtgebets ist jedem freigestellt, wo er Platz nimmt. Danach stehen alle in geordneten Bahnen nebeneinander, akkurat aufgereiht wie die Glieder einer Perlenkette. Und immer wieder eine auffällige Geste: Vor dem Gebet halten die Muslime ihre geöffneten Handflächen hinter die Ohrmuscheln. Die Ohren für Allah aufsperren? Weit gefehlt. "Das bedeutet, dass man alles Weltliche hinter sich lässt", erklärt einer die symbolische Gebärde.

Schließlich betritt der Imam - der Prediger - einen mehrstufigen Aufgang in der rechten vorderen Ecke des Raumes. Der Prediger heißt Seyyit Sahin, ein 17-Jähriger mit spärlichem Bartwuchs, der in Deutschland aufgewachsen ist. Seyyit wurde, gemeinsam mit anderen Jugendlichen aus der Gemeinde, ausgebildet, um den Imam zu vertreten. Der ist gerade im Urlaub.

Durch sein strahlend weißes Gewand und die Kopfbedeckung hebt sich der Aushilfs-Imam optisch von allen anderen ab und steht - ähnlich einem Pfarrer auf der Kanzel - höher als die Gemeinde.

Viele Imame werden auf Kosten des türkischen Staats in der Türkei ausgebildet und dann als Staatsbedienstete nach Deutschland geschickt, um zu predigen. Kritiker bemängeln, dass diese Imame der deutschen Sprache häufig nicht mächtig seien und wenig über die Lebensumstände von Muslimen in Deutschland wüssten.

Der jugendliche Imam in Merzig predigt auf Türkisch, die meisten der 67 Gemeindemitglieder haben ihre Wurzeln in Kleinasien. Daneben gehören unter anderem einige gebürtige Kosovo-Albaner dazu.

Mir ruhiger Stimme liest der Prediger von einem kleinen Zettel ab. Anlass ist das islamische Opferfest, es geht um Solidarität und Almosen. "Der beste Mensch ist der, der den Menschen dient. Der beste Besitz ist der, der im Dienste Allahs eingesetzt wird", formuliert der Imam. Laut islamischer Überlieferung gehört es zu den "fünf Säulen des Islam", 2,5 Prozent des Überschusses eines Haushalts zu spenden. Weitere Säulen sind das Glaubensbekenntnis, das Gebet, das Fasten im Fastenmonat Ramadan und die einmalige Pilgerfahrt nach Mekka. Muslime vertrauen darauf, dass Allah diese Taten und Bekenntnisse in seiner "ewigen Buchführung" würdigen und einst im Jenseits belohnen wird.

Auffällig ist der sechskantige, schwarz glänzende Steinblock, aus dem Wasserhähne herausragen und der sich einige Meter vom Gebetsraum entfernt befindet. Hier waschen sich die Muslime vor dem Gebet, der Koran gibt auch für diesen Ritus detaillierte Regeln vor. "Die Finger müssen ganz gereinigt werden", sagt ditib-Stellvertreter Sahin, außerdem ist vorgeschrieben, Nase und Mund je dreimal auszuspülen, den Kopf anzufeuchten und die Füße bis zum Knöchel zu waschen. Wichtig ist vor allem, dass der betende Muslim "unbefleckt ist", also keinerlei Körperflüssigkeit auf seiner Haut hat.

Mindestens 40 Schritte sollen Muslime gewaschen zurücklegen, bis sie den Gebetsraum betreten. Der Schritt über die Türschwelle markiert "einen Punkt, wo man seine Würde ganz hinter sich schmeißt und sich Gott ganz hingibt", erläutert der Moscheeführer.

Muslimische Frauen dürfen diese Hingabe nicht im Gebetsraum zeigen, er ist für sie Tabu. Eine religiöse Ungleichbehandlung, die Männer davon abhalten soll, sich von der Zwiesprache mit Allah ablenken zu lassen.

Muslima leben in Deutschland ohnehin in einem Zwiespalt, dürfen einerseits aus religiöser Sicht keine Haut zeigen und wachsen andererseits in einer relativ offenen westlichen Gesellschaft auf. Sahin hat seine ganz eigene Sicht darauf: "Wir können nicht von unseren Traditionen abkommen, sondern müssen Gemeinsamkeiten finden." Für seine Töchter sei das ganz selbstverständlich. Eine von ihnen wird gerade zur Islamlehrerin ausgebildet, die Perspektiven sind jedoch beschränkt: Sie könne danach organisatorisch tätig sein oder Frauen unterrichten, sagt ihr Vater.

Ihm und der ditib gehe es insgesamt darum, gleichbehandelt zu werden: "Wir leben seit den 1960ern hier, früher waren wir Gäste, jetzt sind wir ein Teil des Staats. Wir fühlen uns hier zu Hause und wollen friedlich zusammenleben."

"Unsere Tür steht immer offen", und wegen Moscheeführungen könne man sich gern an die Gemeinde wenden, wirbt Sahin. Andere Menschen zu missionieren, sei im Islam verboten. "Aber wenn jemand Interesse hat, dann haben wir die Pflicht, unsere Türen und Herzen zu öffnen."

Die Gebete neigen sich dem Ende zu. Allmählich schlüpfen die Muslime wieder in ihre Jacken, verlassen den Gebetsraum und ziehen die Schuhe an. Noch ein kurzer Plausch, dann schlendern sie über den grauen Hinterhof zurück nach Hause. Zurück in den Alltag jenseits des alten Reifenlagers.

Kontakt: Ansprechpartner für Moscheebesuche in Merzig ist der Gemeindevorsitzende Murat Günez, Tel. (01 60) 95 73 81 45.

Stichwort

Die türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion (türkische Abkürzung: ditib) wurde 1984 gegründet und ist ein eingetragener Verein, der in vielen Bundesländern Landesverbände unterhält; ditib gehört dem deutschen Koordinierungsrat der Muslime an und ist für die Belange türkisch-muslimischer Moscheegemeinden in Deutschland zuständig. Mit der türkischen Regierung arbeitet der Verein eng zusammen: Die Türkei entsendet ausgebildete Imame nach Deutschland und kommt für die Kosten auf. Der Verein ist auch Bauherr der Moschee in Köln-Ehrenfeld, des größten muslimischen Gotteshauses in Deutschland.

Das saarländische Sozialministerium nennt ditib Saarland auf SZ-Anfrage einen "verlässlichen Partner", der als Bindeglied zwischen den Mitgliedern und dem Land gut mit der Landesregierung zusammenarbeite und "gegen jegliche Form von Radikalismus" stehe.

Imam Seyyid Sahin predigt über Solidarität und Almosen.
Hamim Sahin bei der rituellen Waschung vor dem Gebet.
Von Schulkindern bis hin zu Hochbetagten sind beim Freitagsgebet in der Merziger Moschee alle Altersgruppen vertreten. Fotos: Jonas Wissner
Imam Seyyid Sahin predigt über Solidarität und Almosen.
Hamim Sahin bei der rituellen Waschung vor dem Gebet.

Als Religionsgemeinschaft ist ditib in Deutschland bislang nicht anerkannt, bemüht sich aber darum; laut Sozialministerium hat eine juristische Prüfung der Erfolgsaussichten bislang nicht stattgefunden. jow