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Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein

Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein

Saarbrücken. Er hat ein 500 Seiten schweres Buch über Moby Dick geschrieben und hält seit vielen Jahren Vorträge über den Roman Herman Melvilles - man könnte meinen, Professor Eugen Drewermann (Foto: dpa) könnte langsam genug von Kapitän Ahab und seiner Jagd auf den Pottwal haben

Saarbrücken. Er hat ein 500 Seiten schweres Buch über Moby Dick geschrieben und hält seit vielen Jahren Vorträge über den Roman Herman Melvilles - man könnte meinen, Professor Eugen Drewermann (Foto: dpa) könnte langsam genug von Kapitän Ahab und seiner Jagd auf den Pottwal haben. Aber weit gefehlt: Der 69-jährige Theologe, Philosoph und Psychoanalytiker schwärmt mit glänzenden Augen von dem Roman aus dem Jahr 1851 als einem "Edelstein auf der Suche nach einem Herzen, das hart genug ist wie ein Schleifstein". Rund 80 Minuten spricht Drewermann von "Moby Dick oder Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein. Was uns der Ozean über den Menschen lehrt" im Rahmen der Vortragsreihe zur Schau "Ozean der Zukunft" in der Saarbrücker Volkshochschule. Seine und die zitierte Sprache steckt voller Symbolkraft und Poesie, es hagelt Metaphern wie Blut, Meer, Gewitter und Fieberschübe und der Versuch, das Gesagte nur mit dem Intellekt zu fassen, fällt schwer. Gibt man jedoch den aufsteigenden Bildern Raum, öffnet sich eine Schatzkammer der verborgenen Botschaften.

Als ein "sozialpsychologisches Labor" verschiedener Kulturen bezeichnet Drewermann die Besatzung des Walfangschiffes Pequod. "Zwei Jahre ohne Land" werden sie unterwegs sein auf dem Meer, der bildhaften Tiefe der Seele. "Man muss hinaus in eine andere Welt, um sich selbst zu finden", sagt Drewermann eindringlich wie ein Pastor auf der Kanzel, obschon die katholische Kirche ihn 1992 vom Priesteramt suspendierte, unter anderem weil er die Jungfrauengeburt als biologische Tatsache anzweifelte.

Der Seemann Ismael trifft auf den exotischen Kannibalen Quiqueg, dessen Verhalten seine engen presbyterianisch geprägten Vorstellungen bei weitem überschreitet. Aber er erkennt dessen Integrität und erweitert seine Denkgrenzen durch "Herzenserweiterung": "Nur so ist es möglich, da zu existieren."

Und dann ist da natürlich noch Ahab, der hasserfüllte Kapitän, der das "dämonische Monster" Moby Dick töten will. Der zerstören muss, was ihn zum Krüppel gemacht hat. "Dieses Verhalten hat eine merkwürdige Ähnlichkeit zum Nationalsozialismus", sagt Drewermann. "Das Ziel unvernünftig, die Mittel vernünftig kalkuliert. Diese Mischung ist am gefährlichsten." Der Idealismus, das scheinbar Böse zu bekämpfen, führe immer zu neuem Bösem. Der Weg gehe nur über Mitleid und Verständnis für die Menschen, die der Angst oder Boshaftigkeit in ihrer eigenen Seele ausgesetzt seien. "Man kann ihre Geschichte erzählen und mit Barmherzigkeit verstehen."