Von Hinterbänklern und Frikadellen aus eigenem Anbau

Von Hinterbänklern und Frikadellen aus eigenem Anbau

Politiker twittern Öffentliche Tagebucheinträge im Internet erfreuen sich auch bei Politikern im Saarland großer Beliebtheit. Beim Anbieter Twitter beispielsweise tun sie in Echtzeit kund, was sie soeben machen, denken, fühlen. Die SZ wählte Beispiele zufällig aus. Ob wir ihn wollen oder nicht, liegt ganz allein an uns: den ständigen Kontakt zu Volksvertretern

Politiker twittern Öffentliche Tagebucheinträge im Internet erfreuen sich auch bei Politikern im Saarland großer Beliebtheit. Beim Anbieter Twitter beispielsweise tun sie in Echtzeit kund, was sie soeben machen, denken, fühlen. Die SZ wählte Beispiele zufällig aus. Ob wir ihn wollen oder nicht, liegt ganz allein an uns: den ständigen Kontakt zu Volksvertretern. Damit wir zumindest die Chance dazu haben, sind viele Politiker online. Geben ständig mehr oder weniger tiefe Einblicke in ihr Leben. Aktuell. In Echtzeit. Rund um die Uhr. Via Internet verraten sie, was sie tun oder lassen, was sie vom politischen Gegner halten und was nicht. Da mischen auch Kommunal-, Landes- und Bundespolitiker aus dem Saarland kräftig mit. Sie twittern sich durchs weltweite Computernetz. Das heißt: Sie teilen sich in knappen Sätzen mit - und dabei geht's längst nicht nur um die große Politik."Hmm. Hab' gerade irgendwie nix Sinnvolles zu sagen. Verdammt." Gut so. Eine löbliche Erkenntnis, die Politiker nicht allzu oft zeigen. Trotzdem konnte es Valentin Holzer, Chef der Jungen Union im Landkreis St. Wendel, am 5. Februar nicht lassen, für diese Zeilen die Finger auf die Computer-Tastatur zu drücken. Wenige Tage später erfahren wir, was Holzer am Fetten Donnerstag, um 11.31 Uhr treibt: Er "hofft, dass die 90 Minuten im Zug nur ein Faasendwitz sind, und gleich kommen leicht bekleidete Schaffnerinnen, um mir den Schlips abzuschneiden!" Eine blühende Phantasie. Dass auch Politikerinnen für Stars schwärmen, verrät Nadine Schön. Die CDU-Bundestagsabgeordnete aus Tholey wird es offensichtlich beim Anblick eines jungen Star-Geigers so warm ums Herz, dass sie sogar aus dem Flugzeug heraus, das sie aus Berlin ins Saarland bringen soll, twittert: "Jetzt geht's nach Hause. Bei mir im Flieger: David Garrett." Und dann outet sie sich am frühen Morgen des 7. Juli als Fußball-Fan, stilsicher im Umgang mit der WM-Modesprache: "Guten Morgen, Schland! Heute gewinnen wir!!!"Am 24. Juli will sie gar den ganzen Globus verzücken: "Hallo Welt! Ich heiße ab sofort nicht mehr Müller, sondern Schön mit Nachnamen." Fragt sich nur, ob sich wirklich der gesamte Erdkreis dafür interessiert. Und dass sie statt des Vor- den Nachnamen ihres Mannes angenommen hat, verwundert keineswegs. "So viel Arbeit um die Ohren, dass ich echt langsam nicht mehr weiß, wo ich dran bin", verkündet Volker Weber über Twitter. Ganz offensichtlich findet der SPD-Fraktionschef im Marpinger Gemeinderat dennoch genügend Zeit, um diese Zeilen abzusetzen. Und auch für das: "Jetzt erst mal Mittagessen: Frikadellen, Nudeln und Salat aus eigenem Anbau." Lassen wir mal die Frage offen, wen es interessiert, was der Fraktionschef so alles futtert. Vielmehr wollen die Leser wissen, wo es den ominösen Frikadellenbaum und Nudelstrauch gibt, der in heimischem Anbau wuchert. Bescheidenheit zeichnet übrigens Weber nicht aus - ein weiterer Eintrag: "Als ein guter Kommunalpolitiker kümmere ich mich auch um kleine Dinge: Senkschaden an den Bordsteinkanten." Ein wahrer Held. Wie sich Parteikollegen ausstehen können oder nicht, lässt Saar-Sozialministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) wissen: "CDU-Kollege will IQ-Test für Einwanderungswillige. Bin für IQ-Test für Parteieintritt." Diese Forderung kam diesmal eindeutig zu spät. Dass die zierliche Kramp-Karrenbauer alles andere als zimperlich mit Widersachern umgeht, bekommt Saar-SPD-Chef Heiko Maas ganz uncharmant zu spüren: "Maas behauptet in Kolumne, ich hätte Schulschließungspläne in der Schublade. Kann meinen Schreibtisch gerne durchsuchen. Erbärmlicher Maas!" Innerparteilich abkanzeln steht hoch im Kurs. Ulrich Commerçon, Fraktionsvize im Saar-Landtag, reagiert abfällig auf ein SZ-Interview seines Fraktionskollegen Magnus Jung aus Nonnweiler-Kastel. Der hatte sich gegen ein fünftes Grundschuljahr und entsprechende Verfassungsänderung gewandt. Gesprächsbereitschaft hatte Commerçon aber zuvor der Landesregierung (CDU, FDP, Grüne) signalisiert. Seine schroffe Reaktion über Twitter zu Jungs Äußerungen in der SZ: "Ach, Du weißt ja: Hinterbänkler, Sommerpause, ". Polemisiert wird viel. Nur wenige Politiker nutzen Twitter für sachliche Aussagen. