Weltkulturerbe-Forschungen: NS-Zwangsarbeiter in der Hütte

NS-Mahnmal : Die „Sklavenarbeit“ in der Völklinger Hütte

Die Historikerin Inge Plettenberg hat die Lage der NS-Zwangsarbeiter in der Völklinger Hütte genauer erforscht. Über 12 000 Menschen mussten während des Krieges dort schuften.

. Tatjana W. war 91, als sie 2017 auf der Karolinger Brücke in Völklingen durch einen Unfall starb. 75 Jahre hat sie in der Stadt verbracht, mit einem deutschen Mann, der sich nach dem Krieg scheiden ließ. Wegen ihr, einem Zwangsarbeitermädchen aus der Ukraine, das er in der Völklinger Hütte kennen gelernt hatte. 1987 konnte die Saarbrücker Historikerin Inge Plettenberg Tatjana interviewen. Sie erfuhr von ihr damals das, was ähnlich auch in schriftlichen Dokumenten stand: „Die Deutschen waren gut zu uns.“ Das ist wahrlich nicht die ganze, aber es ist eine von diversen irritierenden Wahrheiten der NS-Zwangsarbeiterforschung für die Röchlingschen Eisen- und Stahlwerke (RESW).

2014 gab es dazu im Weltkulturerbe Völklinger Hütte eine Ringvorlesung. Plettenberg komplettiert alle gewonnenen Erkenntnisse nun durch eine noch umfassendere Publikation. Sie wird am 31. Oktober zeitgleich mit dem Zwangsarbeiter-Mahnmal in der Sinteranlage von Christian Boltanski vorgestellt. Neue Sensationen? Keine. Aber erstmals korrekte Zahlen. Laut Plettenberg stellten 1944 ausländische Kräfte (5711) mehr als ein Drittel der Röchlingschen Belegschaft (15 058). Die ersten waren 1942 gekommen, bis Kriegsende waren es 12 332, davon rund 4600 Frauen. 234 dieser Menschen überlebten ihre Völklinger Zeit nicht, das sind rund 1,9 Prozent.

 Zahlen, Statistiken, aber welche Schicksale stehen dahinter? Das kollektive Gedächtnis hält dafür standardisierte Begriffe und Bilder bereit: ausgebeutet, geschunden und geschlagen, eben: „Vernichtung durch Arbeit“, wie für die Konzentrationslager angeordnet. Doch die 16 Millionen Fremdarbeiter, die der NS-Industrie die an der Front verheizten deutschen Arbeiter ersetzten, hatten eine eigene Leidensgeschichte. „Sie war nicht weniger schrecklich, aber anders, als die meisten von uns sie sich vorstellen“, so Plettenberg. Denn unter anderem hatte der Generalbevollmächtigte für Fremdarbeit, Fritz Sauckel, unter dem Motto „Auch eine Maschine braucht Wartung“ Misshandlungen untersagt, auch Disziplinierung durch Nahrungsentzug. Damals schon war Papier wohl geduldig. Plettenberg fand heraus, dass 14 Männer vom Werksschutz wegen Prügelns aktenkundig wurden. Und Plettenberg hält fest: „Auch die Zwangsarbeiter wurden einem rassistischen Diskriminierungssystem unterworfen“. Polen und Russen standen am Ende der Entrechtungs-Kette.

Plettenberg berichtet, dass sie den Todesursachen auf den Sterbeurkunden mit „Skepsis“ und viel detektivischem Spürsinn begegnet sei. „Zu Tode geprügelt oder verhungert steht da schließlich nirgends“. Doch wenn ein 58-Jähriger an „Altersschwäche“ sterbe und junge Männer an „Herzinsuffizienz“, dann dürfe man wohl die „Sklavenarbeit“ dafür verantwortlich machen. Sechs Menschen wählten zudem den Freitod. Doch wie genau sahen die Lebensumstände aus? „Ein authentisches Bild gibt das uns zugängliche Material nicht her“, so Plettenberg. Fest steht, dass sowohl für Deutsche wie für Zwangsarbeiter im „Totalen Krieg“ die Kontingentierung und Verknappung alles Lebensnotwendigen und die 60-Stunden-Woche galten. Gearbeitet wurde gemeinsam. In den Kantinen und in den Massenunterkünften blieben die Fremden unter sich. Rund 180 waren laut Plettenberg, meist in einer Baracke untergebracht. Dort sollte es für jeden Arbeiter sieben Kubikmeter „Raum zum Atmen“ geben, und die Betten mussten „eine Stuhlbreite“ voneinander entfernt stehen. Die Zivilarbeiter-Lager wurden von der Deutschen Arbeitsfront mit Gestapo-Führung regiert, die Kriegsgefangenen wiederum unterstanden der Wehrmacht, zusätzlich gab es noch einen von Röchling organisierten Werksschutz. Laut Plettenberg herrschte zwischen all diesen Stellen ein Kompetenz-Krieg, in dem beispielsweise Hermann Röchling (1872-1955) nicht annähernd so viel Gestaltungsmacht hatte wie man ihm gemeinhin andichtet. Der später als Kriegsverbrecher verurteilte Unternehmenschef sei vor Ort weit weniger präsent gewesen als dessen Schwiegersohn Hans-Lothar von Gemmingen. „Meine Forschungen erlauben, die Verantwortlichkeiten klarer zu fassen“, so Plettenberg.

Eine der wenigen Aufnahmen von serbischen und sowjetischen Zwangsarbeitern der Röchling-Werke, wohl aus dem Jahr 1941 oder 1942. Foto: Saarstahl AG

 Das besitzt Sprengkraft. Wer in dem seit Jahren andauernden Streit um den vermeintlich Hauptschuldigen Hermann Röchling Differenzierungen liefert, steht schnell unter Entlastungs-Verdacht im Dienste der Familie Röchling. Plettenberg hat Verständnis für das heiße Herz, das viele bei diesem Thema mitbringen. Ihr selbst sei jedoch „im Laufe der Jahrzehnte die Empörung abhanden gekommen“. Die Wissbegier nicht. Selbst nach ihrer jüngsten Fleißarbeit blieben unausgeleuchtete Flecken. Beispielsweise wäre nach Einschätzung Plettenbergs das Thema Profit durch Zwangsarbeiter eine eigene Forschungsarbeit wert. Wobei auch sie schon Modellrechnungen angestellt hat. Grob gesprochen arbeiteten für den Lohn eines deutschen Arbeiters in der Hütte zwei bis vier Fremdarbeiter. Hätten die RESW für die Ostarbeiter deutsche Löhne zahlen müssen, wären allein für den Juni 1944 über 320 000 Reichsmark mehr fällig gewesen. War das viel oder wenig? Irgendwann lande man bei Erbsenzählerei, so Plettenberg, oder, was schlimmer sei, „im Zynismus“.

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