Vom Niedergang der Pissoir-Philosophie

Vom Niedergang der Pissoir-Philosophie

Toiletten sind mehr als nur Bedürfnisanstalten. Manchmal, so soll die ehemalige Bundesministerin Renate Schmidt, verraten haben, sei ihr Terminkalender so vollgepackt gewesen, dass sie zwischendurch einfach mal zur Toilette gegangen ist - ohne zu müssen. Einfach nur, um ein paar Minuten alleine zu sein

Toiletten sind mehr als nur Bedürfnisanstalten. Manchmal, so soll die ehemalige Bundesministerin Renate Schmidt, verraten haben, sei ihr Terminkalender so vollgepackt gewesen, dass sie zwischendurch einfach mal zur Toilette gegangen ist - ohne zu müssen. Einfach nur, um ein paar Minuten alleine zu sein.Davon, dass unsere Saarbrücker Polit-Größen auf dem stillen Örtchen die Einsamkeit suchen, ist bisher nichts bekannt geworden. Der eine oder die andere von ihnen dürfte aber wissen, dass der Gang zu so manchem Saarbrücker Kneipen-WC fast schon einen Museumsbesuch ersetzt. So mancher Wirt hat den Weg zu seinen sanitären Anlagen mit Kunst garniert. Es gibt auch Gastronome, die noch weiter gehen. Im "Fürst Ludwig" an der Ludwigskirche etwa werden Gäste, die die konsumierten Getränke wieder in den Kreislauf der Natur zurückgeben wollen, selbst auf der Toilette mit Kunst konfrontiert. Dort hängen Kacheln mit Werken des österreichischen Cartoonisten Manfred Deix. Passenderweise sind auf seinen Bildern Menschen zu sehen, die sich ebenfalls gerade erleichtern: Männer in dunklen Anzügen, die sich gegenseitig anpinkeln, oder ein General, der... . Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.Eine Kunstform, die außerhalb des WC überhaupt nicht möglich ist, scheint dagegen auszusterben: die Klospruch-Kultur. Womit keine Kritzeleien à la "Auf diesem Örtchen wohnt ein Geist, der allen in den Hintern beißt" gemeint sind.Der Niedergang der verschrifteten Pissoir-Philosophie dokumentiert sich in einer Kneipe, deren WC früher berühmt und berüchtigt war für Kreativität an der Keramik: Ingos "Kleine Tonhalle". Ingo ist seit über drei Jahren tot. Seinen Nach-Nachfolgern, dem Bulgaren Georgi Mitev und seinem Bruder Billy, ist es zwar perfekt gelungen, das legendäre Spaghettisoßen-Rezept zu rekonstruieren. Was die Kunst auf dem Klo angeht, ist Ingos Ansatz aber nicht der der Brüder. Die - absolut jugendfreien - Hochglanzfotos schöner Frauen habe er jetzt auf der Herrentoilette aufgehängt, damit niemand mehr auf die Idee kommt, den Stift zu zücken und seine Gedanken auf der WC-Wand zu platzieren, sagt Georgi. In der "Kleinen Tonhalle" - und offenbar auch in vielen anderen Kneipen - sind die Zeiten, in denen sich hoch philosophische Gespräche am Stammtisch oder am Tresen in nachdenklichen Worten an der Toilettenwand fortsetzten offenbar vorbei. Sollten Archäologen in vielen Jahren die Farbschichten auf der Tonhallen-Toilette abtragen, werden sie aber vielleicht auf einen Satz stoßen, den dort jemand in den 90er Jahren hinterlassen hat: "Nichtsdestotrotz ist dies ein Ort der himmlischen Ruhe und der kosmischen Geborgenheit." Tipps für Fortgeschrittene? Einfach melden: Tel. 5 02-22 79, E-Mail m.rolshausen@sz-sb.de