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit sozialen Netzwerken im Internet scheint für Volksvertreter schwierig, obwohl sie dies von Bürgern verlangen.Übrigens: Um diese öffentlichen Tagebucheinträge lesen zu können, muss der Internetnutzer kein Mitglied einer entsprechenden Computer-Gemeinschaft (Community) wie Twitter sein. Die Eingabe "Twitter" plus den Namen über die Suchmaschine Google lenkt einen direkt auf die entsprechenden Ergebnisse. Produktion dieser Seite: Matthias ZimmermannVolker Fuchs "Maas behauptet in Kolumne, ich hätte Schulschließungspläne in der Schublade. Kann meinen Schreibtisch gerne durchsuchen. Erbärmlicher Maas!"Saar-Arbeitsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (48, CDU), am 8. August 2009 noch als Bildungsministerin überden Online-Dienst Twitter "Als ein guter Kommunalpolitiker kümmere ich mich auch um kleine Dinge: Senkschaden an den Bordsteinkanten."Volker Weber (26),SPD-Fraktionschef im Marpinger Gemeinderat"Über 300 Millionen Euro sind in den vergangenen 25 Jahren in den beeindruckenden Ausbau und die Erneuerung der Ortschaften insgesamt geflossen."Klaus Bouillon (62, CDU), St. Wendels Bürgermeister am 17. November über den Online-Dienst Twitter"Feierabend aufm Balkon. Hatte ganz vergessen, wie geil kaltes Dosenbier schmeckt."Valentin Holzer (27), Vorsitzender der Jungen Union (JU) im Landkreis St. Wendel am 2. Juli über den Online-Dienst Twitter "Gabriel ist ein viel gefährlicherer und schlimmerer Populist als Lafontaine."Heusweiler FDP-Bundestags-abgeordneter Oliver Luksic (30) am 4. Mai über den Online-Dienst Twitter "Brezel Ecker investiert in Homburg 5 Mio Euro und wächst damit in die Top 5 der europaeischen Laugenhersteller. WiMi foerdert Investition." Christoph Hartmann (38, FDP), Saar-Wirtschaftsminister, am 3. Juli über den Online-Dienst Twitter(Klug) "ist nach der ersten persönlichen Begegnung mit Joachim Gauck beeindruckt und sehr überzeugt. Geht offensichtlich vielen so."Astrid Klug (42), SPD-Bundesgeschäftsführerin aus Homburg, am 6. Juni über den Online-Dienst Twitter zum SPD-Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl"Habe gerade gesehen, dass müller auf cdu parteitag über meine tweets mokierte, müller nix verstehen von tweets"Heiko Maas (43), Saar-SPD-Chef, am 2. Juli 2009 über den Online-Dienst Twitter und seit der Wahl im Vorjahr dort kaum aktiv"Jetzt geht's nach Hause. Bei mir im Flieger: David Garrett :-)"Nadine Schön (27), CDU-Bundestagsabgeordnete aus Tholey

StichwortTwitter ist ein soziales Netzwerk im Internet. Es ist öffentlich einsehbar - nicht nur von Mitgliedern. Die Einträge sind wie Tagebuch-Notizen. Maximal 140 Zeichen sind pro Nachricht möglich. Einige bezeichnen den Dienst als SMS im Netz, ähnlich schriftlicher Nachrichten auf Mobiltelefonen. Neben Privatpersonen, Persönlichkeiten aus dem Showgeschäft und der Politik nutzen auch Verlage die Möglichkeit, über Twitter aktuelle Nachrichten an die Nutzer zu senden. Die Einträge erscheinen in Echt-Zeit, eignen sich also auch für kurz verfasste Diskussionsforen. Die Einträge selbst tragen die Bezeichnung Tweets, was vom Englischen to tweet (zwitschern) abgeleitet ist. Darum trägt das Firmenlogo als Symbol auch einen stilisierten Vogel.Der Softwareentwickler Twitter ging Anfang 2006 an den Start. Das US-Unternehmen mit nach eigenen Angaben rund 200 Mitarbeitern hat seinen Sitz in San Francisco/Kalifornien. hgn

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