1. Saarland

Vor 200 Jahren kamen die Preußen

Vor 200 Jahren kamen die Preußen

Auf der Flucht vor preußischen Husaren sprengten Franzosen am 7. Januar 1814 den einzigen Weg über die Saar, die Alte Brücke von St. Johann nach Saarbrücken. Der Großteil des Saar-Gebiets fiel 100 Jahre an Preußen.

. Vor 200 Jahren galt der Rhein als unberechenbarer Strom, der nur mit Fähren und im Winter nur unter großen Gefahren zu überqueren war. Umso bemerkenswerter erscheint ein Ereignis, das als "Blüchers Rheinübergang in der Neujahrsnacht 1813/1814” in die Geschichte einging und das auch die Saar-Region nachhaltig veränderte: Denn der 71-jährige Marschall Gebhard Leberecht von Blücher überschritt bei Kaub mit rund 50 000 Soldaten der aus Preußen und russischen Verbündeten bestehenden "Schlesischen Armee", 15 000 Pferden und 182 Geschützen die damalige Außengrenze Frankreichs und läutete damit das Ende von Napoleons Kaiserreich und den späteren Anschluss großer Teile des heutigen Saarlandes an Preußen ein.

Frankreich umfasste in jenem Winter 1813/14 das gesamte linksrheinische Territorium Deutschlands - nach der Annexion durch französische Revolutionstruppen 1793/94 zunächst als Teil der Republik und seit 1804 als Teil jenes Kaiserreichs Napoleon Bonapartes, an dessen Herrschaft noch heute der "Schlangenbrunnen” in Blieskastel sowie der "Napoleonstein” in Homburg-Bruchhof erinnern. Das heutige Saarland teilte rund zwei Jahrzehnte lang das Schicksal Frankreichs. Auf den Schlachtfeldern Europas und Ägyptens kämpften und starben zahlreiche Soldaten, die zwischen Saar, Pfalz und Mosel rekrutiert worden waren oder - wie der in Saarlouis geborene Marschall Michel Ney oder der aus St. Wendel stammende, auf dem Arc de Triomphe verewigte Pierre Antoine François Huber - ihrem Kaiser aus freien Stücken dienten. Vor diesem Hintergrund erklärt sich der am 1. Januar 1814 verfasste Aufruf Blüchers "An die Bewohner des linken Rheinufers”, in dem er erklärte: "Ich habe die schlesische Armee über den Rhein geführt, damit die Freiheit und Unabhängigkeit der Nationen hergestellt, damit der Friede errungen werde. . . Ich werde Euer Eigentum sichern. Jeder Bürger, jeder Landmann bleibe ruhig in seiner Wohnung, jeder Beamte an seinem Platz, und setze ungestört seine Dienstverrichtungen fort. Von dem Augenblick des Einrückens der verbündeten Truppen muss jedoch alle Verbindung mit dem französischen Reiche aufhören. Wer sich dieser Anordnung nicht fügt, wird vor ein Militärgericht gestellt und erleidet die Todesstrafe".

Dem Rheinübergang vorausgegangen war der im März 1813 verkündete Aufruf des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. "An mein Volk", mit dem er von Breslau aus das lange erwartete Signal für den bewaffneten Aufstand gegen Napoleon gab. Russland und England unterstützten den Kampf, Österreich und Schweden schlossen sich an und bald fielen immer mehr der einstigen deutschen Verbündeten von Bonaparte ab. In der blutigen "Völkerschlacht von Leipzig” musste der Kaiser der Franzosen im Oktober 1813 dadurch eine vernichtende Niederlage hinnehmen und konnte sich nur mit Mühe retten, wobei ihn seine Flucht auf der "Kaiserstraße” durch das heutige Saarland führte. Am 6. November 1813 passierte er Saarbrücken und eilte nach Paris. Nach der Rheinüberquerung schlug Blücher mit seinen Truppen in Eilmärschen den Weg in Richtung Saar-Region ein - eine Region, die ihm vertraut war: 1793 hatte er als preußischer Oberst zwischen Saar, Blies und Pfalz an den Abwehrgefechten gegen französische Revolutionstruppen teilgenommen.

Über Kreuznach und Kusel traf die "Schlesische Armee" am 8. Januar 1814 in St. Wendel ein. Dort erinnert bis heute eine Gedenktafel an einem Haus in der Altstadt an den Aufenthalt jenes Mannes, den Zar Alexander I. nach der Völkerschlacht von Leipzig als "den Retter Europas” bezeichnet hatte und den die mit ihm marschierenden russischen Soldaten "Marschall Vorwärts” nannten. Am folgenden Tag erreichten die Truppen Ottweiler, woran neben einer Gedenkplakette am "Hesse-Haus" auch ein 1905 vom Düsseldorfer Kunstmaler Franz Kiederich gefertigtes Wandgemälde im Historischen Sitzungssaal des Landratsamtes erinnert. Ob Blücher hier in dieser Form eine Rede an die Bevölkerung hielt ist nicht sicher. Schließlich erreichten Blüchers Truppen Sankt Johann, das der französische Marschall Auguste-Frédéric-Louis Viesse de Marmont und die Reste seines Armee-Corps am 5. und 6. Januar in Richtung Forbach durchquert hatten - nicht ohne Anstalten zu treffen, die sie verfolgenden Preußen und Russen an der Saar aufzuhalten: So ließ Marmont alle auf dem Fluss liegenden Boote versenken und am 7. Januar beim Herannahen der ersten preußischen Husaren die einzige Saarbrücke, die Alte Brücke, sprengen. Nach dreitägiger Verteidigung zogen sich die zahlenmäßig unterlegenen Franzosen in der Nacht vom 9. Januar aus Saarbrücken zurück, während über die Hochwasser führende und von Eisschollen übersäte Saar Pioniere eine Brücke aus Schiffen bauten. Am 11. Januar konnten Blücher und sein Stab in (Alt-)Saarbrücken einziehen, wo sie im Schloss Quartier nahmen. In einem ersten Bericht hieß es: "Noch sind die Bewohner des linken Rheinufers durch eine 19-jährige schmachvolle Knechtschaft nicht entartet und zeigen reinen deutschen Sinn” - ein Umstand, der sich ein Jahr später nach der endgültigen Niederlage Napoleons bei Waterloo in mehreren Bittschriften Saarbrücker Bürger um "Wiedervereinigung mit dem deutschen Vaterlande” äußern sollte. Daraufhin wurde Saarbrücken wie weite Teile des heutigen Saarlandes Teil des Königreichs Preußen, das knapp 100 Jahre lang in der Region herrschte.