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Warum eine Speisekarte einen Fantasy-Schreiber begeistert

Warum eine Speisekarte einen Fantasy-Schreiber begeistert

Zweibrücken. Das Haus steht direkt am Wald, ein einsam gelegenes Gebäude (1877), um das es nachts sicher sehr dunkel wird. Dort könnte es durchaus spuken. Und wer weiß, welche Drachen, Vampire und Zwerge dem Autor Markus Heitz im "Alten Bahnhof" (1877) schon zugeflogen sind? Aber nein, im "Wirtshaus" von Willi Horster und Frau ist alles ganz anders

Zweibrücken. Das Haus steht direkt am Wald, ein einsam gelegenes Gebäude (1877), um das es nachts sicher sehr dunkel wird. Dort könnte es durchaus spuken. Und wer weiß, welche Drachen, Vampire und Zwerge dem Autor Markus Heitz im "Alten Bahnhof" (1877) schon zugeflogen sind? Aber nein, im "Wirtshaus" von Willi Horster und Frau ist alles ganz anders. Heiter, überschaubar, unaufgeregt präsentiert sich das Leben im "Vorgarten" unter alten Platanen.

Keine Hektik, gedämpfte Stimmen. Hier, neben Bahngleis und Kiebitz-Fachmarkt, findet man kein romantisch-rustikales Idyll, sondern genießt zeitgemäße Ungezwungenheit. Mindestens einmal die Woche kommt Markus Heitz (38), der aus Einöd stammt, und der Liebe wegen nach Zweibrücken wechselte, vorbei. Sommers wie winters. Denn drinnen ist es fast noch schöner, eine stilvoll-behagliche Mischung aus Bistro, Kneipe, Restaurant. Heitz erscheint bei den Horsters auch schon mal mit Laptop. Schreiben ist für einen der meist gelesenen Fantasy-Autoren Deutschlands offensichtlich ein unangestrenges Angeln in einem unausschöpflichen Geschichten-Reservoir. Heitz hat bereits 30 (!) Romane abgeliefert, die nächsten trägt er ganz konkret mit sich herum, in der Kargohosen-Knie-Tasche: als Plot-Skizzen in Mini-Notizbüchern. "Die reichen noch bis 2016", freut er sich.

Flexibilität, Abwechslung, Variationsbreite sind die Wegmarken seines Schaffens. All dies liebt Heitz aber auch kulinarisch. Deshalb ist die "Bahnhof"-Küche für ihn genau richtig. Die Karte wird im schnellen Rhythmus von vier Wochen neu konzipiert, zeigt sich unverschnörkelt-modern, dabei übernational bodenständig. "Deftige Hacksteaks mit grober Senfsoße und Schwenkkartoffeln" stehen neben "Mediterranem Oktopusragout".

"Kochen ist ein kreativer Akt", sagt Heitz und experimentiert zuhause mit indischer Gewürz-Vielfalt. Zu den Horsters, beide einst im Landhaus des Fasanerie-Hotels engagiert, führt Heitz aber nicht nur sein Gaumen. Auch die Sympathie für den Wirt: "Nach 22.30 Uhr, wenn's gemütlich wird, spielen wir schon mal Schach." Zusätzlich beeindruckt den Vater einer dreijährigen Tochter die Familienfreundlichkeit, die im "Alten Bahnhof" nicht abgeliefert, sondern gelebt werde: Die Wirtsleute sind selbst junge Eltern.

Überhaupt könnte sich Heitz als Marketing-Chef bewerben. Ist die Straße direkt vor dem Biergarten nicht zu laut? "Abends kommen meist nur noch Radler vorbei." Und die Bahn, die mitunter vorbeiknallt, möchte Heitz am liebsten zwangsanhalten lassen. Damit noch mehr Menschen den großen Vorzügen seines Stammlokals erliegen. Den vier Bieren vom Fass oder rund 35 Weinen, die man offen probieren kann. Die Flasche kommt auf den Tisch, gezahlt wird nur der konsumierte Anteil.

Heitz hat selbst Gastro-Erfahrung, stand drei Jahre hinter der Theke seines eigenen Irish Pub "Killarney" in Zweibrücken. Dieses zweite Einkommens-Standbein bräuchte er heute nicht mehr, seiner Udart- und Zwerge-Reihe sei Dank. "Nur zwei bis drei Prozent der Autoren können vom Schreiben leben", sagt Heitz. Dass er die Kommerz-Schiene bedient und eine extrem hohe Schlagzahl vorlegen muss, stört ihn nicht: "Ich arbeite im Literatur-Geschäft. Das heißt nicht umsonst so. Wenn ich 50 bin, kann ich immer noch was Literarisches schreiben. Irgendwann steht dann mal Heitz auf einem Reclamheftchen." Und gefeiert wird das im "Alten Bahnhof"?

Alter Bahnhof. Das Wirtshaus. Annweiler Straße 2; Mo bis Sa ab 16.30 Uhr, Do Ruhetag, So ab 11 Uhr durchgehend. Tel.: (0 68 32) 46 08 13.