1. Saarland

Von dreisten Raben unter Tauben

Von dreisten Raben unter Tauben

Viele Namen sah ich eingeschrieben, die dir gestehen voll Zärtlichkeit, dass sie dich unaussprechlich lieben, von nun an bis in Ewigkeit. Nun rat, wer in dein Reich von Tauben, sich hier als dreister Rabe schleicht?" Es war Gustel Kahn, die diese Zeilen 1911 ihrer Mitschülerin und Freundin Marianne Regler in deren Poesiealbum schrieb

Viele Namen sah ich eingeschrieben, die dir gestehen voll Zärtlichkeit,dass sie dich unaussprechlich lieben, von nun an bis in Ewigkeit. Nun rat, wer in dein Reich von Tauben, sich hier als dreister Rabe schleicht?" Es war Gustel Kahn, die diese Zeilen 1911 ihrer Mitschülerin und Freundin Marianne Regler in deren Poesiealbum schrieb.

Des "Anderen", was zwischen den jüdischen und christlichen Familien bestand, war man sich durchaus bewusst, aber das gute Miteinander zur damaligen Zeit wurde dadurch nicht getrübt. Im Gegenteil berichten Zeitzeugen, wie es selbstverständlich war, dass man sich in der Kleinstadt Merzig gegenseitig auch zu gesellschaftlichen Veranstaltungen - selbst solchen mit religiösem Charakter wie etwa dem Simchat-Thora-Ball - einlud und nicht einander ausgrenzte. Tolerante Vorfahren beiderseits prägten das Bild. Erleichtert wurde die Situation auch dadurch, dass die Juden seit 1871 im neu gegründeten Deutschen Reich die volle Gleichberechtigung erhalten hatten und sich so in die Gesellschaft nach und nach besser integrieren konnten.

Die gemeinsamen schulischen Erlebnisse vertieften ebenfalls das Verständnis für einander. Die Fotos mit der "gemischten" Gruppe der Unterprimanerinnen der Höheren Mädchenschule von 1919 und des gemeinsamen Tanzkurs um 1921 sind Beispiele dafür.

Werfen wir nun einen kurzen Blick auf das Städtchen. Die mit dicken Pflastersteinen gepolsterte Poststraße war auch schon damals mit pulsierendem Geschäftsleben erfüllt. Das beschauliche Foto von 1911 lässt davon zwar nicht viel erahnen, umso mehr aber die zahlreichen, vorrangig in der jüdischen Zeitung "Der Israelit" erschienenen Geschäftsannoncen.

Einen lebhaften Bericht über die in der Poststraße lebenden und arbeitenden jüdischen Geschäftsleute, Händler und Ärzte vermittelt uns auch der Schriftsteller Gustav Regler in seinen Erinnerungen.

Als so genannter Shabbesgoi verrichtete Gustav am Sabbat kleine Dienste gegen Entgelt bei den jüdischen Nachbarn, die diese nicht ausführen durften. Beim wohlhabenden Pferdehändler Isidore Kaufmann neben seinem Elternhaus wollte ein Mann Geld kassieren. Man fragte diesen, ob er nicht an einem anderen Tag kommen könne. Doch der Mann beharrte darauf. So wurde Gustav von Frau Kaufmann gebeten, in eine Schatulle zu greifen, um das Geld weiterzureichen. Im Lebensmittelladen der Familie Bonnem bestand eine Kundin darauf, Öl abgefüllt zu bekommen. "Wie paralysiert standen hinter dem Ladentisch alle Bonnems, schließlich riefen sie mich und fragten, ob ich ihnen den Gefallen tun könnte. Es war als handelte es sich um etwas Peinliches. Ich goß in dem Laden, der nach Heringen, Schmalz und Salatöl und all dem Undefinierbaren eines Delikatessgeschäftes duftete, das gelbe Öl in einen Trichter, nahm das Geld, das die Kundin reichte - zum Glück abgezählt - und reichte es Frau Bonnem. Sie schrak zurück, hatte aber dabei ein Lächeln. Ich legte das Geld auf den Ladentisch, es war nicht unsauberer, als alle abgebrauchten Scheine sind. Was geschah in diesen Häusern? Max [Hanau, der jüdische Jugendfreund] erklärte es mir, aber es wurde nicht klarer und vernünftiger dadurch." Der Meinung seines Sohnes über dieses maßlos übertriebene Gebot der Sabbatruhe hielt Michael Regler entgegen, dass man die Bräuche der Minoritäten achten müsse.

Bevor ich weitere Details jüdischer Mitbürger - vorrangig aus dem Geschäftsleben von Merzig - darstelle, möchte ich kurz innehalten mit der Frage "Was ist Schicksal?". Der jüdisch-ungarische Architekt Pail Meller, der auch ein schlimmes erdulden musste, schrieb tröstend an seine Kinder: "Alles ist vorgezeichnet, und alles Gute wie auch das Böse hat seinen Platz in diesem Gesamtbild, das wir Leben nennen und in dem wir nur kleine Bausteine sind."

