1. Saarland

Vom Volkstanz bis zum Cha-Cha-Cha

Vom Volkstanz bis zum Cha-Cha-Cha

Bunt und reichhaltig, interessant und beispielgebend ist das, was viele Bürger im Landkreis St. Wendel tun. In der Serie „Menschen unserer Heimat“ stellt die SZ heute Ilona Kramer aus Bosen vor.

Alles begann mit einer Fernsehsendung. Der Saarländische Rundfunk zeigte im Mai 1982 einen Beitrag über einen Tanzkurs im Otzenhausener Müttergenesungswerk. Eine Zuschauerin: Ilona Kramer aus Bosen. "Ich habe schon immer gerne getanzt. Das, was ich in der Sendung gesehen habe, begeisterte mich. Am Ende hieß es, alle Interessierten könnten sich anmelden. Das habe ich dann sofort gemacht", erinnert sich die heute 72-Jährige.

Schon nach der ersten Tanzstunde fragte die Gruppenleiterin, ob Kramer nicht Lust hätte, eine Ausbildung zur Tanzleiterin zu beginnen. Und die hatte sie. Es folgten Aufbaukurse und Abschlussprüfung beim Bundesverband Seniorentanz. Die Kreisvolkshochschule (KVHS) wurde auf die umtriebige Tanzbegeisterte aufmerksam und engagierte sie vor 30 Jahren als Dozentin. Kramer leitete zunächst die Seniorentanzkurse der KVHS in Nonnweiler und Bosen. Elf weitere folgten im gesamten Landkreis. Unter anderem einer in Niederlinxweiler. "Unsere Tanzgruppe hatte vor 25 Jahren einen Auftritt im Ort. Zufällig war Ilona da. Nach dem Tanz hat sie sich spontan bereit erklärt, die Leitung zu übernehmen", sagt Hans-Jürgen Sicks, Vorsitzender des Heimat- und Verkehrsvereins Niederlinxweiler.

Ob Volkstanz, Samba oder Cha-Cha-Cha, ein Vierteljahrhundert traf sich der KVHS-Kurs im St. Wendeler Stadtteil, um gemeinsam das Tanzbein zu schwingen. Ein besonderer Kurs, denn es nahmen mit sieben Paaren ebenso viele Frauen wie Männer teil. "Bei den meisten anderen Seniorengruppen sind es fast nur Frauen. Mit Männern zu tanzen ist etwas ganz anderes", erklärt Kramer. Doch dieser Kurs findet nun sein Ende. Gesundheitliche Gründe zwingen Kramer dazu.

Grund genug für Harry Hauch, Dezernent für Bildung, Kultur und Ehrenamt beim Landkreis, und damit auch Chef der KVHS, die Teilnehmer und besonders Kramer beim letzten Treffen gebührend zu verabschieden. "Es kommt nicht oft vor, dass jemand der KVHS so lange Zeit die Treue hält. Ilona war mit Herzblut dabei und die treibende Kraft hinter vielen Tanzkursen", bedankt sich Hauch. Als Anerkennung gibt es Urkunden und Blumen für die Mitglieder.

Diese haben sich in Schale geworfen: In Ausgehkleidern der St. Wendeler Bürger aus den 1920er Jahren kommen sie ein letztes Mal zusammen. Gelegenheit, um die Vergangenheit Revue passieren zu lassen. "Eigentlich war jeder Auftritt ein Höhepunkt", sagt Kramer. Und davon gab es viele, nicht nur mit ihren KVHS-Kursen.

Kramer gründete zusätzlich 1986 das Tanzensemble La Volte, mit dem sie die ganze Welt bereiste: Europa, Nordamerika, selbst in Brasilien traten die Saarländer in heimischen Trachten auf. Zudem arbeitete sie mit geistig behinderten und suchtkranken Menschen. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr das Deutsche Trachtenfest am Bostalsee 1998. Oder jenes 1992 in Thüringen, das erste im geeinten Deutschland. Kramer erinnert sich schmunzelnd: "Die Leute dort waren erstaunt, dass wir so gut Deutsch sprechen. Sie meinten, wir Saarländer können dies nicht." Seit fünf Jahrzehnten treu an ihrer Seite: Ehemann Josef. Dieser teilt die Tanzleidenschaft seiner Frau und macht begeistert mit. Seit sie sich kennengelernt haben. Vor über 50 Jahren. Natürlich beim Tanzen.