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Weniger Behinderte sollen in Werkstätten arbeiten

Weniger Behinderte sollen in Werkstätten arbeiten

Saarbrücken. Das Otto-Blume-Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) hat das Sozialministerium aufgefordert, dafür zu sorgen, dass weniger Behinderte in Werkstätten und Heimen untergebracht werden. Das geht aus einem der SZ vorliegenden Entwurf des ISG für einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenkonvention hervor

Saarbrücken. Das Otto-Blume-Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) hat das Sozialministerium aufgefordert, dafür zu sorgen, dass weniger Behinderte in Werkstätten und Heimen untergebracht werden. Das geht aus einem der SZ vorliegenden Entwurf des ISG für einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenkonvention hervor. Das Ministerium hatte das ISG selbst damit beauftragt.Das Institut fordert, das Angebot an ambulanten Hilfen zum Wohnen für Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung "mit hoher Priorität auszubauen". Das Angebot an Heimplätzen für seelisch behinderte Menschen müsse verringert, das für geistig und körperlich behinderte Menschen dürfe nicht mehr weiter ausgebaut werden.

Es sei "systematisch zu prüfen, inwieweit Hilfeempfänger, die bislang in stationären Einrichtungen wohnen, in ambulante Hilfeformen überwechseln können". Erfahrungen zeigten, dass bis zu 20 Prozent der in der Vergangenheit in stationären Wohneinrichtungen aufgenommenen Bewohner "auch mit ambulanter Betreuung leben könnten".

Darüber hinaus appelliert das ISG an das Sozialministerium, seine Bemühungen zur Integration von Schwerbehinderten in den Arbeitsmarkt zu verstärken. Es verweist darauf, dass die Zahl der Werkstattbeschäftigten im Saarland seit 2000 bis Ende 2009 um 25 Prozent auf 3346 Personen gestiegen sei. Ein Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gelinge nur 0,3 bis 0,4 Prozent aller Werkstattbeschäftigten.

Im Einzelnen verlangt das ISG, den "Automatismus des Übergangs (. . .) aus den Förderschulen in die Werkstätten" zu unterbrechen. Es sei zu prüfen, inwieweit die Integrationsfachdienste Schulabgänger besser unterstützen können. Die Aufnahme einer außerbetrieblichen Ausbildung in Berufsbildungswerken sollte für Jugendliche mit schweren Behinderungen erleichtert werden.

Zugleich müsse man die Kapazitäten von Integrationsprojekten ausbauen, ebenso das Angebot an ausgelagerten Werkstattplätzen, um den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu erleichtern, fordert das ISG. Außerdem pocht das Institut darauf, die Anreize für die Behinderten-Werkstätten so zu gestalten, dass sie einen Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt fördern.

Ferner empfiehlt das ISG, "die gute Versorgung mit Leistungen der Frühförderung" - also im Vorschulalter - "beizubehalten". Zu den jüngsten Bemühungen der Landesregierung, Einsparpotenziale bei den Integrationshelfern an Schulen auszuloten, äußert sich das Institut nicht. nof

Meinung

Unvollständiger Aktionsplan

Von SZ-RedakteurNorbert Freund

Es ist schon erstaunlich: Da spart die Saar-Regierung bei der Frühförderung und den Integrationshelfern. Und ein Institut, das ein Konzept zur Umsetzung der UN-Behindertenkonvention entwerfen soll, setzt sich damit noch nicht einmal auseinander. Ebenso verwunderlich ist, dass die Autoren des Entwurfs im Kapitel Arbeit mit keiner Silbe auf das Dauerärgernis eingehen, dass sich viele Unternehmen von ihrer Pflicht zur Beschäftigung Behinderter mit lächerlich geringen Ausgleichszahlungen freikaufen. Genau hier müsste der Gesetzgeber ansetzen. Er müsste private und öffentliche Arbeitgeber dazu zwingen, ihrer Beschäftigungspflicht nachzukommen.