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Saarländischen Bergbau entdecken
Wanderer, kommst du zur Grube. . .

Eine der „Entdeckertouren“, die als App auf das Smartphone geladen werden kann, führt zur ehemaligen Grube Göttelborn. Hier ein Blick von oben auf die Halde und den „weißen Riesen“, der höchste Förderturm der Welt.
Eine der „Entdeckertouren“, die als App auf das Smartphone geladen werden kann, führt zur ehemaligen Grube Göttelborn. Hier ein Blick von oben auf die Halde und den „weißen Riesen“, der höchste Förderturm der Welt. FOTO: Thomas Reinhardt / SZ
Saarbrücken. Der Museumsverband lässt mit Hilfe neuer Medien die Alltagswelt der Bergleute wieder lebendig werden.

Das Erbe der saarländischen Bergleute sind nicht nur die Fördertürme. Die stehen auch im Ruhrgebiet. Ihr spezifisch saarländisches Erbe sind Traditionen, Redewendungen, soziale Strukturen, ist die DNA des Saarlandes. Mentalitätsgeschichte lässt sich am anschaulichsten über Zeitzeugenberichte vermitteln.

Doch nur fünf Jahre nach dem Ende des Bergbaus musste der Geschäftsführer des saarländischen Museumsverbandes, Rainer Raber, eine frappierende und frustrierende Erfahrung machen: „Es gibt kaum noch erzählende Bergleute“, sagt er. Die Recherche sei mühsam gewesen: „Wir sind erschrocken, wie viel Historisches in dieser kurzen Spanne seit Ende des Bergbaus hier 2012 schon verloren gegangen ist“, so Raber. „Wie ein Bettelmönch“ sei er über die Dörfer gezogen, um ehemalige Grubenarbeiter oder deren Familien zu finden. Denn deren Stimmen wollte er einfangen, um sie in ein Projekt zu integrieren, das Pioniercharakter hat. Nicht nur im Saarland, sondern bundesweit, wie der erfahrene Ausstellungsmacher und Museumsverbands-Präsident Meinrad Maria Grewenig meint: „So was ist in der deutschen Museumslandschaft einmalig.“ Er meint die „Entdeckertouren“, die Raber in den vergangenen zwei Jahren als neues Format zusammen mit der Saarbrücker Firma Eurokey entwickelt hat. Das sind nicht nur Wanderwege, auf denen man die früheren Anmärsche der Hartfüßler zu ihren Gruben oder die Wege der Bergmannsbauern zu den Öl- und Getreidemühlen  durch Dörfer und Wälder wieder ablaufen kann. Vielmehr geht es um Erlebniswelten.

Es wurde eine Internet-unabhängie, GPS-gesteuerte App entwickelt, mit der man an bestimmten Stationen nicht nur Informationen, etwa historische Bilder, abrufen kann, sondern auch Audio-Beiträge. Just für die suchte Raber nach Zeitzeugen, denn ihre Geschichten und Erinnerungen sollten den Wanderern unmittelbar zurück führen in den Alltag der Berg­leute. Da geht es um „Koschdgänger“ (ledige Berg­leute) oder speziell zugehauene „Mudda Kletzja“, die die Bergleute als Anmach-Scheite vom Grubenholz abzweigten. Auch um „Knuppe“ (Schnapsgläser), die man an Zahltagen beim „Dragoner“ in Wiebelskirchen trank und ums „Ostertaler Lottchen“. So nannte man die Bahn, mit der der Vater nach der Nachtschicht bis zum Steinbacher Bahnhof fuhr, um von dort direkt aufs Feld zu gehen, zum „Grumbeere mache“.

Erzählt wird all das Typische, oft Amüsante und Anekdotische, zwar nicht von den vor Ort zu ihrer Dorf- und Familiengeschichte Befragten, aber von einer authentischen Stimme. Der Museumsverband konnte Walter Engel gewinnen. Er war selbst 25 Jahre unter Tage in Camphausen/Göttelborn und ist Vorsitzender des Saarknappenchors. Und Engel klingt nicht nach Märchenonkel, sondern hat einen wunderbar kernigen Ton drauf.

Bisher sind drei Modellrouten entwickelt (die SZ berichtete). Sie führen durch das Ostertal, durch die Schaumbergregion und durch Quierschied-Göttelborn. Es sollen noch sieben weitere Routen folgen: im Bliesgau, im Warndt, am Litermont und in der Saarlouiser Gegend. Außerdem soll es eine grenz­überschreitende Tour rund um Großrosseln/Forbach geben. Zweisprachig ist die App sowieso.

Das Projekt begeistert sichtlich auch die Wirtschaftsministerin. Anke Rehlinger (SPD) ist sowohl für Industriekultur wie auch für Tourismus zuständig. Ihr Kurs in Sachen Erinnerungskultur gilt allerdings nicht eben als dynamisch. Nun kann Rehlinger dank Museumsverband und dessen „Entdeckertouren“ zeigen, dass das Thema Bergbau-Erbe nicht etwa „in irgendeiner Ministeriumsschublade begraben liegt“, wie sie sagt.

30 000 Euro hat die Entwicklung der App gekostet. Raber fand Unterstützung bei der RAG-Stiftung, dem Wirtschaftsministerium, auch bei den Sparkassen. Dass die Finanzfrage so unkompliziert und schnell, innerhalb von nur 14 Tagen, hat geklärt werden können, das empfand Raber „wie Weihnachten“. Allerdings war’s kein Himmelsgeschenk, sondern Lohn für eine beispielhafte Vorbereitung. Raber hatte nicht von oben nach unten gearbeitet, sondern vor Ort Tourismusbeauftragte, die Bürgermeister, Gewerkschafter sowie den Saarwaldverein mit ins Boot geholt.

Lokale Verankerung und lokale Fans hieß die Devi­se. Deshalb sind die „Entdeckertouren“ nun Teil der „Saarländischen Bergbaustraße“, einer 2013/2014 entwickelten virtuellen Route zu den wichtigsten Denkmälern: Kaum einer kennt diese Berg­baustraße,die in einer Broschüre des Wirtschaftsministeriums verewigt wurde. Raber hat sie in einer Arbeitsgruppe mitentwickelt und schnell gemerkt, dass hier wahres Bergarbeiter-Leben fehlt. Das wird jetzt nachgeliefert.

Alle Informationen zur App:
www.entdeckertouren.saarland