Als im Januar 1933 die NSDAP mit Hitler an die Macht kam, ahnten vor allem die jüdischen Mitbürger, dass sie in naher Zukunft gefährdet sein könnten. Sie emigrierten, um einer drohenden Verfolgung zu entgehen. Sie verließen die liebgewordene Heimat, verkauften meist unter Druck ihre Geschäfte. Die Familie Bonnem übersiedelte ebenfalls in das vermeintlich sichere Frankreich nach Alençon, wo schon Familienangehörige Zuflucht gesucht und eine neue Existenz aufzubauen begonnen hatten. Die Eltern von Gustel Bonnem, Julius und Ida Kahn, die in der Merziger Hochwaldstraße einen Vieh- und Fellhandel betrieben hatten, waren bereits zu ihrem Sohn Alfred Kahn, der inzwischen dort auch einen Handel mit Altmetallen betrieb wie in seinem Geburtsort Merzig, übergesiedelt.

Wenige Jahre der Eingewöhnung und Ruhe waren allen gegönnt. Die Feier zur Bar Mitzwa, der religiösen Mündigkeit vom ältesten Sohn der Bonnems, Berthold, konnte man noch in 1938 begehen. Nach Kriegsausbruch, September 1939, wurden Alfred und sein Bruder Edgar Kahn und der Schwager Marcel Bonnem, weil sie Deutsche waren, verhaftet. Das Schicksal nahm seinen Lauf über die Arbeitslager bis zur Deportation in die Vernichtungslager. Marcel und Gustel Bonnem mit den Kindern Berthold, Edith und Rudolph starben 1942 auf dem Weg nach Auschwitz bzw. wurden dort vergast. Auch Oma Rebecca Bonnem geb. Hanau kam 79-jährig auf diese Weise ums Leben. Julius Kahn und seine Ehefrau Ida sowie ihr Sohn Edgar und ihre Tochter Germaine (Lilly), verheiratete Meyer, wurden ebenfalls in Auschwitz ermordet. Nur Alfred Kahn gelang es zu überleben, und auch seine Schwester Herta, verheiratete Friedemann, entging dem Holocaust.

Anhand der Familie Kaufmann, neben dem Reglerschen Anwesen, streife ich noch gerne eine andere Perspektive. Isidore und Pauline Kaufmann geb. Beer wurden dank des florierenden Pferdehandels zu Recht als reich angesehen. Sie konnten sich sogar eine französische Gouvernante für die beiden Söhne Alfred und Fritz leisten und das Medizinstudium für den Ältesten allemal.

Das Selbstverständnis zur vaterländischen Pflicht bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges erfasste alle Bevölkerungsgruppen. Dieses kollektive Bewusstsein durchdrang auch die Menschen jüdischen Glaubens, und so meldeten sie sich ebenfalls freiwillig zur Verteidigung ihrer deutschen Heimat. Alfred Kaufmann gehörte auch dazu. Als angehender Arzt war er im Sanitätsdienst eingesetzt und starb bereits im Juli 1915 während seines Dienstes an einer Infektion in Saarlouis. Die noch heute auf dem jüdischen Friedhof in Merzig vorhandene hohe Säule mit dem Äskulapstab erinnert an ihn. Den Heldentod ihrer Söhne an der Front mussten auch weitere jüdische Familien wie Hanau und Tannenberg beklagen.

Die Eltern Kaufmann zog es bald nach Saarbrücken, wo man heute noch ihre Grabstätten auf dem jüdischen Friedhof findet. Der Sohn Fritz verheiratete sich, zog aber nach der Saarabstimmung mit seiner Frau Liese 1935 in die Gegend von Grénoble, wo er eine kleine Chemiefabrik betrieb. Nach dem Einmarsch der deutschen Armee in Frankreich im Juni 1940 gehörte diese Gegend zunächst zur "Freien Zone" des Vichy-Regimes unter Leitung von Marschall Pétain. Man fühlte sich bis 1943 halbwegs sicher.

Auch die Merziger Angehörigen Karl und Lina Kaufmann kamen dort unter. Aber sie wurden denunziert und von der Gestapo in Corenc-le-Haut im Februar 1944 eingesammelt und deportiert nach Auschwitz, während Fritz Kaufmann und seine Familie unter falschem Namen sich versteckten und überlebten.

Diesen Beitrag haben wir zweigeteilt. Fortsetzung in Teil 5 unserer Serie.

"Alle Minoritäten stehen unter Gottes speziellem Schutz"

Michael Regler